In den ersten Tagen des Irankriegs führte der hpd ein Interview mit dem Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon. Es ging dabei um eine humanistische Einschätzung der kurz zuvor erfolgten amerikanischen und israelischen Angriffe auf das Mullahregime. Damals verwies Schmidt-Salomon sowohl auf die Chancen als auch auf die Risiken dieses Krieges. Wie schätzt er die Lage heute ein, knapp zwei Monate später?
hpd: Michael, du hast deine Haltung zum Irankrieg Anfang März im hpd-Interview als "ambivalent" bezeichnet und gemeint, dass sich die Chancen und Risiken ungefähr die Waage halten würden. Siehst du das noch immer so?
Michael Schmidt-Salomon: Nein, die Gewichte haben sich inzwischen verschoben. In den ersten Tagen des Krieges konnte man noch den Eindruck gewinnen, dass die Amerikaner und vor allem die Israelis einigermaßen wissen, was sie tun. Doch schon wenig später zeigte sich, dass das Gegenteil der Fall ist.
Was meinst du damit?
Es war von Anfang an klar, dass der Iran auf die Angriffe mit Vergeltungsanschlägen gegen Israel und amerikanische Stützpunkte in den Golfstaaten antworten würde. Dies war strategisch einkalkuliert und wurde von amerikanischer und israelischer Seite sogar begrüßt, da man erwartete, dass sich das Mullahregime auf diese Weise noch stärker isolieren würde. Offenbar rechneten die Amerikaner und Israelis jedoch nicht mit einer längeren Sperrung der Straße von Hormus. Zumindest waren sie militärisch nicht darauf vorbereitet, diesen für den Welthandel so wichtigen Seeweg offenzuhalten – ein schwerer strategischer Fehler, der den Revolutionsgarden einen mächtigen Trumpf in die Hand gab. Noch schlimmer war allerdings, dass die USA im Eiltempo auch noch den letzten Rest ihrer ohnehin brüchigen Glaubwürdigkeit verspielten.
Weil sich die Angriffe nicht mehr nur gegen das iranische Regime, sondern gegen die Bevölkerung richteten?
Genau. Das Jahr 2026 hatte damit begonnen, dass das Mullahregime Tausende von Menschen abschlachten ließ, die gegen die staatliche Unterdrückung und die miserable Wirtschaftslage demonstrierten. Trump versprach daraufhin, der iranischen Widerstandbewegung zu Hilfe zu kommen. Aus diesem Grund wurden die Angriffe anfangs nicht nur von Exiliranern, sondern auch von vielen Menschen vor Ort gefeiert. Viele hofften Anfang März auf das Ende der Diktatur. Doch dann richteten sich die Bombardements mehr und mehr gegen die Zivilbevölkerung. Donald Trump toppte dies Anfang April noch mit der Aussage, sein Militär werde "die Iraner" in den nächsten Wochen "extrem hart treffen" und "sie in die Steinzeit zurückversetzen, wo sie hingehören". Vermutlich hat Trump keine Ahnung von der persischen Hochkultur, auf die sich viele Iranerinnen und Iraner bis heute positiv beziehen. Doch spätestens diese Aussage Trumps hat den Menschen im Iran klargemacht, dass der amerikanische Präsident kein "Befreier" ist, sondern bloß ein weiterer Aggressor.
Was ist mit Benjamin Netanjahu? Du hast eben gesagt, dass die USA in diesem Krieg den Rest ihrer Glaubwürdigkeit verspielt hat, aber wurde dieser Krieg nicht hauptsächlich von der israelischen Regierung vorangetrieben?
