Gipfelkreuze sind ein kontroverses Thema, an dem sich die Gemüter erhitzen können. Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer haben sich dieser aufgeladenen Symbolik in ihrem Langgedicht "Kreuzfällen" literarisch genähert und die Berggipfel samt ihrer religiösen Möblierung poetisch erkundet.
Gipfelkreuze gehören zu den umstrittensten Symbolen des Alpenraums. Für die einen sind sie Ausdruck gelebter Tradition und religiöser Verankerung, für die anderen ein Anachronismus, der die Berge vereinnahmt und sakralisiert. Kaum ein anderes Objekt bindet Natur, Glauben und Machtanspruch so sichtbar aneinander.

So wie die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg nahezu jede markante Hügelkuppe mit einer Kapelle versah, wurden seit dem Spätmittelalter auch Berggipfel zunehmend mit Kreuzen versehen. Mit dem aufkommenden Alpinismus im späten 19. Jahrhundert setzte eine regelrechte Kreuzsetzungswelle ein: Kaum ein bedeutender Gipfel in den Alpen blieb ohne christliches Zeichen – beinahe so, als würde ein Revier markiert werden müssen. Ob Gipfelkreuze noch zeitgemäß sind, wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Bergsteigerlegende Reinhold Messner kritisierte, dass "den Christen die Berge nie heilig gewesen" seien und sprach von einer problematischen "Möblierung" der Alpen. Besonders spektakulär – und medial aufmerksam verfolgt – sind Fälle, in denen Gipfelkreuze gefällt oder beschädigt wurden, über die auch der hpd wiederholt berichtet hat.
Das Autorenduo Roth und Bayerstorfer nähert sich dem Thema mit sprachlicher Wucht und spielerischer Präzision. In "Kreuzfällen" verbinden sie historische Reflexion, Symbolkritik und poetische Fantasie. Gleich zu Beginn setzen sie einen eigenwilligen Ton, der das scheinbar Ewige als gemacht und vergänglich entlarvt: "Abend heißt der Herbst am Holz, es röten sich die Sägeblätter. Ihr Rauschen stoppt nicht, schmolz und beugt das Gipfelkreuz; es steht nicht, es wurde gestellt, es fiel nicht, es werde gefällt."
Mit großer dichterischer Freiheit lassen die Autoren das "Kreuzabsägen" bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, verknüpfen historische Anspielungen von Canossa bis Benedikt und legen die Risse im christlichen Weltbild offen. Sie sparen nicht mit Ironie und Symbolkritik – und man darf schmunzeln über Söders "gondeltrunkene Nymphenburgaugen", die ebenso genüsslich seziert werden wie kirchliche Selbstgewissheiten.
Poetische Alpenreise
"Kreuzfällen" ist eine poetische Reise mit lyrischen Elementen. Das Langgedicht entfaltet hymnische Passagen, in denen die Alpen selbst sprechen dürfen: "Nehmen wir die Berge beim Wort: Im Großglockner hängen schwere Glocken, die, geschwungen, Lawinen lösen. Um den Großvenediger lagern meteorologische Lagunen, Gondeln legen an Felsvorsprüngen an und der Habicht sieht die Mäuse im Tal."
Die beiden leidenschaftlichen Bergsteiger mit antiklerikalen Tendenzen feiern in ihrem Gedicht aber auch die Schönheit der Alpen, ohne ihre Verwundungen auszublenden. Immer wieder schlagen sie Brücken zu Massentourismus, Infrastrukturproblemen und Klimawandel. Das Gipfelkreuz wird dabei zum Ausgangspunkt einer weit größeren Kritik an der Überfrachtung der Berge: "Vom Gipfelkreuz aus zieht sich die Seilbahnschneise bis in den Steinbruch, der auf den LKW-Stau, unten Brennerautobahn, ausblutet, und das ist eine Wunde, jenseits aller Anschauungen und Metaphern."
"Kreuzfällen" ist damit eine poetische Expedition, die religiöse Symbolik, Landschaftsästhetik und politische Gegenwart miteinander verschränkt. Ein kluges, sprachmächtiges und provokantes Langgedicht – und unbedingt lesenswert.
Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer: Kreuzfällen, Edition Panopticum, Verlagshaus Berlin 2025, 120 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-910320-19-2






