Offener Brief an Papst Benedikt

Ein Offener Brief an Papst Benedikt XVI. vom kleinen Thomas (Satire von Andreas Müller)

 

Hallo Papst,

ich bin Thomas. Mein Papa hat mir gesagt, dass Du auch ein Vater bist, aber ein heiliger, während mein Vater – so sagt die Mama – ganz bestimmt kein Heiliger ist. Das wäre schon mal der eine Unterschied.

Mein Lehrer hat noch gemeint, dass du der Nachfolger von Gottes Sohn bist. Das ist mein Vater beim besten Willen auch nicht, sagt Mama. Ich glaube, das ist der Grund, warum er nur „Papa“ heißt und nicht „Papst“, so wie du. Den Namen bekommt man sicher erst im höchsten Papa-Level, so wie bei einem Rollenspiel am Computer, wenn man genügend Dämonen besiegt hat. Mein bester Freund hat gesagt, dass du für Katholiken sogar unfehlbar bist. Alle anderen finden dann wohl, dass du Fehler machst. Und ich bin ja kein Katholik, also finde ich das auch.

Im Fernsehen haben sie gezeigt, dass du in einem kleinen eigenen Land sitzt, das Vatikan heißt und dort gut bewacht wirst. Ein Mann im Fernsehen hat geschimpft, dass dieser Vatikan immer noch nicht die Menschenrechtserklärung von den Vereinten Nationen unterschrieben hat. Na ja, habe ich da gedacht, selbst in einem kleinen Reich kann mal was verschütt gehen, nicht wahr? Siehst du, Papst, und deshalb schreibe ich dir diesen Brief, damit du die Menschenrechte mal hübsch unterschreibst, denn deren Jubiläumsjahr haben wir gerade und wollen noch ordentlich feiern. Allerdings sagt unser Deutschlehrer immer, dass man begründen muss, was man behauptet. Darum sage ich dir jetzt auch, warum du noch unterschreiben musst.

Im ersten Artikel dieser Menschenrechte steht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Du hast doch auch gesagt, dass die Vernunft mit dem Glauben zu vereinbaren ist, also ist das doch kein Problem. Und du redest oft von der Würde, wenn du sagst, dass alte Menschen weiterleben sollen, bis Gott sie holen kommt, auch wenn sie große Schmerzen haben, weil das ja würdevoll ist. Und mit Rechten ist die Kirche auch immer gut ausgekommen. Die Brüderlichkeit ist schon so eine Sache, das verstehe ich, weil ich mich mit meinen Brüdern ja oft streite. Aber wir vertragen uns dann immer wieder und so ist das bestimmt gemeint, dass man sich mit den anderen vertragen soll.

Der Artikel 2 sagt: „Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“ Das heißt ja nicht, dass du nicht finden darfst, dass deine Religion besser ist als die anderen, das findet mein echter Vater ja auch. Das heißt doch nur, dass jeder Mensch diese Rechte hat. Ich finde zum Beispiel, dass mein Bruder ein Dummkopf ist, weil er mir heute morgen in den Kakao gespuckt hat. Aber ich finde nicht, dass er darum kein Recht auf Leben haben soll.

Das steht nämlich im Artikel drei: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Das Recht auf Leben ist sehr wichtig, das sagst du ja auch immer, weil Mütter ihre Kinder nicht abtreiben sollen. Das wäre auch schlecht, wenn meine Mutter das gemacht hätte, denn sonst wäre ich ja nicht hier und könnte dir das nicht schreiben. Aber meine Mutter hat auch gesagt, dass es welche gibt, die gar keine Kinder haben wollen und wenn meine Mutter mich nicht haben wollte, das wäre auch nicht schön.

Freiheit, das bedeutet sicher nicht, dass du frei sein musst, wenn du das nicht willst. Du darfst bestimmt in deinem Papamobil rumfahren, wo du hinter Panzerglas eingesperrt bist, damit keiner auf dich schießen kann, weil Gott kann ja auch nicht überall gleichzeitig aufpassen. Du machst das also zur Sicherheit deiner Person und das soll ja auch dein Recht sein.

Die anderen Menschenrechte habe ich auch gelesen und die finde ich auch gut. Ich mag jetzt aber nicht mehr über die noch schreiben, weil die Wichtigsten habe ich ja schon genannt. Und wenn ich zu viel schreibe, dann vergisst du das ja wieder alles und so kannst du es dir merken. Also, das was ich sagen will ist, dass du die Menschenrechtserklärung unterschreiben sollst, weil die gut ist.

Ich muss aber noch eine Sünde beichten, sagt die Mama, weil das gar nicht der echte Grund ist, warum ich nicht mehr schreiben mag. Eigentlich kommt gerade nämlich meine Lieblingsserie im Fernsehen und die will ich nicht verpassen. Es ist heute eine wichtige Folge, weil es darum geht, ob der Schwamm ein Restaurant bekommt oder nicht. Das klingt vielleicht komisch, aber du kennst das ja.

Alles Gute,
Thomas