(hpd) Die 17. Ausgabe des renommierten „Jahrbuchs für Antisemitismusforschung" enthält 15 thematisch ganz unterschiedliche Beiträge zur Antisemitismus- und Vorurteilsforschung, wobei diesmal auch ein Schwerpunkt zur „Islamphobie" präsentiert wird. In diesen informativen Beiträgen, die sich auch mit dem Wirken des „Islamkritikers" Hans-Peter Raddatz beschäftigen, mangelt es aber an einer Differenzierung von Islamfeindschaft und Islamkritik.
Das „Jahrbuch für Antisemitismusforschung" versteht sich als Forum nicht nur für wissenschaftliche Beiträge zur Judenfeindschaft, sondern allgemein zur Minderheiten- und Vorurteilsforschung. Mittlerweile liegt die 17. Ausgabe vor, erneut von dem Historiker Wolfgang Benz im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin herausgegeben. Dieser Band enthält 15 Aufsätze, die fünf thematischen Schwerpunkten zugeordnet wurden und überwiegend von jüngeren Historikern und Sozialwissenschaftlern stammen.
Unter der Überschrift „Feindbild Islam und islamisierter Antisemitismus" geht es zunächst ganz allgemein um Erscheinungsformen der Islamphobie als neuem Phänomen der Vorurteilsforschung, um das politische Umfeld des umstrittenen „Islamkritikers" Hans-Peter Raddatz und um die Islamfeindschaft im World Wide Web anhand der Website „Politically Incorrect", aber auch um antisemitische Einstellungen bei Jugendlichen mit arabischem und muslimischem Hintergrund. Im „Antisemitismus"-Kapitel finden sich Beiträge zur Judenfeindschaft im ersten Jugoslawien 1918 bis 1941, dem Stereotyp der jüdischen Finanzmacht in den japanischen Medien und dem Wirken zweier bedeutender Antisemiten im Wilhelminischen Kaiserreich Hermann Ahlwardt und Bernhard Förster.
Danach liefert das Jahrbuch unter dem Titel „Nationalsozialismus und seine Folgen" Aufsätze zur Gleichschaltung des Berliner Spar- und Bauvereins, eine Fallstudie zu dem „funktionalistischen Täterbild" in der Prozessverteidigungsstrategie des SS-Mannes Friedrich Bosshammer und zur UNRRA-Universität im DP-Camp Deutsches Museum in München. Das folgende Kapitel zu „60 Jahre Israel" enthält demgegenüber nur einen Beitrag zu den Beziehungen des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu Israel und den Juden. Und schließlich geht es bei den „Besprechungsessays" um antisemitische Illustrationen im Bilderbuch „Kalif Storch" und die Edition „Die Verfolgung und Ermordung der Juden Europas in Dokumenten".
Erneut ist es Benz und seinen Mitarbeitern gelungen, ein interessantes und materialreiches Jahrbuch zusammenzustellen. Mitunter finden sich darin auch relativ „exotische" Themen abgehandelt, aber auch sie können als lehrreiche Fallstudien zum Themenkomplex „Antisemitismus- und Vorurteilsforschung" gelesen werden. Im vorliegenden Jahrbuch fällt ein höherer Beitrag von mehr beschreibend-historischen denn analytisch-theoretischen Beiträgen auf. Gleichwohl schmälert dies nicht das Niveau dieser 17. Ausgabe. Bei den Beiträgen zur „Islamphobie" vermisst man allerdings eine trennscharfe Unterscheidung von demokratisch motivierter Islamkritik und extremistisch orientierter Islamfeindschaft.
Armin Pfahl-Traughber
Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17, Berlin 2008 (Metropol-Verlag), 349 S., 21 €





