(hpd) Peter Sloterdijks Untersuchungen zu „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“.
Beginnen wir mit einer Frage: Welche Chancen hat eine kulturwissenschaftliche Kritik religiöser Phänomene, von institutionalisierten Religionen aufgenommen und angemessen verarbeitet zu werden? Antwort: so gut wie keine.
Eine Betrachtung von Herbert Gerl
Die Grundlagen, die „Glaubensfundamente“ solcher Institutionen können durch Forschung und Analyse hundertmal aufgeklärt, historisch eingeordnet und relativiert, sie können sich hundertmal selbst widersprochen, blamiert, entblößt haben: die Institutionen berührt es nicht, sie machen einfach weiter wie ehedem. Auch und gerade kirchliche Autoritäten, so sehr sie sich Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit auf ihre Fahnen schreiben, nehmen nur allzu gern zu dieser im Grunde „zynischen“ Strategie der Abwehr analytischer Befunde Zuflucht: ignorieren, lächeln, weitermachen.
Sloterdijk hat schon einige Zeit vor der hier zu besprechenden Publikation in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) eben dies als eines der typischen Merkmale eines zynischen Umgangs mit Erkenntnissen herausgearbeitet: „…der Glaubensabsolutismus der organisierten Religion will nicht zur Kenntnis nehmen, dass er nach den Regeln der Kunst suspendiert ist… Erst nach der Fundamentalkritik der Neuzeit besteigt die Theologie vollends das Narrenschiff des sogenannten Glaubens…Wie alle vom Überlebenswillen erfüllten Institutionen wissen sie (die Kirchen, H.G.) die ‚Aufhebung’ ihrer Grundlagen zu überstehen…Mit den Zynikern haben seither Theologen eine zusätzliche Gemeinsamkeit – den Sinn für nackte Selbsterhaltung. In der Tonne einer löchrigen Dogmatik haben sie sich bis zum Jüngsten Tag wohnlich eingerichtet“ (S. 69f.).
Halten wir dennoch fest: Auch wer „fromm“ ist (im Sinne einer durch religiöse Erziehung konditionierten und auf die Unantastbarkeit eines gepredigten Glaubens festgelegten Existenz) oder gar Theologe von Beruf, hat doch eine Art humanitären Anspruch darauf - auch wenn er ihn nicht kennt, und wenn er ihn kennte, vielleicht nicht einmal wahrhaben wollte - dass philosophische Kritik und Aufklärung voranschreiten und, soweit möglich, Beiträge liefern, die die menschliche Spezies oder wenigstens Teilmengen davon („Einzelne“) vor Lüge, religiösem Wahn und Widersinn zu schützen versuchen.
In diesem Sinn einer zugleich sezierenden und menschenfreundlichen Aufklärung ist Sloterdijks Stellungnahme zu den drei Monotheismen (Judentum, Christentum und Islam) zu lesen. In diesem Sinn soll sie hier in ihren Grundzügen - soweit ich sie verstanden habe - referiert und gewürdigt werden.
1. Transzendenz als Zuschreibung
Allen drei Monotheismen gemeinsam ist ihr behaupteter Bezug (was ihren Ursprung, ihre Gegenwart und ihre endgültige Erfüllung in der Zukunft betrifft) zu einer als Person gedachten Transzendenz. Sloterdijks Untersuchungen setzen an dieser Stelle an. Er beschreibt, wie das Konzept Transzendenz heute an Plausibilität verliert, da es sich offenkundig ganz bestimmten Optiken, Interpretationen, Missverständnissen, Verkennungen verdankt:
- Zunächst (mit Heiner Mühlmann) einer „Verkennung des Langsamen“, d.h. einem fehlenden Überblick über Entwicklungen, die sich über extrem lange, für die menschliche Wahrnehmung nicht überschaubare Zeiträume erstrecken und deren Ergebnisse dann einem transzendenten Verursacher zugeschrieben werden. Dies ist in plumper Form auch heute noch als „Kreationismus“ (die vielfältigen Zweckmäßigkeiten in der Natur verweisen auf einen transzendenten Schöpfer) in den USA zu studieren. Hierzulande ist solcher Kreationismus seit geraumer Zeit mutiert: eine transzendente Intelligenz hat demzufolge eine Evolution angestoßen und ins Werk gesetzt. Man könnte also von einem „mittelbaren Kreationismus“ bei strikter Beibehaltung des transzendenten Ursprungs sprechen.
- Sodann einer „Verkennung des Heftigen“ (ebenfalls nach H.Mühlmann): Körpereigene, physiologische Hochstimmungen, Ekstasen, flow-Erlebnisse, gerade auch religiös initiierte Rauschzustände (des Kampfes gegen andere oder sich selbst) werden, da auf den ersten Blick nicht anderweitig erklärbar, transzendenten Einflüssen, Begnadungen, Erleuchtungen zugeschrieben.
