In der Berliner Volksbühne läuft zur Zeit eine vierteilige Veranstaltungsreihe zum Iran. Der Titel der Veranstaltungsreihe "Archiv der Leerstellen: Leben und Widerstände der iranischen Diaspora in Berlin" zeigt bereits, wo der Schwerpunkt liegt. Unsere Autorin Susan Navissi hat selbst iranische Wurzeln und die ersten beiden Veranstaltungen besucht.
Draußen tobt die Welt. Es geht um nichts weniger als eine neue Welt(un)ordnung, in der geopolitische Verhältnisse sich ändern. Die anachronistische Gier nach Ressourcen soll durch Kriege befriedigt werden, rechte Regierungen geben sich Größenfantasien hin und nehmen billigend in Kauf, dass Menschen und Lebensgrundlagen vernichtet werden. Dies alles sind keine Neuheiten im Weltgeschehen, aber die derzeitigen Entwicklungen sind teilweise überraschend.
Im Zentrum dieser Neuaufteilung der Welt befindet sich derzeit auch der Iran, interessant nicht nur wegen der Rohstoffe, sondern auch aufgrund der geographischen Lage und der Weigerung der Regierung, sich dem Schicksal zu ergeben, das bereits so viele Länder West-Asiens zerstört hat. Diese Regierung hat bisher den militärisch überlegenen Ländern, die diesen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen haben, erstaunlich einfallsreich Widerstand geleistet. Dazu gehören nicht nur die erschreckend witzigen und scharfsichtigen Legofilmchen, sondern auch der ernsthafte diplomatische Versuch, diesen absurden Krieg durch Verhandlungen zu beenden. Wer jedoch die jüngere iranische Geschichte kennt, weiß, dass die Bevölkerung den Preis zahlen muss für die Interessen anderer und der eigenen Machthaber, seien es Monarchen, Revolutionswächter, die USA, Israel oder wer sonst noch mitmischen möchte in der Gemengenlage.
Das Wissen um oft willkürliche Verhaftungen, Hinrichtungen und Internetsperrungen bestimmen die Tage und oft schlaflosen Nächte jener Menschen, die mit dem Land verbunden sind, sei es politisch oder durch geliebte Menschen.
Auch darüber wurde am 26. April 2026 im Roten Salon der Berliner Volksbühne diskutiert. Nasrin Bassiri und Ali Shhirazi diskutierten über die Universität als Ort des Widerstandes und die iranische Studierendenbewegung der 1960er und -70er Jahre in Berlin-West. Maryam Aras moderierte das Panel – nach einem Filmscreening.
In der Volksbühne wird genau jetzt, zum richtigen Zeitpunkt, eine vierteilige Serie von Veranstaltungen gezeigt, die sich mit der Geschichte des Widerstandes iranischer Menschen in Berlin beschäftigt. Für mich als Tochter eines Aktivisten der Studentenbewegung der 60er/70er Jahre ist es auch eine Zeitreise in meine frühe Kindheit. Der Zeitpunkt für die Zeitreise ist auch deshalb richtig, weil die Gräben zwischen den politischen Gruppen immer tiefer werden. Freundschaften zerbrechen, Familien entzweien sich, weil die mediale Präsenz der Schahanhänger*innen so überwältigend geworden ist, dass selbst die geschätzte iranische Höflichkeit an ihre Grenzen kommt und Diskussionen schnell eskalieren. Wer in der schnelllebigen medialen Welt den Diskurs bestimmt, hängt weniger von argumentativer Überzeugungskraft oder zeitintensiven Analysen ab als vielmehr von technischer Macht, das heißt dem Überschwemmen der sozialen Netzwerke mit Slogans, emotionalen Schlagzeilen, Memes usw. Was an differenzierten Überlegungen fehlt, wird durch Aggression und autoritärem Stil kompensiert.
Die Verzweiflung der Einen, die konkret und unmittelbar unter der islamischen Republik leiden und die Ungeduld und politische Ignoranz der Anderen verhindern, dass sich ein sinnvoller Widerstand formieren kann.
