Ein Interview über die Frauenfeindlichkeit der real existierenden Pornografie

"Pornos, in denen Frauen erniedrigt werden, verkaufen sich am besten"

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Penisse sieht man als Graffiti wesentlich häufiger als Vulven. Auch das wollen die Autorinnen ändern.

"Erregender Frauenhass" ist der Titel eines soeben erschienenen Sammelbandes, herausgegeben vom Feministischen Bündnis Heidelberg. Die Beiträge setzen sich kritisch mit Pornografie auseinander und behandeln die Frage, welche Folgen Produktion und Konsum von Pornografie haben – für Frauen und queere Menschen, für das Geschlechterverhältnis, die Gesellschaft und für unsere gelebte Sexualität im Alltag. Der hpd sprach mit zwei der Herausgeberinnen.

hpd: Es gibt ein Lied des österreichischen Liedermachers Georg Danzer aus den 1970ern, in dem singt er als Refrain: "Aber wem, frag ich Sie, schadet Pornografie?" Seinerzeit erschien das als rhetorische Frage; was würdet ihr ihm heute darauf antworten?

Feministisches Bündnis: Dieser Liedermacher scheint uns ein Misogynist gewesen zu sein, die siebte Zeile des Liedes, aus dem du zitierst, lautet:

"alte Frau'n kau'n Alaun, denn sie haben kein Vertrau'n zu Trieben
nur der Hass bringt noch was, hassen macht auch viel mehr Spaß als lieben".

Hier wird Kritik an der Pornografie durch den Hass alter Frauen erklärt. Das ist ein typisch misogynes Narrativ nach dem Motto: "Sexfeindliche", als unattraktiv abgewertete Frauen würden die Pornografie beziehungsweise Prostitution aus "Sexfeindlichkeit" "hassen" und sie deshalb verurteilen.

Nun ist es uns als Feministinnen jeden Alters ganz im Gegenteil ein Anliegen, die Pornografie zu kritisieren. Kritik ist im Unterschied zum Hass eine theoriegeleitete Einordnung eines gesellschaftlichen Phänomens. Es stellt sich hier beispielsweise die Frage, wie eine Kultur bewertet werden sollte, die diese Sexindustrie ermöglicht. Wir "hassen" die Pornografie nicht, sondern kritisieren sie als Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, das Frauen auf einen männlichen Begehrensgrund reduziert. Frauen und weiblich gelesene Menschen werden in einer Bedürfnisökonomie gefangen gehalten, in der sie paternalistisch behandelt und herabgewürdigt werden und von Gewalt betroffen sind. Sexualität wird in der von dir zitierten Liedzeile aus einer männlichen Perspektive definiert. Sexualität ist für uns nicht festgelegt und könnte in emanzipatorischen Kulturen auch ganz andere Formen und Praktiken beinhalten, als diejenigen, die wir gewohnt sind.

Ganz schön frustrierend finden wir, dass viele Menschen sich aktuell keine emanzipatorischere Sexualität vorstellen können, als die Erniedrigung und männliche Dominanz, die symbolisch und materiell auf Pornografieportalen auffindbar ist. Im Regelwerk der Pornografieplattform "XHamster" beispielsweise ist Recherchen zufolge festgehalten, dass nur Videos mit "echtem Erhängen" und "echten Tötungen" von einer Handvoll unbezahlter Männer gelöscht werden dürfen. Diese Rolle der Pornografiemonopolisten wie "Mindgeek" wird im Artikel "Revolutionäre Liebe. Der Raum jenseits von Tradition und Neopatriarchat" von Hanna Vatter dargestellt.

Schon in den 70er Jahren war Danzers Liedzeile ein unreflektierter Machtgestus aus einer patriarchalen Perspektive. Wir verurteilen, dass wir in diesen Fragen inzwischen nicht feministischer denken. Wir sehen unseren Auftrag im Anbieten von feministischen Perspektiven, die ein Denken außerhalb dieser patriarchalen Sexualitätslogik ermöglichen soll.

Buchcover

Danzers Position galt damals als progressiv, war in erster Linie gegen die vorherrschende klerikal-konservative Sexualfeindlichkeit gerichtet. Was hat sich seitdem verändert?