- Weiterhin wird das Nicht-Agieren oder -Reagieren, das Schweigen, die Unerreichbarkeit eines vorgestellten großen Anderen, seine Unberührbarkeit und Unabhängigkeit von jeder menschlichen Einflussnahme als Beleg für seine Transzendenz gewertet. Freilich „… müsste eine Reihe anspruchsvoller Voraussetzungen erfüllt sein, bevor man zu dem Schluss kommen dürfte, wer nicht reagiert, sei eben deswegen ein überlegenes, ja transzendentes Gegenüber. Transzendenz entsteht in solchen Situationen aus einer Überinterpretation der Resonanzlosigkeit.“ (S.24)
- Schließlich: Die erlebbare Chaoseindämmende Wirkung fest gefügter religiöser Rituale anlässlich von Unglück und Tod wird einem transzendenten Ursprung zugeschrieben.
Die Gefährlichkeit solcher Missverständnisse liegt in dem Umstand, dass ihre „Wahrheit“ ein hohes Maß von Explosivität aufweist. Mit transzendenten Ansprüchen ist nicht zu spaßen. Wenn es ums Ganze geht (ums „ewige Heil“), können sich (wie beispielsweise die Gräuel der Inquisition und Ketzerverfolgung oder aktuell der Umgang islamischer Kollektive mit „Ungläubigen“ und moralisch Abweichenden zeigen) menschliche Maßstäbe von Recht und Billigkeit nicht mehr behaupten. Eine wirklich ernst genommene Transzendenz (als eine Unendlichkeit, die in keinem ausrechenbaren Verhältnis mehr zur Endlichkeit dieses Lebens steht) hat die Fähigkeit, solche Maßstäbe auszuhebeln und zu sprengen.
Diese vier genannten Punkte sind (in der Tradition David Humes) einer modernisierten „Naturgeschichte der Religion“ zuzurechnen. Es sind also nicht mehr nur die Mängel und Nöte der menschlichen Existenz allein, die durch den Glauben an einen transzendenten Gott ausgeglichen werden sollen, es sind auch Erlebensmomente der Kraft, der Freude und des Überschwangs, die transzendent-religiös codiert und in einer Gemeinde von Gleichgesinnten entsprechend kommuniziert werden.
Sloterdijk fügt dieser Liste drei weitere Begründungen für die Annahme der Existenz eines transzendenten Anderen an, die nicht in gleicher Weise „naturalistisch“ reduziert werden können:
- Den (etwas papieren anmutenden) Gedanken, „dass zur menschlichen Intelligenz die Fähigkeit gehört, sich eine Intelligenz vorzustellen, von welcher sie überragt wird“. (S.29)
- Die unvorsichtig-spekulative Antwort auf die Frage, wohin die Gestorbenen gehen und wo sie sich fernerhin aufhalten.
- Schließlich die Auffassung, diese jenseitige Instanz habe sich, zeitlich datierbar und räumlich bestimmbar, „mittels Diktaten, die Geschenke sind, oder mittels Geschenken, die Diktate sind, durch auserwählte Medien“ (S.31) geoffenbart. Das Missliche ist: auch die vorgeblich transzendenten Verlautbarungen sind faktisch immer nur durch Menschenwort verkündet worden. So dass ihr transzendenter Anspruch, weil selbst Teil der Botschaft und ebenfalls durch den Mund von Menschen verkündet, ununterscheidbar wird und als bloße Behauptung stehenbleibt.
Zu diesem letztgenannten Punkt können wir anmerken: Selbst Vertreter des Offenbarungsgedankens sehen das ähnlich. Hier kann, aus der christlichen Fraktion, theologische Prominenz, nämlich Joseph Ratzinger, zustimmend zitiert werden. Er reflektiert die „historisch-kritische Methode“ des Bibellesens und weiß: „…ihr eigentlicher Gegenstand ist das Menschenwort als menschliches“ (Jesus von Nazareth, Freiburg 2006, S. 16). Folgerichtig: „…die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des Ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit zu verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus…“ (a.a.O. S. 18). Etwas weniger verschlüsselt heißt das: In der historischen Gestalt Jesu kann nur der einen transzendenten Christus und Gottessohn entdecken, der sich dafür entscheidet, solche verborgene Anwesenheit des Jenseitigen, warum auch immer, zu „glauben“. Nur wer ihn hineinliest, kann ihn auch herauslesen. Die Historie selbst kann eine solche Sicht ebenso wenig begründen wie die historische Forschung. Der Glaube setzt sich selber voraus.
