Bei der Debatte über die Gründe für einen internationalen "Rechtsruck" bleibt häufig unberücksichtigt, dass dabei auch ökonomische Interessen eine wichtige Rolle spielen. Darauf wollen die Aufsätze in dem Sammelband "Oben Rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt" aufmerksam machen. Die Beiträge sind dabei glücklicherweise nicht so "vulgärmarxistisch" wie manche Formulierungen vermuten lassen.
Warum kam es in diversen westlichen Ländern zu einem politischen Rechtsruck ? Wie erklärt sich der Aufstieg eines neuen Rechtsextremismus beziehungsweise Rechtspopulismus? Antworten auf diese Frage werden intensiv diskutiert. Eine Deutung lautet: In den Gesellschaften stünden sich Globalisierungsgewinner und Globalisierungsverlierer gegenüber, manchmal werden sie die "Anywheres" und die "Somewheres" genannt, aber auch "Internationalisten" und "Kommunitaristen" dient zur begrifflichen Unterscheidung. Durchaus bestehen in den Gesellschaften solche Gruppen, wobei aber in einem idealtypischen Deutungssinne frei nach Max Weber gearbeitet werden müsste. Doch erklärt eine derartige soziale Dynamik mit entsprechender Polarisierung, warum es zu den gemeinten politischen Entwicklungen von Milei bis Trump kam? Zumindest als alleinige oder hauptsächliche Erklärung dürfte diese Interpretation angesichts der einseitigen inhaltlichen Prägung wenig überzeugen.

Dieser Auffassung sind auch die Autoren und der Herausgeber eines Sammelbandes: "Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt", editiert von Heinrich Geiselberger, der als Lektor im Suhrkamp-Verlag arbeitet. Darin wird für die Analyse der Gesellschaft in die Wirtschaft geschaut. Anders formuliert geht es um die Frage: Welche Bedeutung haben denn bei dieser Entwicklung jeweils (bestimmte) Unternehmer gehabt? Und: Handelt es sich um das Ergebnis eines "Klassenprojekts", genauer um das einer bestimmten "Kapitalfraktion" und deren spezifischer Ziele? Diese Begriffswahl wird in der Einleitung als "altmodisch" tituliert, erinnert sie doch an (neo-)marxistisch geprägte Ansätze aus den 1970er Jahren. Man merkt manchen Autoren an, dass einschlägige Fernwirkungen noch gegriffen haben. Indessen münden die meisten Abhandlungen nicht in einem befürchteten Vulgärmarxismus. Demgegenüber thematisieren sie bedeutsame Aspekte sozioökonomischer Interessen, welche bei der bisherigen Diskussion zum Thema noch nicht so relevant waren. Eine Ausnahme wären die Betrachtungen zur Entwicklung um Donald Trump in den USA.
Die einzelnen Aufsätze von "Oben rechts" wollen derartige Zusammenhänge stärker thematisieren. Dabei liefern sie meist keine klassischen wissenschaftlichen Beiträge, sondern essayistische Betrachtungen, kombiniert mit einem reportageartigen Herangehen, mitunter auch in einem reflektierenden Sinne. Insofern hat man es eher mit einem problemorientierten Aufschlag, weniger mit einem entwickelten Deutungswerk zu tun. Dabei geht es mal um Baden-Württemberg als "Heimat der Weltkleinbürger" oder um einen "Elitären Anti-Elitismus" als immer wieder aufkommende scheinbar neue Idee. Behandelt wird auch die Geschichte des "libertären Patrimonialismus", aber auch der "Familienkapitalismus und die Revolte der Kleinunternehmer". Und schließlich stehen AfD- und FDP-Anhänger aus wahlsoziologischer Perspektive im Zentrum, aber auch eine "kapitalistische Ausnahmeherrschaft" anhand des "Trumpismus". Dabei gibt es interessante vergleichende Betrachtungen mit dem in Deutschland kaum wahrgenommenen Napoleon III.
Wer eine entwickelte Abrundung nach der Lektüre erwartet, wird von dem Sammelband und seinen Texten enttäuscht sein. Es sollten wohl primär Ansätze zur Deutung präsentiert werden, um eine einseitige Interpretationsrichtung durch eine andere Perspektive zu erweitern. Dies dürfte angesichts der Bedeutung von "Superreichen" in einem solchen politischen Zusammenhang wichtig sein. Die Beiträge verweisen etwa auf die Finanzierung und Gründung von "Think Tanks", welche auf den öffentlichen Diskurs einen bedeutenden Einfluss nehmen können. In Deutschland wird diese Dimension nicht unbedingt breiter zur Kenntnis genommen, sieht man einmal von bekannten Fällen wie der Heritage Foundation und deren informellem Regierungsprogramm für Donald Trump ab. Aufgrund des inhaltlichen Durcheinanders könnte der Sammelband untergehen. Seine altertümliche "Klassenfixierung" bestärkt dies wohl noch. Es gibt darin aber bedeutsame Ansätze für notwendige Fragen, wie die nach den ökonomischen Interessen beim "Rechtsruck".
Heinrich Geiselberger (Hrsg.), Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt, Berlin 2026, Suhrkamp-Verlag, 272 Seiten, 20 Euro






