Rezension

Verstehen wollen, ohne für alles Verständnis zu haben

Hasnain Kazim ist mit seinem Buch "Der Islam und ich: Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben" eine persönliche, aufgeklärte und zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit dem Islam gelungen.

Wenn es um den Islam geht, weiß Hasnain Kazim, wovon er spricht: In Oldenburg geboren, wuchs er bei nicht sonderlich religiösen, aber von der schiitischen Kultur Indiens und Pakistans geprägten Eltern auf, die später zum Christentum konvertierten. Aus Rücksicht auf die Familie wurde Kazim beschnitten, später wurde auch er Christ, machte begeistert bei den Krippenspielen in dem niedersächsischen Dorf Hollern-Twielenfleth, in dem er aufwuchs, mit und spielte den dunkelhäutigen der drei heiligen Könige. Als Erwachsener trat er aus der Kirche aus, für den Spiegel berichtete er aus Pakistan und der Türkei. Was er dort erlebte, beschrieb er in seinen Büchern "Plötzlich Pakistan. Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt." und "Krisenstaat Türkei. Erdoğan und das Ende der Demokratie am Bosporus."

Hasnain Kazim ist, das wird in all seinen Büchern deutlich, ein neugieriger und offener Mensch, ein Humanist, der sehr genau hinschaut und verstehen will, ohne für alles Verständnis zu haben. Beim Thema Islam wird das schnell zum Problem: Die einen werfen ihm Verrat und Hetze gegen den Islam vor, die anderen, ihn zu verharmlosen und zu viel Sympathie zu haben. In "Der Islam und ich: Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben" nimmt er sich auf 128 Seiten die Zeit, sein Verhältnis darzulegen, und auf keine dieser Seiten möchte man als Leser verzichten.

Opfer des Islamismus sind vor allem Muslime

Kazim beschreibt die rigiden Vorschriften in Afghanistan und Pakistan: "In der radikalen Auslegung des Islam hängt das miteinander zusammen: Musik, Kunst, Bilder, Frauen, Versuchung, Verführung, Sünde, Unmoral." In Afghanistan seien Frauen nach einem Erdbeben unter den Trümmern gestorben, "weil männliche Helfer keine Frauen berühren dürfen oder sich nicht trauen, Frauen anzufassen".

Auch den Hass der von Islamisten aufgestachelten Massen, die alltägliche Gewalt und die Verlogenheit der Eliten, die, wie in Pakistan, oft westlich leben, aber Islamismus predigen, zeigt das Buch, dessen Opfer vor allem Muslime wie die Erdbebenopfer in Afghanistan seien: "Der Terror trifft sie zuerst. In Afghanistan, in Pakistan, in Syrien et cetera sterben sie zu Tausenden durch die Hand ihrer sogenannten Glaubensbrüder."

Die meisten Muslime würden ein normales Leben führen: "Sie stehen morgens auf, wecken ihre Kinder, trinken Tee, hasten zur Arbeit. In den Gassen von Kairo, in den Wohnsiedlungen von Jakarta oder in einem Viertel in Köln leben sie ihr Leben, als Mitglied ihrer jeweiligen Gesellschaft, nicht fanatisch, nicht militant, sondern müde vom Alltag, besorgt um ihre Familien, hungrig nach einem friedlichen Dasein."

Diejenigen von ihnen, die vor diesen Grausamkeiten geflohen seien und es nach Europa schafften, würden nun sowohl unter der Gewalt, der sie entkommen seien, und dem Verdacht, der ihnen entgegenschlägt, leiden. Aber Kazim kann das Misstrauen verstehen: "Wenn Selbstmordattentäter, kurz bevor sie sich in die Luft sprengen, 'Allahu Akbar' schreien, 'Gott ist groß', wenn dieser eigentlich harmlose, unter Muslimen geläufige Ausspruch nach jeder Gewalttat, jedem Terroranschlag, jeder Exekution zu hören ist, darf man sich nicht wundern, wenn viele Menschen damit nichts Gutes verbinden."

Eine Szene, die Kazim bereits in "Plötzlich Pakistan" schilderte, zeigt einen anderen Islam. Ein Mullah in einer Moschee in Multan kritisiert die oft lebensfeindlichen Auslegungen des Islam, die Wut, den Hass und den Streit, der auch die Gemeinden zerreißt: "Der Islam", sagt er, "ist wie ein wunderschöner Vogel mit buntem Gefieder in allen Farben. Aber ein Flügel ist gebrochen, der Vogel kann nicht mehr fliegen."

Der Autor kritisiert den Umgang Deutschlands mit dem Islamismus

Den Umgang Deutschlands mit dem Islamismus kritisiert der mittlerweile in Wien lebende Norddeutsche: Er befürchtet, dass mehr Muslime, als man sich wünscht, die Hamas für Widerstandskämpfer und nicht für Terroristen halten. "Wer Kopftuch tragen will, darf Kopftuch tragen", schreibt Kazim, um einzuschränken, er halte es für diskussionswürdig, "es aus allen staatlichen Institutionen und Ämtern fernzuhalten. Sollen Lehrerinnen, Richterinnen, Staatsanwältinnen, Verwaltungsbeamtinnen, Polizistinnen, Soldatinnen bei der Ausübung ihres Dienstes ein Kopftuch tragen dürfen? Ich bin dagegen."

Kazim beschreibt, dass ihm Muslime in vielen Gesprächen sagten, "dass in wenigen Jahrzehnten die Muslime die Mehrheit der Menschheit bilden würden – auch in den westlichen Ländern. Man treibe das auf drei Wegen voran: durch deutlich höhere Geburtenraten, durch Migration und durch das Ausnutzen liberaler Gesetzgebung im Westen, mit der man sich Raum verschaffe". Das werde dann ein goldenes Zeitalter.

Die Gesellschaft müsse sich dem entgegenstellen. Sie dürfe auch den in muslimischen Kreisen weitverbreiteten Antisemitismus nicht dulden, müsste sich gegen das Machogehabe vieler muslimischer Männer stellen und dem aggressiven Gehabe an den Schulen entgegentreten. Gleichzeitig ist er dagegen, "pauschal über 'die' Muslime her[zu]ziehen", formuliert aber am Ende des Buches eine deutliche Kritik: "Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die friedliche Mehrheit ist irrelevant, wenn eine radikale bis extremistische Minderheit den Ton angibt. Vor allem, wenn die Mehrheit schweigt, sich dem Schicksal fügt, irgendwie doch mitmacht oder sich am Ende sogar überzeugen lässt."

Hasnain Kazim, Der Islam und ich, Penguin Verlag 2026, 128 Seiten, 20 Euro

Unterstützen Sie uns bei Steady!