2. Die Dreifaltigkeit der Monotheismen
Damit rückt die Entstehungsgeschichte der drei Monotheismen ins Blickfeld, also die Art und Weise, wie sie - „einer Drei-Phasen-Explosion (oder einer Sequenz feindlicher Übernahmen) vergleichbar“ (S.36) - auseinander hervorgegangen sind. Am Anfang dieser Entwicklung (etwa 1500 - 1200 Jahre vor der Zeitenwende) steht die, von Thomas Mann (in: Joseph und seine Brüder) poetisch nachempfundene, abrahamitische Meditation, die den „Urvater“ zu dem Gedanken führt, nicht die Erde, auch nicht der gestirnte Himmel seien seiner Verehrung würdig, diese könne nur einem überaus erhabenen, gewaltigen und jenseitigen Wesen, also „dem Höchsten allein“ zukommen. Nur dieser Eine sei seiner Anbetung würdig - eine Denkfigur, die sofort erkennen lässt, wie sehr dieses menschliche Auswählen des Einzigen und Höchsten die Bedeutsamkeit des wählenden Menschen selbst erhöht: wer zum Gefolge des Höchsten zählt, verleiht sich selbst höchste Wichtigkeit. Er wird selbst zum Auserwählten. Trotz dieser Überhöhung des Einen - die übrigen Götter „fallen notwendigerweise auf die hinteren Plätze zurück“ (S. 39) - bleiben bei Abraham (und noch Jahrhunderte nach ihm) die Eigenschaften dieses Gottes unverkennbar menschlich: „Sein Affektleben schwankt zwischen Jovialität und Tumult“ (S.39), er ist reizbar, eifersüchtig, cholerisch, selbstverliebt, ruhmbegierig, grausam, nachtragend, leicht zu beleidigen und wie immer man die typischen Eigenschaften eines despotischen Alleinherrschers benennen will. Gestatten wir uns, auch um den Kontrast deutlich zu machen, mit Sloterdijk einen Blick nach vorn auf die spätere christliche Trinitätsdogmatik:
„Dass ausgerechnet ein charismatischer Schwärmer wie Jesus sein ‚lieber Sohn’ gewesen sein soll ja sogar wesensgleich mit ihm, wie die Theologen in Nizäa statuierten, ist theopsychologisch undenkbar. Mit einem solchen Ausbund an Eigensinn kann niemand homoousios sein, schon gar nicht ein ‚Sohn’ mit jesuanischen Profilen. Was die christlichen Theologen Gott Vater nannten, war eine späte Neuerfindung zu trinitätspolitischen Zwecken. Man musste damals einen gütigen Vater einführen, der halbwegs zu dem erstaunlichen Sohn passen mochte.“ (S. 40)
Sloterdijk verweist sodann auf zwei besondere „psychopolitische Komplikationen“, die den jüdischen Monotheismus geprägt haben. Zum einen den Exodus-Mythos, die Geschichte vom Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, bei dem der Bund dieses Gottes mit seinem Volk mit Blut besiegelt wurde: der Racheengel ermöglichte die Flucht, indem er an den mit Lammblut bestrichenen Türpfosten der Israeliten, als den Angehörigen des von ihrem Gott auserwählten Volkes, vorüberging, die ägyptischen Erstgeborenen aber, Mensch und Vieh, erschlug.
Die zweite Besonderheit der jüdischen Theologie resultiert aus den Erfahrungen des jüdischen Volkes in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (im 6. Jhd. vor der Zeitenwende), als sich eine andere folgenreiche Denkfigur etablierte: die gegen alle Erfahrung durchgehaltene, kontrafaktisch behauptete Überlegenheit des einen Gottes über die Götter der Unterdrücker. Die Besiegten wissen sich damit, ihrer gegenwärtigen Misere zum Trotz, als die eigentlich und letztlich Siegenden; die diesseitig und vorläufig Mächtigen werden am Ende zu Schanden werden, der große Verborgene wird einst sein Volk aus der Versklavung und Niederlage erretten.
„Diese Wende bildet einen der folgenschwersten Momente in der Geistesgeschichte des späteren Westens. Hier spalten sich erstmals Geist und Macht, vormals eine diffuse Einheit, in entgegengesetzte Pole auf.“ (S. 48)
„Wahrheit und Wirklichkeit treten auseinander - dabei entsteht die Option, im Namen der Wahrheit, die von nun an wie die schärfste Waffe der Schwachen geführt wird, gegenwirkliche Werte zu propagieren, die auf der Bühne des Realen zum Scheitern verurteilt sind und doch nicht aufhören können und wollen, die Stunde ihres Triumphs vorwegzunehmen.“ (S.49)
Verknüpft mit den Namen Jesus von Nazareth und Paulus tritt als zweiter Monotheismus nach dem Judentum (sofern wir das altägyptisch-monotheistische Vorbild des Echnaton-Kults nicht mitzählen) das Christentum weltgeschichtlich in Erscheinung. Der Gott des Christentums ist im Prinzip derselbe wie sein jüdischer Vorgänger, die Unterschiede sind dennoch gravierend. Er wird, dank der strategischen Weitsicht des Paulus, vom Provinz- und Regionalgott zu einer Größe mit weitestreichenden Ambitionen: Paulus identifiziert das gesamte römische Imperium, mithin die gesamte damalige kultivierte Welt als Operationsgebiet für seine Mission. Folgerichtig kann die neu begründete religiöse Gemeinschaft sich nicht mehr stammesgeschichtlich ableiten und bestimmen, der Neue Bund - „ein paulinischer Geniestreich“ (S.51) - bezieht sich auf ein rein „pneumatisches“ Kollektiv, das sich aus den Gläubigen aller Völker zusammensetzt. Nicht mehr die leibliche Abstammung ist maßgebend, das Sakrament der Taufe gewährleistet die Zugehörigkeit.
