Arlie Russell Hochschild, eine bekannte US-Soziologin, reiste in eine Hochburg der Trump-Wähler. Ihr Buch "Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten" sucht nach Gründen und entdeckt sie angesichts eines ökonomischen Niedergangs in einem "Schamempfinden" und einem "Stolzverlust".
Warum haben sozial Benachteiligte ihre Stimme seinerzeit Donald Trump gegeben? Diese Frage beschäftigt auch in der Gegenwart noch viele Kommentatoren; scheinen die Gemeinten doch gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen gewählt zu haben. Eine Antwort versucht ein neues Buch von Arlie Russell Hochschild zu geben. Sie war Professorin für Soziologie an der University of California und forscht auch in ihrem Ruhestand weiter. Davon zeugte bereits ihre Arbeit "Fremd in ihrem Land. Eine Geschichte der amerikanischen Rechten" von 2016. Darin berichtete sie von Gesprächen mit späteren Trump-Wählern, wobei immer wieder auf deren emotionale Empfindungen als wichtigen Faktor verwiesen wurde. Dies geschah nicht in Form einer gestrengen sozialwissenschaftlichen Studie, sondern durch Berichte über persönliche Gespräche. Ähnlich ausgerichtet ist auch ihr neues Buch: "Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten". Darin geht es um die Erfahrungen in einem bestimmten Wahlkreis.

Dieser liegt in Kentucky und heißt Pikeville. Er ist durch hohe Armut geprägt und weist einen hohen weißen Bevölkerungsanteil auf. Insbesondere das Ende des Kohlebergbaus prägt dort das soziale Leben, auch weit über persönliche Betroffenheit und ökonomische Lagen hinaus. Früher wählte man mehrheitlich die Demokraten, 2016 und 2024 votierten aber über achtzig Prozent für Trump. Hochschild reiste nun nach Pikeville, um dort im Alltag persönliche Gespräche zu führen. Sie erschien dort nicht mit einem großen Mitarbeiterstab von Sozialwissenschaftlern, sondern wurde in der dortigen Bevölkerung als aufmerksame Interessierte wahrgenommen. Das Buch gibt solche Gespräche wieder, um die Gefühle der jeweiligen Menschen zu vermitteln. Dabei geht es der Autorin nicht um eine Bejahung von deren Einstellung, sondern um das Nachvollziehen von Ressentiments und Wahlentscheidungen. Mehrheitlich sind dies jeweils "weiße Männer", womit aber kein linkes Klischee gemeint sein soll. Die Autorin will ihre Gesprächspartner verstehen.
Genau darin besteht auch die Besonderheit ihres Buchs, das mehr interpretierender Bericht denn sozialwissenschaftliche Studie ist. Es geht durchgängig und primär um das Gefühlsleben der Gesprächspartner und Wähler. Zwei Begriffe tauchen bei Hochschild kontinuierlich auf: "Scham" und "Stolz". Dabei verweist die Autorin auf eine alltägliche Grundhaltung von Individuen, die mit einer Einstellung der Selbstverantwortung für sozioökonomisches Versagen verbunden sei. Demnach bestehe ein latenter Frust über empfundenes persönliches Scheitern, das auch als Scham gegenüber einem verlorenen Stolz nach eigener Wertigkeit fragt. Hochschild blickt auf das emotionale Innenleben, welches hier von zentraler Bedeutung für individuellen Missmut ist. Man fühle sich als Opfer von Umbrüchen, die Identität erodieren ließe und Scham schaffe. So erklärten sich auch zunehmende Aversionen gegen Migranten und Schwarze. Und genau diese gemeinten Grundhaltungen habe Trump im Wahlkampf angesprochen.
Derartige Befindlichkeiten werden durch die informelle Dokumentation vieler Gespräche veranschaulicht, wodurch ein interessantes Bild des jeweiligen Selbstverständnisses der Wähler entsteht. Immer wieder stellt die Autorin dabei auf den Gesichtspunkt ab, dass den Menschen der Stolz verloren gegangen sei. Einschlägige Begriffe prägen denn auch das Buch, etwa die "Stolzfrage" oder die "Stolzökonomie". Für diese Ebene wird auch ein überzeugendes Erklärungsmuster geliefert. Gleichwohl begründet der Blick auf diese Empfindungen in der Gesamtschau nicht alles, etwa die Erosion von Hemmungen gegenüber einer Wahlentscheidung. Bei Hochschild erscheinen die Menschen zu sehr als Opfer, die aus einer passiven Haltung heraus zu Ressentiments und einer bestimmten Wahlentscheidung neigen. Sie entschuldigt all diese Entwicklungen nicht, geht es ihr doch um eine Erklärung. Die Betroffenen sind auch von den Demokraten allein gelassen worden, was zumindest einer von vielen weiteren Bedingungsfaktoren für die Deutung sein könnte.
Arlie Russell Hochschild, Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten, Hamburg 2025, Hamburger Edition, 360 Seiten, 30 Euro, ISBN 978-3-86854-875-4