Das ist zweifellos so, was Netanjahu auch nicht bestritten hat. Im Gegenteil: Er hat öffentlich verkündet, dass er seit Jahrzehnten das Ziel verfolgt, Iran und seine Satelliten-Terrorgruppen unschädlich zu machen. Die Kämpfe gegen die Hamas und die Hisbollah waren nur das Vorspiel zu dem großen Irankrieg, in dem wir uns nun befinden. Netanjahu hat diesen Krieg lange gewollt und es ist ihm gelungen, die Amerikaner auf seine Seite zu ziehen – vermutlich nicht zuletzt durch angeblich sichere Geheimdienstinformationen, die bei der US-Regierung die Illusion erzeugten, es sei leicht möglich, einen schnellen Regimewechsel im Iran herbeizuführen. Ich glaube allerdings nicht, dass Israel dadurch in den Augen der Weltbevölkerung an Glaubwürdigkeit verloren hat, da nach dem verheerenden Gazakrieg ohnehin nur noch wenige Menschen der israelischen Politik vertrauten! Bei aller Sympathie für Israel als dem wohl einzigen halbwegs liberalen, demokratischen Staat im Nahen Osten kann und darf man nicht ignorieren, dass in der Regierung Netanjahu Politiker mit eindeutig genozidalen Absichten sitzen. Es ist erschütternd zu sehen, in welch extreme Richtung sich Israel in den letzten Jahren entwickelt hat. Zwar mag es verständlich sein, dass ein Volk, das den Holocaust durchlitten hat, nun alles dafür tut, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Aber ebenso klar ist: Man kann Islamisten nicht wirksam bekämpfen, indem man ihre Menschenverachtung kopiert. Denn dies schafft nicht die Grundlage für Frieden und Gerechtigkeit, sondern für noch größeren Hass.
Vor zehn Jahren hast du in dem Buch "Die Grenzen der Toleranz" vor einer "Internationalen der Nationalisten" gewarnt, die eine Mixtur aus nationalem Chauvinismus und reaktionären religiösen Dogmen nutzt, um Menschengruppen gegeneinander aufzuhetzen. Ist das die Situation, in der wir uns heute befinden?
Ich fürchte: ja. Autoritäre Herrscher rund um den Globus nutzen nationale und religiöse Mythen, um eine Gruppenidentität zu erzeugen, mit deren Hilfe sich Freund und Feind klar voneinander unterscheiden lassen. Hierin liegt nicht nur die soziale Funktion des "Politischen Islam", sondern auch des "Politischen Christentums", des "Politischen Judentums", des "Politischen Hinduismus" und des "Politischen Buddhismus". Nach den Anschlägen vom 11. September und den nachfolgenden Terrorakten rückte insbesondere der "Politische Islam" in den Fokus der des öffentlichen Interesses. Die dümmste, wenn auch naheliegendste Reaktion auf den "Islamismus" war die Etablierung eines ähnlich strukturierten "Christianismus", der sich inzwischen ebenfalls als Gefahr für den Weltfrieden und die offene Gesellschaft erwiesen hat. Besonders weit getrieben hat dies Putin in Russland, der den Krieg gegen die Ukraine mit der "heiligen Einheit" der russisch-orthodoxen Kirche begründete. In den USA unter Trump sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Dort wird der Irankrieg als "Kreuzzug" gegen "das Böse" verkauft.
Aber geht es in solchen Kriegen wirklich um religiöse Werte? Stehen da nicht ganz andere Ziele im Vordergrund?
Religion war niemals der einzige, häufig nicht einmal der ausschlaggebende Grund für "Heilige Kriege". Es ging dabei stets um materielle Ressourcen und den Machterhalt der Herrschenden. Religiöse Mythen können solche profanen Interessen wirksam kaschieren und zudem den Hass auf "die Anderen" steigern, weshalb religiös aufgeladene Konflikte meist besonders grausam ausgetragen werden. Der interessante Punkt in diesem Zusammenhang ist nun, dass eine derartige Sakralisierung der Politik im 21. Jahrhundert sehr viel schwieriger wird, da die Säkularisierung, die allmähliche Auflösung religiöser Weltdeutungsmuster, mittlerweile nicht nur Westeuropa erfasst hat, sondern weite Teile der Welt. In vielen Ländern sind die Bevölkerungen inzwischen deutlich progressiver als ihre jeweiligen Regierungen, die gerade in weltanschaulicher Hinsicht oftmals arg "zurückgeblieben" sind. Da diese Mixtur aus Spitzentechnologie und Spitzenidiotie brandgefährlich ist und sich letztlich gegen die realen Interessen der Bevölkerung richtet, meine ich: Nicht nur der Iran braucht einen Regimewechsel, sondern auch Russland, die USA, Israel, die Türkei und viele andere Staaten mehr.