Hatte das Judentum im alljährlich zu feiernden Pessachfest ein Ritual gefunden, das die Erinnerung, ja die Verinnerlichung einer mythischen Rache an den Unterdrückern zugleich mit einer mythischen Errettung aus der Gefangenschaft und Knechtschaft für alle künftigen Generationen von Gläubigen sicherstellte, so ist es dem Christentum gelungen, dieses Fest - in einer „piratischen Operation“ (S. 53) - ins christliche Abendmahl zu transformieren: eine ebenso absichtsvolle wie unerhörte Form von misreading („Falschlesen“) eines Ereignisses, bei dem der gekreuzigte Gottmensch selbst in die Position des zu schlachtenden und zu verzehrenden Lammes eingesetzt wird. Auf diesem Wege eignete sich auch der neue Glaube ein „unverwechselbares Maximal-Stress-Ritual“ an, „das bei seinen Teilnehmern die lebhafteste Form memoaktiver Anteilnahme gewährleistete - inzwischen bereits über eine Zeitspanne von zwei Jahrtausenden. In jeder Messe wird nicht nur das Gedächtnismahl zitiert, sondern die intime Merkbarkeit des Glaubens selbst erneuert.“ (S. 54)
Der Islam, als dritte und späteste Form eines ausgearbeiteten Monotheismus, sieht sich einerseits als Fortsetzung, andererseits als Korrektur fehlerhafter Konstruktionen seiner beiden Vorgänger. So wird insbesondere die Figur Jesu vom Stand der Gottgleichheit in den Status eines Propheten zurückversetzt, gemäß der Einsicht, „der Höchste sei in Ewigkeit allein und habe kein Kind“ (S. 58).
„Im übrigen war auch der Islam auf die Schaffung eines maximalen Stressmythos angewiesen. Er produzierte diesen in Form der für alle Gläubigen gültigen Pflicht zur Wallfahrt nach Mekka: Die Höhepunkte dieses entbehrungsreichen Unternehmens bestehen in der persönlichen Teilnahme des Pilgers an der Steinigung des Teufels und an der eigenhändigen Schlachtung eines Opfertiers.“ (S. 59)
Neben diesem Programm zur aufwühlenden Verinnerlichung der Glaubensdogmen ist für den Islam eine von Anfang an ungebremste Ausbreitungsdynamik kennzeichnend, die sich dem Umstand verdankt, dass schon bei Mohammed „die religiösen und die politisch-militärischen Impulse… in dieselbe Richtung wirkten“ (S.61). Diese „Komplizenschaft von Religion und Staatlichkeit“ (S. 62) - auch im Christentum zeitweise (sicherlich nicht zu seinem Vorteil) anzutreffen - ist, wie bekannt, bis heute nicht aufgelöst und trägt nicht unerheblich zu schwerwiegenden menschenrechtlichen Komplikationen in den betreffenden Ländern und Gesellschaften bei. Sie steht dem für die Moderne typischen Auseinandertreten und Unabhängigwerden gesellschaftlicher Teilsysteme (politische Macht, Recht, Ökonomie, Religion, Wissenschaft usw.) im Wege und hemmt deren Entfaltung.
3. Frontstellungen und Feldzüge
Wie ist es möglich, dass ein transzendentes allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen, das sich, wie erwähnt, den Menschen offenbaren will, dies in einer Art und Weise tut, die als Ergebnis eine ganze Reihe einander widersprechende Botschaften hervorbringt? Botschaften und Bekenntnisse, die sich gegenseitig bekämpfen, verspotten, unterdrücken, womöglich vernichten? Bekenntnisse, die sich nur in dem einen Punkt einig sind, nämlich die naheliegende, sich geradezu aufdrängende Antwort auf diese Fragen abzuwehren: dass es sich also offenkundig bei all diesen heiligen Verlautbarungen gar nicht um Offenbarungen handeln kann, sondern schlicht um Menschenwort und Projektion, um die Äußerungen von Menschen, die sich als Mundstück eines Gottes missverstanden. Sloterdijk entwickelt in seiner Schrift ein Raster mit insgesamt 12 Feldern, in die er die verschiedenen möglichen inter- und intramonotheistischen Frontstellungen (vom christlichen Antijudaismus, dem islamischen Antichristianismus usw. bis zum christlichen Antichristianismus und islamischen Antiislamismus) einträgt und erläutert.
