Nahezu unbeachtet von der westeuropäischen Politik baut die russisch-orthodoxe Kirche seit Jahren ihre Präsenz in Afrika aus. In Ländern wie Südafrika oder Kenia entstehen Gotteshäuser, deren Ikonen, Teppiche und Kerzenständer eher an Sankt Petersburg erinnern als an lokale religiöse Traditionen. Ein weiterer Baustein, um geopolitischen Einfluss zu gewinnen und damit die Machtsphäre Russlands auszuweiten.
Moskau kämpft nicht nur militärisch in der Ukraine um globale Bedeutung. Präsident Wladimir Putin setzt zunehmend auch auf Religion, um das eigene außenpolitische Gewicht zu erhöhen. Wie das US-Medienunternehmen Bloomberg berichtet, sind russische Geistliche seit mehreren Jahren auf dem afrikanischen Kontinent aktiv und übernehmen gezielt Gemeinden, die zuvor der All African Orthodox Church unterstanden.
Dabei trifft Moskau auf gewachsene kirchliche Landschaften. Die griechisch-orthodoxe Mission ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Afrika präsent; 1934 entstand die erste von inzwischen rund 500 Gemeinden in Kenia, zu denen über 500.000 Gläubige gehören. Weil diese Kirchen mehrheitlich die Ukraine unterstützen, versucht die russisch-orthodoxe Hierarchie, parallel eigene Strukturen aufzubauen. Religion fungiert dabei als politischer Hebel – nicht als spirituelles Angebot.
Ein sichtbares Zeichen dieser Strategie sind institutionelle Umbenennungen und Neuordnungen kirchlicher Zuständigkeiten. Unter Patriarch Kyrill wurden afrikanische Diözesen umbenannt und organisatorisch enger an Moskau gebunden. Ziel ist ein eigenes Exarchat, das langfristig Einflussräume sichert. Inzwischen ist die russisch-orthodoxe Kirche in mehr als 30 afrikanischen Staaten mit zahlreichen Gemeinden vertreten. Möglich wurde dies auch durch das gezielte Abwerben von griechisch-orthodoxen Priestern mit höheren Gehältern, schnellen Aufstiegschancen und finanzieller Unterstützung beim Kirchenbau.
Kirche als Werkzeug russischer Außenpolitik
Die kirchliche Expansion steht jedoch nicht isoliert, sondern ist Teil einer umfassenderen russischen Afrika-Politik. Symbolische Getreide- und Düngemittel-Lieferungen sollen ebenso Vertrauen schaffen wie Bildungsprogramme. Nach Angaben von Außenminister Sergej Lawrow studieren derzeit über 32.000 Afrikaner in Russland. Die Zahl der Stipendien hat sich seit 2020 fast verdreifacht – auf 5.300 Plätze.
Parallel wurde Russischunterricht an mehreren afrikanischen Universitäten eingeführt, so in Abidjan (Elfenbeinküste), Dakar (Senegal) und Harare (Simbabwe): ein klassisches Instrument kultureller Einflussnahme.
Hinter dieser Strategie steht ein nüchternes machtpolitisches Kalkül. Afrika verfügt über 54 Stimmen bei den Vereinten Nationen – ein erhebliches Gewicht in internationalen Abstimmungen. Die russisch-orthodoxe Kirche wird so zum Bestandteil außenpolitischer Interessensvertretung. Spirituelle Autorität verschmilzt mit geopolitischem Anspruch.
Heilige Fassade, weltliche Interessen
Gerade diese enge Verbindung von Staat, Kirche und Macht offenbart den eigentlichen Charakter der Expansion. Die russisch-orthodoxe Kirche inszeniert sich als Bewahrerin von Tradition und Moral, dient zugleich jedoch als ideologischer Resonanzraum für Putins Politik – vom Angriffskrieg gegen die Ukraine bis zur globalen Einfluss-Strategie in Afrika.
Was als Mission verkauft wird, ist in Wahrheit aggressive Machtpolitik im Messgewand. Nicht der Glaube expandiert, sondern der Einfluss eines autoritären Staates. Und je stärker Kirche und Kreml ineinander greifen, desto deutlicher wird: Diese Form von Religion predigt keine Erlösung, sondern Geopolitik.







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