Wie realistisch ist es denn, dass es zu solchen Regimewechseln kommt?
Da muss man differenzieren: In den USA und in Israel ist ein Regimewechsel relativ leicht möglich, da die dortigen Regierungen noch immer demokratisch abgewählt werden können. In Putins Mafia- und Geheimdienststaat ist dies ungleich schwieriger und im Iran unter den gegebenen Machtverhältnissen unmöglich. Aber das heißt keineswegs, dass es immer so bleiben wird. Schließlich gerät Putin in Russland durch die zunehmend schwieriger werdende Wirtschaftslage zunehmend unter Druck – und es ist keineswegs ausgemacht, dass es den Revolutionswächtern im Iran dauerhaft gelingen wird, sich gegen die Interessen der Zivilbevölkerung durchzusetzen. Durch die Angriffe der USA und Israels sind sie durchaus geschwächt worden, die Hoffnung auf einen Regimewechsel sollte man nicht vorschnell aufgeben.
Angenommen, die Angriffe hätten einen schnellen Regimewechsel im Iran ausgelöst, ohne dass es dabei zu größeren Verlusten in der Zivilbevölkerung gekommen wäre, würdest du unter dieser Voraussetzung die Angriffe als humanistischer Philosoph rechtfertigen – trotz des offenkundigen Bruchs des Völkerrechts?
Ja. Das hängt auch damit zusammen, dass ich den Begriff des "Völkerrechts" anders fasse, als es gemeinhin geschieht: Das "Völkerrecht" sollte meines Erachtens das "Recht der Völker" schützen – nicht die Herrschaftsinteressen menschenverachtender Regime. Die Mullahs haben die Rechte des iranischen Volkes seit Jahrzehnten auf brutale Weise verletzt, was Anfang 2026 noch einmal schrecklich deutlich wurde. Zudem stellt die für die iranische Führungselite charakteristische Kombination aus religiösem Wahn und technologischer Hochrüstung eine ernsthafte Gefahr nicht nur für das iranische Volk dar, sondern auch für andere Völker, insbesondere für die Menschen in Israel. Dagegen notfalls auch mit militärischen Mitteln vorzugehen, halte ich nicht per se für unethisch oder für einen Bruch des Völkerrechts. An den grundsätzlichen Aussagen, die ich Anfang März formuliert habe, halte ich also weiterhin fest. Selbstverständlich wäre es jedoch besser gewesen, wenn die Angriffe nicht im Alleingang von zwei Nationen mit zweifelhaften imperialistischen Interessen durchgeführt worden wären. Eigentlich hätte es dafür ein UN-Mandat geben müssen. Doch tragischerweise ist der UN-Sicherheitsrat genau dazu nicht in der Lage, da in ihm Nationen mit ebenso zweifelhaften imperialistischen Interessen ein Vetorecht haben.
Gibt es keinen Ausweg aus dieser Situation?
Wir können nur hoffen, dass die UN sich irgendwann zu einer funktionsfähigen Organisation weiterentwickelt, die in der Lage ist, den Weltfrieden und die Beachtung des Völkerrechts zu schützen. Hierzu müsste aber wohl zunächst die Ära der Trumps, Putins und Netanjahus Geschichte sein. Wir stecken da in einer Zwickmühle: Um die "Internationale der Nationalisten" loszuwerden, bräuchten wir eine funktionstüchtige UN – doch eine funktionstüchtige UN kann sich nur entwickeln, wenn wir die "Internationale der Nationalisten" losgeworden sind. Meine größte Hoffnung ist momentan, dass die Nationen, in denen die Bürgerinnen und Bürger noch immer das Privileg haben, ihre Regierung demokratisch zu wählen, in den nächsten Jahren die richtigen Entscheidungen treffen, indem sie Politikerinnen und Politiker in Regierungsverantwortung bringen, die für die offene Gesellschaft eintreten, und allen Autokraten eine klare Abfuhr erteilen – so, wo wie es die Ungarn unlängst im Fall von Viktor Orbán getan haben.
Vielen Dank für das Gespräch!







Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.