Was die Feldzüge der Monotheismen zur (zumindest spirituellen) Eroberung und Unterwerfung des Erdkreises betrifft, so ist, wie Sloterdijk ausführt, für das Judentum kennzeichnend, sich, während der längsten Zeit seiner historischen Existenz, auf einen „defensiven Universalismus“ (S.79) beschränkt zu haben. Will sagen: Im Unterschied zu Christentum und Islam kann von einer offensiven Missionierung anderer Völker oder Erdteile, trotz eines gewaltigen theologischen Überbaus, der den einen Gott als höchste Instanz für alle und alles einsetzt und an ihm durch die Jahrtausende festhält, keine Rede sein. Viel zu sehr war dieses Volk Gottes unfreiwillig damit beschäftigt, sich in Exil, Zerstreuung und Verfolgung als Volk überhaupt zu erhalten und zu identifizieren.
Anders die Geschichte der Ausbreitung des Christentums über den Erdball. Hier wird, nach einer kurzen Phase der Unterdrückung durch das Imperium Romanum, die Offensive gegenüber allen anderen Religionen und Kulturen zum Programm. Die Geschichte wird zur Weltgeschichte, und diese Weltgeschichte hat - vorgebildet in der jüdischen Erwartung des Messias - ein Ziel: sie ist der Prozess der Unterwerfung aller Völker und Menschen unter die eine Heilsbotschaft, einmündend in das Jüngste Gericht am Ende aller Zeiten. Wer sich diesem Zug nicht anschließen will, gerät nicht nur in ein Abseits, er sieht sich schärfsten Drohgebärden und detailreich ausgemalten Bestrafungsszenarien gegenüber. Wen die Liebe des Apostels und die gute Nachricht, die er überbringen will, nicht überzeugt, wird ohne Umstände „mit ewigem Verderben“ bestraft (2 Thess 1,9). „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht“ (1 Kor 16,22).
Dem großen Kirchenlehrer Aurelius Augustinus kommt dann das Verdienst zu, einen Weg gefunden zu haben, solche, an sich nicht mehr steigerbaren Schrecknisse von Hölle und ewiger Verdammnis noch zu überbieten. Seine Lehre von der Prädestination, von der ewigen Vorherbestimmung des Einzelnen sei es für die Seligkeit, sei es für die Verdammnis, enthüllt sich bei näherer Betrachtung „als das abgründigste System des Schreckens, das die Geschichte der Religionen kennt“ (S. 89).
„Er darf das Privileg in Anspruch nehmen, mehr als jeder andere einzelne Gläubige,
Paulus ausgenommen, zur Verwirrung, ja Neurotisierung einer Zivilisation beigetragen zu haben“ (S. 89).
Solche Drohungen und Einschüchterungen bilden den nicht wegzudenkenden Hintergrund der Christianisierung zunächst Europas, dann auch - vom 16. bis 18. Jahrhundert - der neu entdeckten und eroberten anderen Erdteile. Neben solch psychologischen Kampfmitteln ist freilich gleichrangig oder sogar vorrangig die politische Strategie der Fürstenbekehrung als Motor der Weltmission in Rechnung zu stellen, deren erstes und folgenreichstes Beispiel bereits im 4. Jahrhundert die konstantinische Wende bildet. Dass auf Seiten der Fürsten hier in aller Regel höchst unfromme Kalküle den Ausschlag zugunsten des christlichen Glaubens gaben, kann ebenfalls an Konstantin (einem Vielfachmörder und Herrscher von ausgesuchter Skrupellosigkeit - die seiner Heiligsprechung durch die Ost-Kirchen freilich nicht im Wege stand) studiert werden. Auch wird heute gerne verschwiegen, dass solche Mission „zumeist als Partner und Parasit“ (S. 96) eines in der Wahl seiner Mittel und Ziele denkbar unbekümmerten Kolonialismus auftrat.
Kein Zweifel: das Christentum, als kulturelle Größe, bietet heute ein Bild, das all diese Ungeheuerlichkeiten seiner Geschichte kaum mehr erahnen lässt. Der jahrhundertelange Kampf des Christentums mit philosophischer Aufklärung hat den Kirchen gewiss keinen Sieg gebracht, hat ihnen aber zu jener heilsamen und „wohltätigen Schwächung“ (S. 101) verholfen, von der sie heute in ihrer Selbstdarstellung, ja sogar in ihrem Selbstverständnis profitieren: sie wissen, dass sie - so schwer es auch sein mag - mit ihrer Botschaft überzeugen müssen und dass keine noch so wohlwollende staatliche Hilfestellung (wie sie hierzulande geübt wird) ihr Überleben langfristig sicherstellen kann.