Wir halten die Kritik an der Institution Kirche und der christlichen Sexualmoral, heute wie damals, für sehr wichtig. Ebenfalls sehr wichtig ist unseres Erachtens die Kritik an der sogenannten "sexuellen Revolution", denn auch sie hatte das männliche Subjekt zur Grundlage – genauso wie christliche Sexualideale. Wir begreifen religiös-misogyne Ideologie und die Ideologie der scheinbaren, sexuellen Freiheit als historisch miteinander zusammenhängend, und eben nicht als Gegensatz. Das Motto der sexuellen Befreiung der 70er-Jahre-Revolutionäre – "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" – ist eine exemplarische Formel der sogenannten sexuellen Befreiung. Hier wird weibliche Sexualität nur als etwas Passives, Konsumierbares thematisiert – nicht als etwas Egalitäres. Wir widersprechen also der Bewertung, es habe sich bei der "sexuellen Revolution" um ein durchweg progressives Projekt gehandelt, das zur Verwirklichung sexueller Freiheit geführt hat. Brigitte Kiechle thematisiert im Sammelband in einem Interview mit uns die feministischen Kämpfe, die es diesbezüglich in der zweiten Welle der Frauenbewegung gab.

Patriarchale Kulturen kreisen um Männlichkeit – eine Ablehnung dieser Selbstverständlichkeit kränkt Männer enorm. Diese Kränkung wiederum wird an Frauen und weiblich gelesenen Personen ausagiert. In den 70er Jahren wurden wesentliche Grundlagen geschaffen, die den riesigen Sexmarkt ermöglichten, mit dem wir es heute zu tun haben. Die Digitalisierung hat die Pornomonopolisten zu Giganten gemacht. Hier werden (sexuelle) Gewalt und misogyne Abwertung massenhaft als sexuelle Praxis – Pornografie – angeboten. Heutzutage ist im Vergleich zu damals anders, dass die globalisierte Sexindustrie Frauenhandel betreibt, Pornografie selbstverständlicher Teil der eigenen Sexualität geworden ist, dabei eine globale Diskriminierung von Frauen und Mädchen befeuert wird. Der westliche Pornografie-Konsument masturbiert auf das Produkt einer globalen Abwertung und Ausbeutung der Frau – was also auch eine Kritik an postkolonialen Verhältnissen und daher eine rassismuskritische Perspektive nötig macht. Die koloniale Tradition, in der die Pornografie steht, wird im Artikel "Pornografie im Kontext kolonialer Gewaltherrschaft" von Sophia Middeke erläutert. Zudem konnten wir Gail Dines gewinnen, die ebenfalls zur Verbindung Rassismus – Pornografie schreibt.

Euer Buch heißt "Erregender Frauenhass". Das entspricht nicht unbedingt der Erwartung in Bezug auf die Wirkung erotischer Bilder. Wie ist der Titel denn zu verstehen? Wie genau definiert ihr Pornografie?

Pornografie definieren wir als bild- und tongestützte Erzeugnisse, die Sexualität zeigen und zum Zweck des sexuellen Genusses produziert wurden. Seit der Digitalisierung von Sexualität in der Pornografie beobachten wir eine Vermischung von Prostitution und Pornografie, zum Beispiel im Camsex und auf sogenannten "sozialen Plattformen" wie "OnlyFans" oder "My Dirty Hobby". Hier und an ähnlichen Orten können Pornokonsumenten manche "ihrer Content-Creatorinnen" auch in Präsenz zum Sex treffen, der wiederum zum Teil für andere Pornografiekäufer gefilmt wird.

Dass Frauenhass – also Misogynie – als erotisch wahrgenommen wird, sehen wir in den dort gezeigten Praktiken. Hier reicht das Spektrum von Objektifizierung der Frauen, also emotionaler Gewalt, hin zu physischer Gewalt, etwa durch erniedrigende oder schmerzhafte Praktiken oder im BDSM. Dass Gewalt gegen Frauen als Pornografieprodukt so massenhaft produziert und konsumiert wird, bewerten wir als bewussten und unbewussten Frauenhass. Sowohl die Produktion als auch die Konsumtion dieser kulturindustriellen Produkte – Pornoszenen – sind für uns der Ausdruck einer misogynen Sexualität und deren ständige Konsumtion befeuert diese sexuelle Praxis wechselwirkend.

