Kommentar

Papst Leo XIV., Pete Hegseth und der Mythos vom "gerechten Krieg"

papst_leo_xiv.png

Papst Leo XIV. (2025)
Papst Leo XIV.

Während Papst Leo XIV. den Krieg im Nahen Osten verurteilt, berufen sich politische Akteure weiterhin auf religiöse Rechtfertigungen für militärische Gewalt. Die alte Lehre vom "gerechten Krieg" erlebt dabei eine fragwürdige Renaissance.

Zugegebenermaßen: Papst Leo XIV. sammelt mit seinem klaren Eintreten für ein Ende des Irankriegs mediale Pluspunkte. Während weltweit kaum ein führender Staatschef es wagt, Donald Trumps außenpolitische Ambitionen und Aktionen offen zu kritisieren, hat Leo XIV. seinen Standpunkt zum Iran-Krieg in klaren Worten formuliert und Trumps Drohung, die iranische Zivilisation auszulöschen, als "nicht akzeptabel" bezeichnet. In diesem Konflikt beweist der Papst ein bemerkenswertes Rückgrat, wohingegen europäische Politiker wie Mark Rutte eine immer längere Schleimspur hinter sich lassen.

Der christliche Nationalismus von Donald Trump und seinen Hofschranzen offenbart sich in den jüngsten militärischen Konflikten mit immer peinlicheren Statements. "Kriegsminister" Pete Hegseth bat unlängst in einem Gottesdienst (!) um Gottes Beistand für eine entschlossene Gewaltanwendung gegen einen Gegner, der keine Gnade verdiene: "Lass jede Kugel ihr Ziel treffen gegen die Feinde der Rechtschaffenheit und unserer großen Nation!" Kritik an dem in ihren Augen von Gott auserwählten Präsidenten der Vereinigten Staaten duldet dieses Umfeld nicht. Und es überrascht, mit welcher Hybris JD Vance, der erst vor sieben Jahren zum Katholizismus konvertierte, den Papst ermahnt, "vorsichtig zu sein, wenn er über Fragen der Theologie spricht".

Immer wieder beziehen sich die USA auf die Lehre von einem "gerechten Krieg" und biegen sie für ihre eigenen politischen Interessen zurecht. Der Papst hatte zuvor unmissverständlich klar gemacht, dass Gott keinen Konflikt segne: "Ein Jünger Christi, des Fürsten des Friedens, steht niemals auf der Seite derer, die einst das Schwert schwangen und heute Bomben abwerfen." Vance konterte und verwies darauf, dass Gott bei der Befreiung Europas von den Nazis durchaus auf der Seite der Amerikaner gestanden habe.

Die gefährliche Tradition des "gerechten Krieges"

Die Idee von einem "gerechten Krieg" (bellum iustum) geht auf den Kirchenlehrer Augustinus von Hippo zurück, der diese Lehre im frühen 5. Jahrhundert angesichts der Bedrohung Roms durch die Germanen entwickelte. Das "Decretum Gratiani" (um 1140) erlaubte der Kirche, sich gegen Ketzer gewaltsam zu verteidigen: "Wenn einer für die Wahrheit des Glaubens oder für die Rettung des Vaterlandes und zur Verteidigung der Christenheit sein Leben läßt, wird er von Gott himmlischen Lohn erlangen." Thomas von Aquin präzisierte die Lehre später und betonte Kriterien wie den gerechten Grund und die rechte Absicht; Kriege dürften nicht aus Motiven wie Habgier, Hass, Rache oder Ehrgeiz geführt werden.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, welche fürchterlichen Folgen der "gerechte Krieg" nach sich zog: sei es bei den Kreuzzügen ins Heilige Land, der Reconquista auf der iberischen Halbinsel, den Kriegen gegen die Albigenser und andere Häretiker, den Feldzügen gegen die Osmanen oder der Unterstützung der katholischen Mächte in den konfessionell geprägten Konflikten des Dreißigjährigen Krieges. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Evangelikale Pete Hegseth den Schlachtruf der Kreuzritter deus vult ("Gott will es") auf den Oberarm und das Jerusalemkreuz auf die Brust hat tätowieren lassen. Der "Kriegsminister" feiert die religiöse Legitimierung militärischer Gewalt und trug im Pentagon einen Bibelvers vor, den in Wahrheit Quentin Tarantino für seinen Film "Pulp Fiction" erfunden hat.

Kritik nur an den weltlichen Mächten?

Die kritischen Worte von Papst Leo XIV. im aktuellen Konflikt finden viel Zustimmung, doch werfen sie weitere Fragen auf: Warum richtet das Oberhaupt der katholischen Kirche keine ebenso deutliche Mahnung an die iranischen Mullahs, sich von ihrer Drohung zu distanzieren, Israel auszulöschen? Warum verurteilt Leo XIV. Teheran nicht klar für das brutale Vorgehen gegen die Opposition im eigenen Land, dem bisher über 42.000 Menschen zum Opfer gefallen sind?

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Ukrainekrieg: Leo XIV. äußert zwar seine Sorge über die verschärften russischen Angriffe, vermeidet jedoch bislang klare Kritik an Kyrill I. Dabei steht der russisch-orthodoxe Patriarch fest an der Seite von Wladimir Putin und rechtfertigt den Krieg gegen die Ukraine als religiös bedeutsamen "Verteidigungskampf". Wer militärische Gewalt wie Kyrill I. sakral legitimiert, trägt mindestens eine moralische Mitverantwortung für die damit verbundenen Kriegsverbrechen. Gerade die Zurückhaltung gegenüber religiösen Akteuren aller Couleur lässt die päpstliche Position inkonsequent erscheinen.

Kein Krieg ist gerecht

Hinzu kommt das grundsätzliche Problem: Die Idee eines "gerechten Krieges" bleibt eine gefährliche Illusion. Sie suggeriert, dass sich Gewalt moralisch reinigen lässt – dass Töten unter bestimmten Bedingungen legitim oder gar notwendig sei.

Gerade religiöse Begründungen verschärfen dieses Problem. Wer Krieg im Namen eines (christlichen oder islamischen) Gottes führt oder rechtfertigt, entzieht ihn der rationalen Kritik und erhebt ihn in den Rang einer vermeintlich höheren Wahrheit. Das macht Kompromisse schwieriger und Gewalt wahrscheinlicher.

Eine zeitgemäße ethische Position kann daher nur lauten: Krieg ist kein legitimes Mittel der Politik – und schon gar kein religiös zu rechtfertigendes. Statt alte theologische Konzepte zu reaktivieren, braucht es eine klare Absage an jede Form der sakralisierten Gewalt. Denn wo Religion zur Legitimation von Krieg dient, wird sie nicht zur moralischen Instanz, sondern zum Teil des Problems.

Unterstützen Sie uns bei Steady!