Was den Islam betrifft, so ist sein Universalismus, seine Tendenz zur Welteroberung keinen Augenblick zu bezweifeln. Den Unterschied zum Christentum macht die von Anfang an, also die vom Propheten selbst vorgegebene und vorgelebte Einheit von politisch-militärischem Kalkül und religiöser Mission. Von der Urgemeinde an bis heute ist die völlige, also psychische und physische Hingabe an die vom Propheten verkündeten Weisungen Allahs oberste Pflicht jedes Gläubigen: er hat sie fünfmal am Tag in Form des Pflichtgebets psychisch und (mit jeweils 17 Verbeugungen und 2 Niederwerfungen) auch physisch zu vollziehen.
„Was in den muslimischen Gebetshäusern, diesen Gymnasien der Andacht, geschieht, dient also nicht allein der Manifestation des Glaubens. Die physisch und psychisch alltäglich zelebrierte Beziehung zur Transzendenz wird ebenso sehr als Sich-in-Form-Halten für Projekte heiliger Streitsamkeit wirksam.“ Damit ist dem Islam „die vollkommene Einbindung des Eiferertums in die Alltäglichkeit geglückt.“ (S. 105)
Wie aber kommt es zur aktuellen, emotional aufgeladenen Konfrontation zwischen dieser Religion und, pauschal gesagt, „dem Westen“? Sloterdijk zeigt auf, wie insbesondere vom 15. und 16. Jahrhundert an, durch die überlegene europäische Seefahrt und den Übergang Europas zur modernen Eigentumsökonomie mit seiner Innovationsdynamik die islamische Welt insgesamt, eingesperrt „in das Gefängnis ihrer Traditionen“ (S. 108), ins Hintertreffen geriet und der Stolz über ihre früheren Leistungen sich in eine bis heute andauernde Kränkungsneurose verwandelte.
„Seither liegt über der hochgradig thymotisch geprägten Kultur der islamischen Länder der Schleier des Zorns, der von den widersprüchlichen Affekten des Verlangens nach Glanz und Vorrang sowie der chronisch erlebten Zurücksetzung gesponnen wird.“ (S. 109)
Solche Beleidigung fordert Reaktionen heraus. Das aktuelle Bild des Islam zeigt, in welch unterschiedlicher Weise nach Auswegen gesucht wird. Es gibt den Blick nach vorn: den Versuch, den eigenen religiösen Wurzeln treu zu bleiben und doch den Anschluss an die Kultur der Moderne zu finden. Dies ist, wie es den Anschein hat, der Weg der wenigen. Und es gibt den Weg der restaurativen Verschärfung, den Weg „des entschlossenen Nicht-Lernens“, des „Nicht-Hörens auf die Stimmen der Gegenwart“ (S. 110), wie er in den eifernden Gottesstaaten begangen und von Gruppen beschritten wird, die den „Heiligen Krieg“ auf ihre Fahnen geschrieben haben und das Paradies als Märtyrer einer heiligen Sache erwarten.
4. Die Logik des Eiferns und Versuche der Entspannung
Wenn wir in keinem der drei Monotheismen befangen sind und sie mit kühlem Blick von außen betrachten: Nach welcher Regel, nach welchem Programm funktionieren sie? Welche Struktur macht sie, noch unabhängig von allen psychologischen Faktoren, so wirkungsvoll und mächtig? - Sloterdijk macht hier, im Anschluss an die abrahamitische Meditation, auf die „suprematistische Denkbewegung“ aufmerksam, die „über zahlreiche Stufen zur Höhe des Über-Besten“ aufsteigt (S.120). Diesem Über-Besten sind dann folgerichtig alle Eigenschaften in Vollkommenheit zuzueignen, die nach menschlichem Ermessen gut sind. Er ist jedenfalls als Person zu denken (zu konzipieren), als Herrscher, als Allmächtiger, als Schöpfer aller Dinge, als Gesetzgeber und Allwissender. Gegenüber solch absolutem Königtum (personifiziert in Jahweh, Allah und dem Königtum Christi) kommen auf menschlicher Seite nur die Positionen von Vasallen, Mitarbeitern oder Dienern in Betracht, deren höchster und einziger Ehrgeiz es sein kann, gehorsam zu sein bis - wohin? Dafür gibt es im Grunde keine interne Schranke. Im Ernstfall, wenn es , wie gesagt, ums Ganze geht - und angesichts unendlich folgenreicher Entscheidungen gibt es prinzipiell keinen anderen als den Ernstfall - ist jedes Opfer gerechtfertigt und sogar leicht zu erbringen: vom alltäglichen Leben im Gehorsam gegen die göttlichen Gebote über das unblutige sacrificium intellectus (dem vielfach beschworenen und gelobten Opfer des eigenen Verstandes und des Selbstdenkens) bis zum blutigen Martyrium und Selbstmordattentat ist alles möglich und begründbar. Urvater Abraham hat es vorgelebt: er glaubte unerschütterlich und zögerte keinen Augenblick, auch seinen eigenen unschuldigen Sohn zu töten - als seltsames Vorbild für den christlichen Vatergott, der es sich nicht versagen konnte, ebenfalls seinen eigenen unschuldigen Sohn dem schrecklichen Tod am Kreuz auszuliefern - in diesem Fall ohne das hilfreiche Einschreiten eines dienstbaren Engels.