Wir sind gar nicht per se gegen Pornografie, stellen jedoch fest, dass sie bestehende gesellschaftliche Missverhältnisse widerspiegelt. Sie prägt Sexualität und ihre Praxis von Grund auf und unterwirft sie Zwängen – ein Denken außerhalb patriarchaler Sexualität kommt nur sehr selten vor. Das heißt, dass uns kein Pornoprodukt bekannt ist, das Sexualität wirklich emanzipatorisch darstellt und sich auch die Frage stellt, unter welchen Bedingungen das überhaupt möglich sein könnte. Wir denken, dass es noch viel Potenzial gibt, emanzipatorische Sexualität zu entwickeln und vielleicht auch irgendwann abzubilden – dafür müssen misogyne Strukturen mehr und mehr aufgebrochen werden, in allen Lebensbereichen. Unsere feministische Kritik ist hoffnungsvoll und utopisch – wir wollen eine ganz andere Sexualität und damit ein ganz anderes Zwischenmenschliches. Wir wollen eine solidarisch-emanzipatorische Sexualität und Kultur. In dieser gibt es keinen Markt, der Frauenkörper für Pornoprodukte missbraucht.

Gerade wurden Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass Gewalt gegen Frauen, auch in Deutschland, wieder zunimmt. Ist das Ausdruck einer wachsenden Akzeptanz gegenüber Gewalt als Mittel der Konfliktlösung allgemein oder spielt das von euch beschriebene Frauenbild auch eine wichtige Rolle?

Tatsächlich ist da was dran – und auch wieder nicht. Die Produktion dieser Studien und die aktuelle, gesellschaftliche Debatte zum Thema "Gewalt gegen Frauen" ist ein Zeichen dafür, dass das Thema ernster genommen wird. Gleichzeitig sind sie ebenso ein Zeichen für einen Anstieg von Gewalt, der offensichtlich nicht mehr ignoriert werden kann. Wenn wir die rechte Bewegung, die Pick-up-Artists und die Incels anschauen, so sehen wir ein besorgniserregendes Ausmaß an Gewalt befürwortenden Positionen und Praktiken. Enorm misogyne Narrative breiten sich aus, in denen Frauen als bösartig, intrigant und übermächtig fantasiert werden. Mädchen und Frauen wird in diesen Diskursen unterstellt, Jungen und Männer mit ihrer Sexualität zu manipulieren und zu dominieren. Teile der AfD vertreten misogyne Verschwörungsnarrative, wonach Feministinnen "den großen Austausch" zu verantworten haben. Hier wird fantasiert, Frauen und queere Menschen befänden sich in einer machtvollen gesellschaftlichen Position. Diesen Verschwörungsideologen zufolge hätten wir Frauen eine misandrische, also männerfeindliche Gesellschaft etabliert, in der das "echte Mannsein" unterdrückt werde.

Diese Verschwörungsideologien produzieren Gewalt gegen Frauen, die in Beziehungen ausgelebt wird. Hier müsste der deutsche Staat eigentlich viel aktiver sein. 2011 hat er sich nämlich verpflichtet, die sogenannte "Istanbul-Konvention" umzusetzen und Frauen, Mädchen und weiblich gelesene Personen vor männlicher Gewalt zu schützen. So ein Dokument entsteht nicht aus Langeweile, sondern weil Mädchen, Frauen und queere Menschen weltweit von männlicher (sexueller) Gewalt betroffen sind. Diesem Auftrag kommt die BRD nicht nach. Ganz im Gegenteil werden aktuell aktiv Hilfsstrukturen abgebaut, die vor dieser Gewalt schützen sollten. In dieser Austeritätspolitik sehen wir eine Akzeptanz von Gewalt als Mittel der männlichen Dominanz. Hier werden Frauenleben und Leben von Kindern systematisch aufs Spiel gesetzt. So will die AfD etwa das Schuldprinzip bei Scheidung und das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen einführen. Das wird mehr Abhängigkeit und damit mehr Gewalt gegen Frauen zur Folge haben beziehungsweise diese weiter normalisieren.

Pornografie ist ebenso ein Ausdruck und Mittel männlicher Gewalt. Dass diese akzeptiert wird, ist Ausdruck der Akzeptanz von Dominanz gegenüber Frauen als Mittel der sexuellen Befriedigung. Dass die Kritik an der Pornografie als "sexfeindlich" und konservativ verunglimpft wird, ist Teil der Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen.

Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass mittlerweile Kinder, Jahre bevor sie eigene sexuelle Erfahrungen machen, relativ problemlos selbst an Hardcore-Pornografie herankommen?