In der Volksbühne beginnt die zweite Veranstaltung mit einem Film von 1967: "Der Polizeistaatsbesuch – Beobachtungen unter deutschen Gastgebern" von Roman Brodmann. En detail wird der Besuch des Schahs und seiner dritten Frau Farah in Deutschland gezeigt. Ein enormes Polizeiaufgebot wird mobilisiert, um den damaligen Machthaber zu schützen.
Dieser Besuch im Juni 1967 markiert einen Wendepunkt, nicht nur für die iranische Diaspora, sondern für die kollektive Geschichte Berlins. Der Staatsbesuch des Schahs und die Ermordung von Benno Ohnesorg wurden zu einem Moment der transnationalen Verflechtung, der die Bewegungsgeschichten Irans und Deutschlands miteinander verband.
Im Roten Salon widmeten sich die Veranstalter*innen dieser geteilten Bewegungsgeschichte. Sie untersuchten die Organisierung der Studierendenbewegung im Schatten des Geheimdienstes SAVAK und die Strukturen der Konföderation Iranischer Studenten (CISNU). Sie stellten Fragen an die damaligen Akteure: Wie fungierte ihre radikaldemokratische Praxis als direkter Gegenentwurf zur Diktatur des Schahs?
Gemeinsam wurde auf dem Panel nach den Kontinuitäten und Brüchen gesucht, die sich über die Jahrzehnte bis heute ziehen: Welche Bedeutung haben diese frühen Experimente der diasporischen Bewegung für die heutige Diaspora?
Deutlich wurde in dieser spannenden Diskussion, die mit Nasrin Bassiri und Ali Shirazi sehr gut besetzt war, dass die CISNU ganz dem damaligen Zeitgeist entsprach. Eine Konföderation erlaubte all den politischen Strömungen Teilhabe. Es wurde diskutiert und gestritten. Denn das gemeinsame Ziel war, auf die menschenverachtende und ausbeuterische Politik eines Monarchen aufmerksam zu machen, der 1953 durch den Putsch gegen den demokratisch gewählten Mohammed Mossadegh wieder auf den Thron gesetzt wurde – von den USA und England – heute bekannt unter dem Namen "Operation Ajax".
Die erste Generation der iranischen Diaspora in Berlin (hauptsächlich Studierende) hat diesen Putsch als Teenager erlebt. Sie haben auch die Regierungszeit von Mossadegh erlebt, ein waches politisches Bewusstsein, eine vielfältige Presselandschaft und eine Zeit der Selbst- und Mitbestimmung an politischen Prozessen. Es galt, diese Demokratie zurückzuerobern, auch aus dem Exil. Das hat die Konföderation vereint.
Das Mykonos-Attentat
Am 3. Mai 2026 diskutierten Hamid Nowzari und Sanaz Azimipour über die iranische Diaspora-Politik, Exil und Widerstand nach der Revolution 1979, die ganz anders verlief, als von vielen politischen Iraner*innen erhofft. Leben und Widerstände der iranischen Diaspora in Berlin zwischen 1970 und 2000 wurden beleuchtet, insbesondere die Organisation und das Überleben nach der Revolution besonders im Kontext des Mykonos-Attentats.
"Wie geht es dir, Hamid?" fragt Sanaz Azimipour nach dem Film über die Zeit des Mykonos-Attentates 1992 in Berlin. Sie hat aus 50 Stunden Filmmaterial ein knapp 45 minütiges Zeitzeugnis zusammengestellt.
"Es geht mir nicht gut", sagt Hamid Nowzari. "Im Januar fanden große Demonstrationen und Streiks in Iran statt. Das Internet wurde für circa drei Wochen abgeschaltet, es gab viele Tote und noch viel mehr Verhaftete. Ende Februar hat dieser Krieg begonnen, Bombardierungen, kein Kontakt zu unseren Lieben, weitere Verhaftungen, – und mehr Hinrichtungen. Nein, es geht mir nicht gut." Es wecke furchtbare Erinnerungen an das Massaker von 1988, bei dem über 5.000 Menschen getötet wurden.