Neben dieser personalen Variante des Suprematismus werden von Sloterdijk auch zwei apersonale Möglichkeiten abgehandelt: das Höchste als der ewige Seinsgrund (wie es z.B. in der indischen Meditationspraxis gelebt wird) und das Höchste als die vollständige Durchsichtigkeit (Intelligibilität) allen Seins (wie es z.B. in der Idee einer Weltformel zum Ausdruck kommt). Er beleuchtet sodann die Komplikationen, die sich daraus ergeben, dass die Konzeption eines personalen Höchsten und Einzigen, die durch das Herunterzählen von der Vielheit der Dinge auf die Eins des Einen zustande kommt, sich dennoch in der grundsätzlich mehrwertigen Sprache der Menschen bemerkbar und verständlich machen muss - einer Sprache, die, aufbauend auf dem sinnenbezogenen und perspektivischen menschlichen Erkennen, immer der Gefahr ausgesetzt ist, die Wahrheit des einen Seins zu verfehlen und falsche Sätze in Umlauf zu bringen:
„Diese Eins ist die Mutter der Intoleranz. Sie fordert das radikale Entweder, bei dem das Oder gestrichen wird… Wir rühren hier an die Tiefenstruktur des ikonoklastischen Syndroms. Wenn in den rigiden Monotheismen die Bilder verpönt sind, so nicht bloß, weil sie die Gefahr des Götzendienstes verkörpern. Die Unannehmbarkeit der Bilder geht mehr noch auf die Beobachtung zurück, dass diese niemals nur der reinen Wiedergabe des Dargestellten dienen, sondern stets auch ihr eigenes Gewicht zur Geltung bringen. In ihnen kommt der Eigenwert des Zweiten als solcher zum Vorschein…In Wahrheit meint der Bildersturm den Angriff auf die Autonomie der Welt…“(S. 136f.)
Das eklatante Beispiel für den Versuch, „in die für Menschen unmögliche einwertige Sprache zurückzugehen“ (S. 138), ist das frühmonotheistische Wort der Propheten. Es bringt nicht die persönliche Meinung des Sprechers zum Ausdruck, der man auch widersprechen könnte, vielmehr ist es so: „nichts kann ihm widersprechen, da es aus einer Sphäre ohne Reflexion und ohne zweite Meinung stammen will.“ Es „ist kein Beitrag unter dem Palaverbaum. Es setzt jeder Debatte ein Ende, indem es sagt, was ist und was sein soll.“(S. 139)
Besonders in diesen Passagen des Buches (S. 132ff.), in denen eine an sich hoch abstrakte philosophische Materie abgehandelt wird, ist das Vergnügen Sloterdijks spürbar, das ihm sein Denken und sein sprachliches Können offenkundig bereiten.
Wer die Gefährlichkeit personaler Suprematismen sieht (und sie sind, wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet, nicht zu übersehen), muss sich fragen, wie eine mögliche Entsuprematisierung und Entradikalisierung aussehen könnte. Sloterdijk handelt diese Frage in einem Kapitel über „Pharmaka“ ab. Er kann dabei auf Heilmittel verweisen, die in den Suprematismen selbst entwickelt wurden: in islamischen Gesellschaften der dhimmi-Status von Nicht-Muslimen, denen auf diese Weise (bei Entrichtung einer Kopfsteuer) die Wahl zwischen Bekehrung oder Tod erspart blieb. Diese Möglichkeit eines dritten Weges, vergleichbar einem Grauton zwischen Schwarz und Weiß, kann als intelligenter Ausweg aus einem unerkannt selbstproduzierten Dilemma betrachtet werden - insofern wiederum vergleichbar der Erfindung des Fegefeuers im christlichen Mittelalter, das gleichfalls ein genialer Einfall war, um die unannehmbar gewordene Alternative zwischen Himmel und ewiger Verdammnis (letztere wäre für die übergroße Mehrzahl aller Menschen unausweichlich gewesen) aufzulockern. Die Religionen selbst entdeckten also
„die Aufgabe, das prophetische Feuer, aus dem sie entspringen, zu drosseln, ohne es zu löschen. Das Geheimnis ihres Überlebens lag in ihrer Fähigkeit, die ihnen inhärente Maßlosigkeit mit bordeigenen Mitteln zu zügeln.“ (S. 161)
In der Moderne schließlich taten die „negative Theologie“ (die den Höchsten von allen benennbaren, mithin menschlichen Eigenschaften befreite und insofern in eine wohltätige Unsagbarkeit und Vagheit entrückte) und die Hermeneutik („als Kunst des mehrsinnigen Lesens“ (S. 162)) ein übriges, um die monotheistischen Überspanntheiten zu lindern und den Blick für Humanität wieder frei zu bekommen. Dass solche Lernprozesse noch keineswegs abgeschlossen sind, ist offensichtlich; dass sie andauern, ist zu hoffen.
