Jeder kennt den Autor
Wir sind eher bereit, Freunden und Bekannten einen Gefallen zu tun, als einem Fremden. Und wir kennen uns ja schon so lange, nicht wahr? Zumindest über das Internet. Wir haben auch so viel gemeinsam: Beide lesen wir zum Beispiel gerade diesen Artikel. Das würden wir gar nicht machen, wenn der säkulare Humanismus uns ein Dorn im Auge wäre. Überhaupt muss ich Sie ausdrücklich loben dafür, dass Sie die Weisheit und die Menschenfreundlichkeit besitzen, sich lieber hier bei uns zu informieren, als bei der religiösen Konkurrenz. Das alleine ist schon eine Auszeichnung.
Durch die Betonung von Gemeinsamkeiten wird ein Zugehörigkeitsgefühl erzeugt, das Vertrauen schafft und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Sie mein Buch kaufen. Komplimente funktionieren auch sehr gut. Hat es funktioniert?
Wenn nicht, möchte ich auf die Notwendigkeit hinweisen, dass wir kritischen Zeitgenossen zusammenhalten. Die Feinde der Freiheit verbünden sich weltweit und wir müssen ihnen etwas entgegensetzen und uns gegenseitig unterstützen.
Die Konstruktion von einem Szenario, das Kooperation zwischen Anbieter und Kunde erfordert, ist ein weiterer, effektiver Verkaufstrick. Zum Beispiel tun Gebrauchtwagenhändler gerne so, als würden sie sich mit dem Kunden gegen ihren raffgierigen Chef verbünden.
90% aller Zahnärzte empfehlen mein Buch
Das Autoritätsargument ist in Philosophie und Wissenschaft verpöhnt, doch seinen Zweck verfehlt es selten. Mein Verlag schreibt zum Beispiel über mich: „Andreas Müller ist Redakteur des Humanistischen Pressedienstes und Leitender Redakteur von darwin-jahr.de“. Das sind oberflächlich betrachtet nur Tatsachen, die aber auch dem Zweck dienen, die Autorität des Buchautors zu betonen. Auf dem neuen Buch von Michael Schmidt-Salomon stellt er sich via Spiegel-Zitat ironisch als „Deutschlands Chef-Atheist“ vor.
Wie die anderen sozialen Programme, denen wir folgen, ist auch unser Vertrauen auf Fachautoritäten im Grunde eine gute Sache. Man kann nicht alles wissen und man hat nicht immer die Zeit, sich umfassend zu informieren. Eine Fachautorität kommt da wie gerufen. Doch wie alle unsere Instinkte ist auch dieser grob und offen für Täuschung und Unterwanderung. Zwar haben Michael Schmidt-Salomon und ich eine gewisse Ahnung von dem, worüber wir schreiben, aber unsere Bücher könnten trotzdem so schlecht sein, dass man das Verlangen bekommt, sich nach den ersten Seiten zu desinfizieren und nie wieder ein Buch zu berühren. Auch Fachautoritäten ist also nicht blind zu vertrauen.
Esoteriker und Pseudowissenschaftler machen sich unser Vertrauen auf Autoritäten noch viel hinterhältiger zunutze als ich: Sie missbrauchen die Sprache der Wissenschaft, um wie Experten zu klingen und ihre Produkte zu verkaufen, die mit Wissenschaft gar nichts am Hut haben. Echte Meister der Täuschung sind religiöse Führer. Als Ritual-, Gesetzes- und Traditionswächter mit eindrucksvollen Klamotten werden sie auch von nichtgläubigen Menschen ungemein respektiert. Ihre Dogmen mögen nicht ganz plausibel sein, doch als gesellschaftliche Institution und Hüter von „Werten“, würde man nur ungerne auf sie verzichten.





