Gott und Bild

Verdienter Respekt

Thomé war der Meinung, wenn etwas karikiert würde, zeige dies, dass der karikierte Inhalt ernst genommen würde. Es gehe darum, den Träger der (karikierten) Überzeugung ernst zu nehmen. Dem widersprach Schmidt-Salomon. Wohl seien Menschen als Menschen zu respektieren. Aber manche Überzeugungen von Menschen hätten sich diesen Respekt nicht verdient. Ralf König habe diese beanstandenswerten Überzeugungen karikiert, kritisiere also respektlos diese Praktiken. Indem er die Praktiken kritisiere, zeige er den Respekt vor den Menschen.

Eine Antwort auf die „Kritikallergie“ beispielsweise im Karikaturenstreit sei die „systematische Desensibilisierung“, sagte Schmidt-Salomon weiter. Denn „das Christentum hat einen guten Magen, es hat Kritik immer gut verkraftet“. Und die Konfrontation mit dem aversiven Reiz, analog zur Angsttherapie bei Phobien, könne sich als heilsam erweisen.

Auch Verfassungsrichter Meyer war der Ansicht, dass keine Veranlassung bestünde, die Kunst einzuschränken: „Wir sollten die Kunst schützen“. Wir müssten, so Meyer weiter, notfalls mit juristischen Mitteln denen entgegentreten, die mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt ihre religiösen Ansichten durchdrücken wollten.

Der evangelische Theologe Schaede sah in der Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle in Wahrheit die „Angst vor religiösem Terror“ – diese aber müssten wir riskieren, um Freiheit und öffentlichen Frieden zu gewährleisten.

Stärkere säkulare Gesellschaft?

Im Grundgesetz sei verankert, dass jeder nach seiner Fasson leben könne, auch Muslime, meinte Meyer. Aber unsere freiheitlichen Prinzipien müssten wir aufrechterhalten und nicht etwa „Beihilfe zur Intoleranz“ leisten.

Der katholische Theologe Thomé stimmte dafür, sich auf hohem intellektuellem Niveau sachlich mit Religion auseinanderzusetzen, dies stelle den besten Schutz vor Fundamentalisten dar.

Am Beispiel der Ex-Muslime zeigte Schmidt-Salomon dann auf, wie verletzlich dieses „kleine zarte Pflänzchen ist, das wir Freiheit nennen.“ Die alten Griechen hätten sich auch nicht vorstellen können, dass ihre Kultur irgendwann ausradiert würde. Die Vorstellungen, die sich Menschen von einem imaginären Alphamännchen machten, seien in sich Karikaturen: Dass sich der Schöpfer des Universums ausgerechnet in unserer Tierart der Trockennasenaffen inkarniert habe, dass er sich dafür interessiere, ob Wesen, die auf einem Staubkorn im Weltall lebten, eine Schweinshaxe äßen oder nicht – diese Vorstellungen seien lächerlich.

Man müsse sich, schloss Schmidt-Salomon, auf das einigen, auf das man sich einigen könne. Die Moderne in Europa sei ein wunderbares, erfolgreiches Projekt, für dessen Erhalt man eintreten müsse.

Fiona Lorenz