Dreizehn Ex-Linke erklären, warum sie keine Linken mehr sein wollen. Mal gut begründet, mal nur polemisch wird auf politische Brüche aufmerksam gemacht, manchmal waren dafür auch politische Doppelmoralen ausschlaggebend.
"Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand." Angeblich stammt diese Aussage von Winston Churchill, aber einen Beleg als genaue Quelle gibt es dafür nicht. Gleichwohl gilt diese Bekundung als geflügeltes Wort. Sie macht auf eine interessante Beobachtung aufmerksam: Wer in jungen Jahren politisch links stand, mäßigt sich in späteren Jahren. Manchmal erfolgt gar die Entwicklung hin zu einer konservativen oder rechten Positionierung. Dafür gibt es genügend Beispiele aus der Gegenwart, aber auch der Vergangenheit. Einige aktuelle Autoren, welche eine solche Entwicklung vollzogen haben, äußern sich dazu in einem neuen Sammelband: "Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind", herausgegeben von Ulli Kulke und Reinhard Mohr. Er enthält 13 autobiographisch geprägte Beiträge, welche den genannten Entwicklungsprozess thematisieren. Keiner der Autoren ist indessen rechtsextremistisch geworden, dafür würde es aber auch Beispiele geben.

Wie sich die Beitragenden heute positionieren, ist in den Texten nicht immer klar. Eine scharfe Ablehnung der Linken kann man jedoch überdeutlich wahrnehmen. Der Kabarettist Dieter Nuhr bemerkt etwa: "Ich bin kein Linker mehr. Ich bin erwachsen" (S. 195). Nicht nur bei ihm fehlt die genauere Erörterung solcher Prozesse, sieht man einmal von ironischen Kommentierungen der Linken ab. So besteht manchmal der Eindruck, dass es sich um bloße "Jugendsünden" handelte. Einzelne Darstellungen sind rechthaberisch, aber nicht im aufklärerischen Sinne orientiert. Es gibt allerdings immer wieder Ausnahmen, wie etwa von Antonia Grunenberg, einer Politikwissenschaftlerin: "Wenn links heißt, die Freiheit zu verteidigen, dann bin ich noch immer links. Dumm ist nur, dass die Linke im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert die Freiheit so wenig verteidigt hat" (S. 96). Gerade der fehlende Einklang mit den eigenen Idealen steht für das Problem.
Dies macht auch der Beitrag des Journalisten Samuel Schirmbeck deutlich, der über "die deutsche Linke und ihr(en) Verrat an der europäischen Aufklärung" (S. 221) schreibt. Das Gemeinte findet sich in folgenden Sätzen: "Die abgrundtiefe Gleichgültigkeit großer Teile der deutschen Linken gegenüber den Opfern islamischen Terrors offenbarte sich schon damals. Denn das linke Dogma lautet bis heute: Muslime sind gut, und wenn sie angeblich Schlechtes tun, dann nur als Reaktion auf ihnen zugefügtes Leid durch den Westen …" (S. 225). Abwägende Erörterungen zwischen links und rechts als Orientierungen vermisst man. Eine Ausnahme stellt Matthias Brodkorb, der frühere SPD-Politiker, dar: "So gesehen stehe ich zwischen links und rechts: theoretisch ein Optimist, praktisch ein Pessimist" (S. 53). Er beklagt wie andere Autoren in deren Kommentaren auch, dass Kritik an der politischen Linken allzu häufig pauschal und unbegründet für "rechts" gehalten werde. Derartige Immunisierungsstrategien findet man durchaus im linken Milieu.
Es gibt in dem Band aber auch häufig Überzeichnungen. So meint der Kolumnist Harald Martenstein ein "Wie ich Faschist wurde" (S. 169) als Titel wählen zu müssen, wobei linke Einwände gegen ihn keineswegs nur mit einem solchen Terminus arbeiten müssen. Auch wenn Dutschke und Goebbels von Monika Maron, immerhin eine bekannte Schriftstellerin, eine ähnliche Verortung erfahren (vgl. S. 156), spricht dies nicht für eine argumentative Kritik, sondern für inhaltliche Peinlichkeit. Leider sind nicht wenige Einwände von einem derartigen Niveau geprägt. Immer dann, wenn auf die Doppelmoral vieler Linker verwiesen wird, lohnt die inhaltliche Aufmerksamkeit für kritische Zuspitzungen. Ein Beispiel dafür wäre das Desinteresse an Frauenrechten für Musliminnen. "Solange die deutsche Linke nicht gedenkt", so Schirmbeck, "Frauen wie diese zu schützen, will ich mit ihr nichts zu tun haben" (S. 242). Genau um eine solche Einstellung geht es bei den universellen Menschenrechten.
Ulli Kulke/Reinhard Mohr (Hrsg.), Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind, Stuttgart 2026, Kohlhammer-Verlag, 259 Seiten, 24 Euro