Die Unterscheidung zwischen "realer" oder "eigener" Sexualität und Pornografie halten wir für falsch. Das Anschauen von Pornografie ist nach Studienlage inzwischen Teil der alltäglichen Sexualität geworden – egal in welchem Alter. Besonders Männer und Jungen leben ihre Sexualität durch Pornografie aus. Eigentlich ist es so, dass fast niemand in unserer Gesellschaft um Pornografie herumkommt. Wenn also Kinder – Mädchen und Jungen – Studienergebnissen zufolge durchschnittlich im Alter von 11 Jahren gewollt oder ungewollt mit ihr in Kontakt kommen, so wird das im Verlauf zu ihrer eigenen Sexualität. Pornografie anzuschauen ist eine sexuelle Praxis.

Wir sehen Studien zufolge eine Veränderung der Ansprüche von Freiern in der Prostitution. Hier steigt die Nachfrage nach gewalttätigen Sexualpraktiken wie dem sogenannten "Deepthroat". Die Hauptdarstellerin des gleichnamigen Pornos (1972), Linda Boreman (Pseudonym Lindy Lovelace), kämpfte nach ihrem Ausstieg aus der Pornoindustrie gegen ebendiese und die dort stattfindende männliche Gewalt. Dieser aktivistische Teil ihres Lebens interessiert die Öffentlichkeit allerdings nicht – denn der Glaube daran, dass die Praxis "Deepthroat" Teil der sexuellen und feministischen Befreiung ist, ist absurderweise stark ausgeprägt. Deepthroaten wird im Porno sehr häufig praktiziert, während Boremans feministisch-politisches Engagement ignoriert wird. Insofern setzte sich also die Gewaltpraktik durch – anstelle der Kritik einer durch die Pornografie Betroffenen. Dies wird von Mona Schäck in ihrem Artikel "Leerstelle Pornografiekritik" thematisiert.

Wenn Kinder mit der unwidersprochenen Selbstverständlichkeit aufwachsen, dass Praktiken wie Deepthroat eine unproblematische Praxis sind, so wird sexuelle Gewalt als sexuelle Praxis eingeübt. Dieser Umstand wird zu mehr sozialisationsbedingter Verletzungsoffenheit bei Mädchen und mehr Verletzungsmächtigkeit bei Jungen führen. In der Konsequenz haben wir es mit ungleicheren Beziehungen zwischen Frauen und Männern zu tun, in denen sexuelle Übergriffigkeit stattfindet. Wir plädieren hier für eine feministisch informierte Sexualpädagogik, die Sexualität und Egalität miteinander zusammenbringt. Es geht dabei um gewaltfreie Kommunikation, Gefühle, Grenzen, Respekt, Augenhöhe und gemeinsames Genießen, das nicht heteronormativ verstümmelt ist. Es geht um ein emanzipatorisches Genießen. Sexualität und Gewalt sollten nichts miteinander zu tun haben. Lust sollte auf Augenhöhe gelebt werden. Dafür brauchen wir Gelder, Sexualpädagogik, kritische Bildung und Schutzkonzepte.

Wie könnte da eine Gegenstrategie aussehen – jenseits von Verboten, die erfahrungsgemäß sowieso nicht funktionieren?

Vorab müssen wir betonen, dass wir nicht kategorisch gegen Verbote sind. Um den Zustand im Hier und Jetzt zu verbessern, haben sich gesetzliche Verbote zum Teil bewährt. Hier hilft ein Blick auf Länder wie Frankreich, Schweden, Kanada oder Israel, die durch die Einführung des Nordischen Modells, also dem Sexkaufverbot, das Leid, welches das Sexgeschäft produziert, erfolgreich reduzieren konnten. Natürlich werden Gesetze und Verbote gebrochen, dennoch machen sie das Ausüben einer Tätigkeit schwieriger, auch erfährt die Handlung durch ihr Verbot eine größere moralische Verurteilung in der Gesellschaft. Somit gehen wir davon aus, dass Verbote zur Darstellung von misogynen sexuellen Praktiken in der Pornografie sowie auch eine gesetzliche Erschwerung des Zugangs zu Pornografie für Minderjährige, die über einen "Ich bin 18"-Button hinaus geht, sinnvoll ist.

