(hpd) „Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert“, untertitelte der junge (und schlanke) Soziologe Friedrich Schorb sein aufklärerisches Buch. Darin räumt er recht gründlich mit Fehlinformationen auf, man wird gezwungen, sich von allerlei lieb gewonnenen Vorurteilen zu verabschieden und gewinnt unter Umständen einen lässigeren Blick auf den Menschen an sich.
Nein, sich besser fühlen als andere und auch noch auf deren Kosten funktioniert nach der Lektüre dieses Werkes nicht mehr. Wer das unverdiente – denn auch damit geht er ins Gericht – Glück hat, zu den schlanken, sportlichen Menschen zu gehören, erfährt eben genau das: Anatomie ist Schicksal bzw. Glück oder Unglück. Zahlreiche genetische und Umgebungsfaktoren können zur Entstehung von Übergewicht führen. Doch was ist eigentlich Übergewicht? Aha! Es stellt sich heraus, dass Übergewicht definiert wird, dass sich diese Definition immer wieder verändert, und zwar zuungunsten jener, die angeblich übergewichtig sind. Dann wird Übergewicht auch noch zur Krankheit deklariert und jene, die sich auf Grund angeblicher Faulheit und mangels guten Willens dick und krank werden lassen, als selbst Schuld. Gegen kaum eine Personengruppe existieren so extreme Vorurteile, die auch noch öffentlich geäußert werden dürfen, gar sollen, wie gegen Dicke.
Kenntnisreiche Studie
Und genau hier liefert Friedrich Schorb eine kenntnisreiche Studie des gesamten Feldes: Wir erfahren von der historischen Entwicklung der Gewichtsfrage, den unterschiedlichen Zuschreibungen, von den Grundlagen für Statistiken und Gewichtsmessungen, von den Prozessen und Verstrickungen innerhalb der WHO, von Gutachtern, Pharmakonzernen und Krankenkassen, von den politischen Entwicklungen in unterschiedlichen Ländern. Wir sehen, wie Starkochs vom angeblichen Übergewicht profitieren, wie die Mittelschicht das Gewicht zur Abgrenzung von den „Dicken da unten“ nutzt und welche Mythen verbreitet werden, um das Bild der selbstverschuldeten Krankheit Übergewicht zu stabilisieren, um eben die Kosten für das „Problem“ den Individuen aufzuhalsen. Schorb bezeichnet derlei Vorgänge als „moderne Art der Hexenverbrennung“.
Gewürzt mit einer an manchen Stellen gehörigen Portion Sozialkritik listet Schorb eine Menge Ernährungsirrtümer auf, die in unseren Köpfen herumgeistern. Die verbreitet wurden und werden, damit sie in unseren Köpfen herumgeistern. Ohne groß Werbung machen zu müssen, profitieren nicht nur Gemüse- und Obstindustrie, sondern auch Konzerne, die angebliche Schlankmacher anpreisen, Fitness-Unternehmen und –Ausstatter, Versicherungen, die weltweit „Übergewichtige“ nicht mehr versichern, Arbeitgeber, die sie nicht mehr einstellen oder verbeamten und die gesamte „schlanke“ Gesellschaft, die sich von den Dicken abgrenzen kann, indem sie sie ausgrenzt. Eltern wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, Kinder werden bereits im Kindergarten sozial ausgegrenzt und die Freude am Essen geht verloren (oder entsteht gar nicht erst), wenn in Bezug auf Ernährung zum einzig relevanten Faktor wird, „Übergewicht“ zu meiden.
Neuwissen und Umdeutungen
Allerdings leben die Dicken und damit angeblich Kranken länger, der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Gewicht verläuft komplett anders als gedacht und selbst der Bewegungsdrang ist angeboren.
An wenigstens einer Stelle arbeitet Schorb leider ein wenig fahrlässig: Biologismus, Sozialdarwinismus, Evolutionstheorie und Religion (!) wirft er hier kurzerhand in einen Topf. Dabei zitiert Schorb eine kleine Passage aus Darwins Gesamtwerk und macht daraus „Sozialdarwinismus“. Eines seiner spannenden Argumente, dass nämlich die „wahre Bestimmung“ des Homo sapiens der Jäger und Sammler sei, und Übergewicht damit evolutionsbiologisch als eine Art „Rache der Natur für ein Leben im Überfluss“ angesehen werde, verliert durch diese Nachlässigkeit an Kraft.
Ansonsten ist das Buch sehr zu empfehlen, wenn man grundsätzlich bereit ist, sich in sich selbst wohler zu fühlen und andere Menschen vorurteilsfrei das essen zu lassen, worauf sie Lust haben. Denn Menschen gibt es nun einmal in vielfältigen Formen, Größen und Farben, und Essen schmeckt – das gilt es zu akzeptieren!
Fiona Lorenz





