fowid-Untersuchung

Europa wird säkularer – oder?

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Während zwei groß angelegte Untersuchungen einen weitgehenden Anstieg des Anteils von konfessionsfreien Menschen in vielen Ländern des Kontinents verzeichnen, kommt eine amerikanische Studie zu einem gänzlich anderen Ergebnis. Für die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) hat sich Carsten Frerk die Datenlage genauer angesehen.

Der Anteil der Konfessionsfreien ist in den meisten Ländern Europas in den letzten 20 Jahren angestiegen. Das zeigt Frerks Vergleich der Daten aus den "European Social Surveys" (ESS), die seit 2002 alle zwei Jahre erhoben werden. Der fowid-Koordinator Frerk berücksichtigte dabei die Daten zwischen 2002 und 2023. Die Befragung läuft nach einem zweistufigen Schema, wobei die persönliche Selbsteinschätzung der Teilnehmer im Mittelpunkt steht. Zum Einstieg wird gefragt: "Betrachten Sie sich als Angehöriger einer bestimmten Religion oder Konfession?" Erst wer hier mit "Ja" antwortet, wird gebeten, die eigene Religion zu nennen.

In der Verteilung der konfessionsfreien Bevölkerungsquoten stellt Carsten Frerk ein deutliches Gefälle zwischen Nord- und Südeuropa fest. Auch in den traditionell katholisch oder orthodox geprägten Ländern liegt die Quote im beobachteten Zeitraum deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 39 Prozent. Den höchsten Anteil von Konfessionsfreien hat Estland mit 75 Prozent, gefolgt von Tschechien (71 Prozent), Schweden (68 Prozent) und den Niederlanden (64 Prozent). Die niedrigste Quote haben die Türkei (3 Prozent), Zypern (4 Prozent), Rumänien (6 Prozent), Griechenland (7 Prozent) und Polen (10 Prozent). Deutschland liegt mit durchschnittlich 40 Prozent nahe dem europäischen Mittel von 39 Prozent.

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Konfessionsfreie in Europa, dargestellt als Balkendiagramm. Grafik: © fowid

Im zeitlichen Verlauf ist zudem für 16 Länder ein statistisch signifikanter Anstieg von mehr als zwei Prozentpunkten zu verzeichnen. Bei fünf Ländern liegt die Veränderung innerhalb der statistisch zu erwartenden Schwankung. Lediglich in Dänemark, Russland, Slowenien und Ungarn ist die Quote der Konfessionsfreien rückläufig. Vor allem für Russland und Ungarn weist der Politologe und Sozialwissenschaftler Frerk hierzu auf die Verknüpfung von Religion und nationaler Identität als mögliche Erklärung hin. Bemerkenswert ist, dass sowohl Ungarn als auch Polen mit jeweils durchschnittlich 45 Prozent einen hohen Anteil von Konfessionsfreien aufweisen.

Bestätigt wird die Verteilung der Quoten von Konfessionsfreien innerhalb Europas durch ein zweites Untersuchungsprojekt, die "Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe" (SMRE). Sie betrachtet die Daten aus zahlreichen Umfragen und bildet die Mittelwerte. Ähnlich wie bei der ESS-Studie sind auch hier Tschechien, Estland, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Belgien und Ungarn unter denjenigen mit den höchsten Anteilen an Konfessionsfreien. Die Befunde für andere Länder mit einem laut ESS-Daten hohen Anteil an Menschen ohne religiöse Bindung – wie Schweden, Norwegen, Island und Lettland – werden durch die SMRE-Daten indes nicht bestätigt.

Einen deutlichen Kontrast zu diesen Ergebnissen liefert eine Untersuchung des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts PEW Research Center von 2017, die von der evangelikalen Templeton Foundation mitfinanziert wurde. Sie sieht in allen Ländern Westeuropas eine christliche Mehrheit. In Deutschland lebten laut PEW-Studie zum Zeitpunkt der Befragung 71 Prozent Christen, im Vereinigten Königreich sogar 73 Prozent. Dagegen kommen Auszählungen von fowid für 2017 auf einen Anteil von nur 58 Prozent Christen in Deutschland. Für Großbritannien verweist Carsten Frerk auf Vergleichsdaten einer weiteren Untersuchung, der EVS ("European Values Studies"), die auf lediglich 31 Prozent christliche Bevölkerung in Deutschland kommt.

Zurückzuführen sei die Differenz darauf, dass PEW die religiöse Identität durch eine andere Frage ermittelt hat als die beiden vorher genannten Studien. Statt des zweistufigen Frageschemas verwendete es nur die eine Frage: "Welcher Religion fühlen Sie sich derzeit zugehörig, wenn überhaupt? Sind Sie Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Hindu, Atheist, Agnostiker oder gehören Sie einer anderen bzw. keiner bestimmten religiösen Gemeinschaft an?" Wie PEW selbst einräumt, könne dies bewirken, dass sich mehr Teilnehmer als Angehörige einer Konfession einordnen.

Gewiss ist dieser Ansatz zulässig, wie das Institut beteuert. Dennoch führt er zu einer durchgehenden Verzerrung, wie fowid zeigt: Beispielhaft weist die Forschungsgruppe für das Vereinigte Königreich auf eine Differenz von minus 33 Prozentpunkten hin, für Finnland auf minus 24, für die Niederlande auf minus 21 Prozentpunkte. Frerk beurteilt dies als eine "systematische 'Geringschätzung' der Konfessionsfreien". 

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