Über Verbote und gesetzliche Regulierungsmöglichkeiten hinaus, können wir hier an die oben genannten Punkte anschließen. Wir brauchen Gelder, Sexualpädagogik, kritische Bildung und Schutzkonzepte. Die Sozialarbeiterin Emma Remisch thematisiert in ihrem Beitrag Möglichkeiten der pornografiekritischen Sexualpädagogik.

Lass uns zwei dieser Punkte noch ausführen: Sexualpädagogik an Schulen sollte ein genauso fester und wichtiger Bestandteil in der Schulbildung sein wie Mathe oder Deutsch. Ein aufgeklärter, verständnisvoller, wissender Umgang mit Sexualität, Körperlichkeit, Grenzen und Lust kann essentiell sein für die Persönlichkeitsentwicklung und diese massiv beeinflussen. Kinder und Jugendliche werden hier vom Bildungswesen allein gelassen. Somit hängt es zu 100 Prozent vom familiären und freundschaftlichen Umfeld ab, welches im Zweifel selbst keinen emanzipatorischen Umgang mit Sexualität gelernt hat und deshalb auch nicht weitergeben kann. Viele Erwachsene sind nicht ausreichend informiert über die leichte Zugänglichkeit für Kinder und Jugendliche zu Pornografie wie auch über Phänomene wie zum Beispiel Sexting oder "OnlyFans". Hier herrscht ein Bildungsdefizit in jeder gesellschaftlichen Gruppe.

Im letzten von euch herausgegebenen Sammelband ging es um Prostitution. Könnt ihr noch mehr zu den Schnittmengen oder Übergängen zwischen Pornografie und Prostitution sagen?

Pornografie wie auch Prostitution sind gleichermaßen dem Sexgeschäft untergeordnet und beides Phänomene, die den weiblichen Körper nutzen, um so viel Kapital wie nur möglich mit der Ware Frau zu erwirtschaften. Sie entspringen der misogynen, patriarchalen Gesellschaft und stützen diese gleichermaßen, indem sie eine Emanzipation der Geschlechter weiter verunmöglichen. Die Profiteure sind hier Zuhälter, Menschenhändler, Sexkäufer und auch der deutsche Staat als moderner Zuhälter profitiert vom florierenden Sexgeschäft in Deutschland durch Steuereinnahmen, Sextourismus und gut laufende Onlineplattformen. Frauen profitieren in der Regel weder beim Business selbst noch von den gesellschaftlichen Auswirkungen der Phänomene Prostitution und Pornografie.

In beiden Bereichen werden sexuelle Handlungen gezeigt oder verhandelt, die dazu dienen, den männlichen Blick oder den männlichen Körper zu befriedigen. Hier schwappen frauenverachtende Praktiken wie zum Beispiel der "Cumshot" ins Gesicht der Frau in der Regel – so die Berichte der Überlebenden und Prostituierten – von der Pornografie in die Prostitution.

Insbesondere seit der zunehmenden Digitalisierung vermischen sich Pornografie und Prostitution vermehrt. So haben viele Bordelle auch "CamGirls" im Angebot und pornografische Angebote wie beispielsweise "OnlyFans" bieten vermehrt auch persönliche Treffen mit den Konsumenten an.

Trotz dieser vielen Schnittmengen sollte Pornografie nicht leichtsinnig als gefilmte Prostitution bezeichnet, sondern auch als gesondertes Phänomen betrachtet werden. In der Prostitution ist der Freier der Täter; in der Pornografie wird auch der männliche Part beim Sex bezahlt und ausgebeutet, auch wenn die physischen Schäden in der Regel nicht so massiv sind.

Ihr verfolgt einen kapitalismuskritischen Feminismus. Was bringt das in Bezug auf Prostitution und Pornografie mit sich?

Das spezifische Leid der Frau in der Prostitution und in der Pornografie und ihre Abwertung kann nicht als Zufall abgetan werden, sondern ist Resultat des patriarchalen Kapitalismus.

Patriarchat beschreibt die direkte oder indirekte Herrschaft von Männern über Frauen sowie auch die strukturelle Abwertung von Weiblichkeit. Durch Sexismus wird die Frau erniedrigt. Sie wird auf ihre Sexualität reduziert und vermeintliche körperliche Schwächen werden betont. Der Frau wird Logik, Vernunft und Verstand abgesprochen, dafür Emotionalität und die Fähigkeit zur Fürsorge zugesprochen. In der gelebten Realität der westlichen patriarchalen Gesellschaft wird Sexismus zum Beispiel erlebt durch sexuelle Übergriffe und die Gender Pay Gap. Trotz der gesetzlichen Gleichstellung bleibt der Subjektstatus der Frau in der Gesellschaft fragil. Dies wird beispielsweise durch Femizide mehr als deutlich.

