hpd: Ausführlich beschäftigen Sie sich mit den Rollen, die wir als Alpha-, Beta-, Gamma- und Omegatiere spielen. Was bedeuten diese Rollen heute?
Kilian: Wir alle werden in biologische Rollen hineinerzogen. Und wir akzeptieren dies stillschweigend. Das Fatale daran ist aber, dass wir diese Rollen nach biologischen Kriterien der Steinzeit einnehmen. Es sind daher nicht die fähigsten und intelligentesten Köpfe, die die Führung in unserer Gesellschaft übernehmen, sondern die, die sich so verhalten, dass wir sie akzeptieren oder akzeptieren müssen. Nicht nur Politiker und Banker sind an der momentanen Finanzkrise schuld. Wir alle akzeptieren solche Systeme, wollen unseren Anteil daran oder unterstützen sie durch Duldung. Wir brauchen in Zukunft bessere Kriterien, um uns unsere Verantwortlichen auszusuchen. Dafür müssen wir aber erkennen, nach welchen Kriterien wir dies bis jetzt tun. Das Problem ist nur, dass viele Menschen gar kein Interesse daran haben, dass ihre Machtspielchen durchschaut werden.
hpd: Daher beschäftigen Sie sich auch mit den Religionen, deren Rolle Sie u.a. auch als pleistozäne Strategien von Betatieren erklären. Was ist damit gemeint?
Kilian: In der Auseinandersetzung mit der Natur lernte der Mensch wissenschaftlich, logisch und realistisch zu denken. Dies war im Umgang mit denkenden Artgenossen aber ein Nachteil. Logisches Verhalten konnte vorhergesehen und durchkreuzt werden. Menschen lügen daher bewusst oder unbewusst, um ihre wahren Absichten zu verbergen und ihre Egoismen zu rechtfertigen. Unsere Führungstiere herrschen in der Realität. Wer ebenfalls an die Macht will und nicht direkt gegen die Alphatiere antreten kann, muss sich eine Lücke suchen, mit der er seine Ansprüche rechtfertigen kann. Religion bietet genau dies: Eine Rechtfertigung für egoistisches Verhalten. Wir alle wollen die Macht und die Interpretationshoheit besitzen. Religiöse Menschen benutzen aber ihre pseudologische Argumentationsebene. Sie verhalten sich damit wie Beta-Tiere, die einen Weg zur Alphatier-Rolle suchen. Sie postulieren ihr imaginäres Alphatier, das ihren Vorstellungen entspricht und sie selber wichtiger macht. Selbstverständlich gruppieren sie für den späteren Machtwechsel schon einmal ihre Anhänger um sich.
hpd: Was sagen Sie zu dem Einwand, dass gegen die „Natur des Menschen“ nichts unternommen werden kann? Dass wir unserem Steinzeiterbe ausgeliefert sind?
Kilian: Hätte ich keine Hoffnung für die Menschheit, so hätte ich das Buch nicht geschrieben. Wir sind nur unserer „Natur“ ausgeliefert, wenn wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Jeder Mensch weiß aus eigener Erfahrung, dass er seine Emotionen in den Griff bekommen kann, wenn er sie bewusst wahrnimmt, darüber nachdenkt oder darüber redet. Wir können unsere „Natur“ zwar nicht ausschalten oder ablegen. Wir können unsere „Natur“ aber erkennen und reflektieren und somit rechtzeitig einschreiten. Wir können unser Verhalten bewusst ändern. Voraussetzung ist aber, dass wir wissen, was zu erkennen und zu reflektieren ist. Dies ist sicherlich für jeden von uns ein harter und lang andauernder Prozess. Die Alternative ist aber eine permanente Wettbewerbsgesellschaft, in der jeder gegen jeden antreten muss. Die Folgen unseres unbewussten Verhaltens spürt jeder: Wir werden gegeneinander ausgespielt und betreiben immer noch Selektion gegen unsere Artgenossen.
hpd: Sie erwähnen im letzten Kapitel, dass neue Spielregeln notwendig sein werden.
Kilian: Ich maße mir nicht an, anderen Menschen neue Spielregeln vorzuschreiben. Dies muss in einem Prozess unter Beteiligung aller geschehen. Die Biologie kann aber helfen, die „Natur“ des Menschen besser kennen zu lernen und ihre Erkenntnisse aus den Jahrmillionen der Evolution aufzeigen. Wir können uns selbst eine neue Umwelt schaffen, in der wir die Vorteile unserer Art besser nutzen und unsere Nachteile besser kontrollieren können. Als Menschen passen wir uns Systemen an und können neue Systeme auch durch neue Spielregeln des Miteinanders erschaffen. Es liegt an uns, die Zukunft zu gestalten. Aber aufbauen muss sie auf unserem Fundament, unserer „Natur“. Zum Erkennen dieser soll das Buch einen kleinen Beitrag leisten.
hpd: Herr Kilian, wir bedanken uns für das Gespräch.
Die Fragen stellte Martin Bauer.
Andreas Kilian: Egoismus, Macht und Strategien. Soziobiologie im Alltag. Aschaffenburg: Alibri 2009. 212 Seiten, kartoniert, Euro 16.-, ISBN 978-3-86569-047-0
Das Buch ist auch im denkladen erhältlich.