Es ist still im Roten Salon. Wir alle wissen, was er meint. Am 23. Januar 2026 habe ich nach Wochen bangen Wartens eine Nachricht von meiner Familie im Iran bekommen: "Wir sind ok aber hatten lange keinen Zugang zum Internet. So viele haben ihre Lieben verloren, ihre Brüder, Schwestern, Söhne. Es ist so schrecklich!" Danach gab es sporadisch Nachrichten, nur oberflächlichen Austausch, wer weiß, wer das irgendwann und irgendwie, mitliest. Als am 28. Februar 2026 die Bomben auf Teheran, Karaj, Minab und viele andere Orte fielen gab es wieder keinen Internetzugang und bis heute nur drei kurze Mitteilungen: Sie leben.
An diesem Abend am 3. Mai waren auch wichtige Zeitzeug*innen, wie Shohreh Badiee (Ehefrau des ermordeten Nuri Dehkordi) und Hajo Ehrig, einer der Anwälte der Nebenklage, im Roten Salon. Der Mykonos Prozess läutete eine neue Zeit der politischen Arbeit für den inzwischen entstandenen Verein ein, der sich für geflüchtete Menschen aus Iran (und inzwischen Afghanistan) einsetzte. Nowzari beschrieb anschaulich, wie sie, ohne irgendeine Ahnung von Prozessbeobachtung, dem deutschen Rechtssystem und auch den möglichen Gefahren für sie selbst – einfach angefangen haben. Er hat jede Gerichtsverhandlung besucht (mehr als 450), immer ein Protokoll geschrieben, mit dem Verein viele politische Aktionen geplant und auch die Arbeit für die Geflüchteten geleistet.
Eine Frage aus dem Publikum: "Hamid, woher nimmst du die Kraft für das alles?" beantwortet Nowzari so: "Wir haben das alles gemeinsam gemacht. Nach dem Mord an Nuri haben wir intensiv zusammen gearbeitet. Wir konnten uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen. So haben wir auch die verschiedenen Traumata gemeinsam durchgestanden."
"Jede Generation von Widerständigen, die in Berlin ankam, war anders, jede Gruppe hatte ihre ganz eigenen Wünsche und Ideen. Manche wollten nicht mehr politisch aktiv sein, sie wollten einfach leben", fährt er fort. "Andere wiederum sind politisch aktiv geblieben. Mir fiel auf, dass besonders die letzte Generation, die Frau, Leben, Freiheit Generation, politisch aktiv ist. Wir hören uns gegenseitig zu, versuchen uns zu ergänzen und voneinander zu lernen."
Das Publikum war so divers und interessiert, wie es bei einer solchen Veranstaltung nur sein kann. Hier wurde Erfahrung in der politischen Arbeit ergänzt durch Kreativität und Internationalität. Die Achtsamkeit der jungen Generation für Selbstschutz und Ablehnung jeder Form von Diskriminierung (auch Ageism, d. h. Altersdiskriminierung, die oft den Erfahrungsaustausch zwischen Erfahrung einerseits und kreativen neuen Formen des Widerstandes erschwert) passt hervorragend in diese Zeit der multiplen Krisen und Katastrophen.
An diesem Abend hat Hamid Nowzari das Ende seiner offiziellen politischen Arbeit angekündigt – mitten hinein in unser fassungsloses Schweigen. Ein Freund, dem ich später davon erzählte, schrieb zurück: "Das hat er sich verdient."
Am 17. Mai findet die letzte Veranstaltung der Reihe: "Archiv der Leerstellen" im Roten Salon in der Volksbühne statt: Leben und Widerstände der iranischen Diaspora in Berlin (1970-2000) Teil IV: Care, Resistance, and Chosen Families: Iranian Feminist organizing in Berlin (1980s–1990s) | Mit: Sanaz Azimipour, Mina Mahmoudian & Saideh Saadat-Lendle