Als materialistische Feministinnen gehen wir davon aus, dass die patriarchale Abwertung der Frau die Basis dafür bildet, dass Frauen im Kapitalismus die reproduktiven Aufgaben umsonst erledigen. Im Kapitalismus wird die Produktion von Waren als Arbeit verstanden, alle anderen Tätigkeiten, die die Produktion von Waren überhaupt erst ermöglichen, jedoch nicht. Der Feminismus der 1960er Jahre greift dies kritisch auf. Es wurde erkannt, dass im Kapitalismus viele reproduktive Arbeiten notwendig sind, damit produktive Arbeit (die Produktion von Waren) überhaupt möglich ist. Diese reproduktiven Arbeiten umfassen Hausarbeiten wie Putzen, Kochen, Waschen sowie die Erziehung der Kinder. Diese Arbeiten werden als reproduktive Arbeit oder auch Care-Arbeit bezeichnet. Die reproduktive Arbeit wird im Kapitalismus en gros von Frauen unentgeltlich erledigt. Sie werden dafür nicht bezahlt und dies wird durch ihre Abwertung legitimiert.

Der Kapitalismus ist angewiesen darauf, dass die reproduktiven Arbeiten unentgeltlich erledigt werden, da er es sich nicht leisten könnte, diese Arbeit zu entlohnen. Somit ist er auf die Frau als abgewertetes Geschlecht angewiesen und wertet die Frau auch weiterhin ab, indem er die reproduktive Tätigkeit der Zuständigkeit des weiblichen Geschlechts zuteilt und sie nicht bezahlt.

Das Phänomen der Pornografie und der Prostitution darf als Spitze des Eisbergs dieser Abwertung verstanden werden, die dem patriarchalen Kapitalismus inhärent ist. Wie wir also gesehen haben, geht eine feministische Kritik an der Sexindustrie Hand in Hand mit einer radikalen Kritik am patriarchalen Kapitalismus. Nur über diesen Weg kann eine vollständige Emanzipation der Geschlechter erreicht werden.

Ist in diesem Rahmen eine literarische oder bildliche Befassung mit "Begehren" überhaupt denkbar? Oder gibt es in diesem Fall kein halbwegs Richtiges im Falschen?

Selbstverständlich soll eine Auseinandersetzung mit Begehren, Lust und Körpern jederzeit Teil der Gesellschaft sein. Unsere Kritik setzt an der Misogynie in der Pornografie und den Profiteuren der Ware Frau im Sexgeschäft an. Dies bedeutet aber nicht, dass Begehren erst wieder gedacht werden darf, wenn der Kapitalismus überwunden ist. Im Gegenteil plädieren wir für eine lustvollere Gesellschaft und vielfältigeres Begehren, das im Hier und Jetzt anfängt. Dies ist jedoch nur fernab von ökonomischen Zwängen möglich. Denn solange eine bildliche Darstellung von Begehren produziert wird, um Geld zu verdienen, unterliegt sie auch den Marktzwängen.

Leider zeigt der Markt momentan, dass sich Pornos, in denen Frauen erniedrigt, beschimpft, verletzt oder gedemütigt werden, am besten verkaufen. Somit ist ein erster und wichtiger Schritt, eine Produktion zu ermöglichen, die nicht dem Zwang unterliegt, Kapital zu erwirtschaften, sondern einzig zum Ziel hat, Begehren möglichst aufregend, inspirierend und ohne Grenzverletzungen darzustellen. Hier wollen wir abschließend nochmals betonen, dass eine Kritik an der Gewalt und der Misogynie in der heutigen Pornografie nicht gleichgesetzt werden darf mit einer Abwendung von Lust, Sexualität und Begehren.

Im Gegenteil ist gerade die Kritik an der Pornografie eine Zuwendung zu diesen Themen und ein Versuch, Lust, Sexualität und Begehren intensiv zu leben und immer wieder neu zu entdecken.

Feministisches Bündnis Heidelberg (Hrsg.): Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie, Aschaffenburg 2025, Alibri Verlag, 435 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-86569-433-1

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