Die zwei Seiten der Kinderarmut
Kinderarbeit und Straßenkinder sind zwei Seiten ein und derselben Medaille: der Kinderarmut.
Die Kinder der Lebenskundegruppe haben diesen Zusammenhang längst begriffen: Sie möchte „den Kindern eine Freude machen, damit die was zu essen haben“, antwortet die 10-jährige Angelina auf die Frage, warum sie an diesem Tag mitmache. Sie sei Journalistin und ihr persönlich sei das Recht auf Bildung am wichtigsten. Ohne Bildung gebe es keinen Job und kein Geld, setzt sie selbstbewusst hinzu. Zusammen mit Sanja (11 Jahre) hatte sie ein Team gebildet. Sie sammelten Spenden und verkauften Sachen aus ihrem Bauchladen, wie viele aus ihrer
Klasse. „Ja, es ist schon komisch Leute anzusprechen“, doch es mache Spaß anderen Leuten zu helfen, meinte Sanja. Viele Kinder seien krank. Deswegen ist ihr Lieblingsrecht das Recht auf Gesundheit.
Viele Klassen der Richardgrundschule kamen zu Besuch und unterstützen die Aktion. Sie bekamen einiges geboten: Die B-Boys zeigten ihre waghalsigen Break-Dance-Figuren, ein Kinderrechte-Theaterstück wurde aufgeführt und ein Gedicht szenisch vorgetragen.
Das eingenommene Geld wird der Organisation terre des hommes gespendet. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr das Projekt Creciendo Unidos, ein kolumbianischer Projektpartner von terre des hommes. Übersetzt bedeutet das: „Wir werden
gemeinsam groß“. „Wir“, das sind etwa 650 arbeitende Kinder und Jugendliche, sowie Erzieher, Psychologen und Handwerker. In Bogota ist unter dem Dach der Stiftung eine Selbstorganisation arbeitender Kinder entstanden, mit dem Ziel, denjenigen, die sich ihnen anschließen, durch Schutz und Ausbildung ein besseres Leben zu ermöglichen.
Er schäme sich ein wenig, andere Leute anzusprechen, berichtete mir Enis (10 Jahre). „Gut ist, Kindern zu helfen, die in Not sind.“ Alle bräuchten Liebe und Unterstützung, fügte er hinzu. So liegt ihm das Recht auf Liebe und Zuneigung besonders am Herzen. Ein bisschen habe er heute mitbekommen, wie es ist, ein Straßenkind zu sein, meinte er nachdenklich.
Erschöpft zurück in der Klasse wurden die gesammelten und verdienten Spenden gezählt – der Lohn für eine harte Arbeit, die sie bis an ihre Belastungsgrenzen geführt hatte. Doch als all die Spenden-Boxen ausgezählt waren, jubelten die Schüler und Schülerinnen über 232 Euro. 232 Euro, die den Kindern in Kolumbien zu einem menschenwürdigeren Leben verhelfen sollen. Sie sind stolz auf ihre Aktion, darauf dass sie sich auch von unfreundlichen Passanten nicht haben abschrecken lassen. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, sich für andere Menschen einzusetzen. „Ich wünsche mir, dass es den Kindern auf dieser Welt gut geht“, diktiert mir Enis in mein Notizbuch. Ein einfacher und klarer Wunsch. Heute haben er und die anderen Kindern daran mitgearbeitet, dass er in Erfüllung geht.
Töns Wiethüchter