5. Nach dem Eifern: die menschlichen Aufgaben
An dieser Stelle müssen wir uns mit Sloterdijk in aller Kürze den Inhalt der Lessingschen Ringparabel (aus Nathan der Weise) ins Gedächtnis rufen: Ein kostbarer Ring mit der Fähigkeit, „sich bei Gott und den Menschen angenehm zu machen“ wird über Generationen jeweils vom Vater auf den Sohn vererbt - bis ein Vater mit drei Söhnen in Verlegenheit gerät und sich den Trick einfallen lässt, zwei weitere Ringe bei einem Künstler ununterscheidbar nachmachen zu lassen. Die Söhne geraten, wie nicht anders zu erwarten, in Streit und ein weiser Richter entscheidet: wer sich letztendlich - zu entscheiden in fernerer Zukunft - vor Gott und den Menschen tatsächlich angenehm gemacht hat, der besitzt den echten Ring. Den drei Söhnen bleibt nur die eigene Anstrengung, um dieses Resultat dereinst vorweisen zu können. Das bequeme Besitzen der Wahrheit (des echten Rings) wird also abgelöst durch ein Arrangement, das eigenes Bemühen und Arbeit erfordert.
Diese Umstellung kann allerdings, bei genauerem Hinsehen, bestimmte Schwierigkeiten in der Konstruktion der Fabel nicht beseitigen: Lessings Aufklärungsoptimismus lässt unerörtert, dass die Beliebtheit eines Menschen bei Gott nicht unbedingt mit seiner Angenehmheit für die übrigen Menschen zusammenfällt. Beides kann sich widersprechen - und hat sich in der Geschichte häufig und heftig widersprochen. Ein Plebiszit war noch nie als Wahrheitskriterium theologisch anerkannt:
„In Wahrheit drückt sich das Wesen des Monotheismus in keinem Merkmal so
prägnant aus wie in der Bereitschaft der Eiferer, sich bei den Menschen verhasst zu machen, wenn dies das Mittel sein sollte, Gott desto besser zu gefallen.“ (S. 174)
„Eine monotheistische Religion, die ihr Anspruchsniveau verteidigt, kann nur an die
Macht gelangen und sich an ihr halten, indem sie die Massen unnachgiebig ihren
Normen unterwirft - was ohne die Diktatur des Priestertums… nicht geschehen
kann. In einer solchen Ordnung der Dinge geben die unsanften und die sanften Mittel einander die Hand.“ (S. 175)
In diesem Wettbewerb um orthodoxe Strenge und „noble Verhasstheit“ (S. 177) in den Augen der jeweiligen Adressaten bzw. Beobachter ist das Judentum als Religion, lange Zeit in der Unbeliebtheit führend, mittlerweile weit zurückgefallen und fast gänzlich dem Blick entschwunden. Aber auch das Christentum (insbesondere katholischer Prägung), zwischenzeitlich in Erinnerung an Inquisition und klerikalen Absolutismus weit vorn, muss sich in diesem Ranking heute geschlagen geben - von einem Islam, der, sofern er in fundamentalistischer Restauration verharrt, mit vorerst uneinholbarem Vorsprung das Feld der religiösen Antipathieträger anführt.
„Aufklärung“: dieses Stichwort hat nicht nur das eben geschilderte Ranking in Bewegung gebracht, es hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass eigenverantwortliches menschliches Leben und Lernen möglich ist; dass behauptete „Offenbarungen“ bloß einen Versuch darstellen, der Wahrheit über die menschlichen Belange ohne Anstrengung, ohne die Mühe der Forschung und des eigenen Nachdenkens, in Form „versteinerter Zwischenrufe“ (S. 193) habhaft zu werden. Auch die ins Diesseits transponierten Erlösungsphantasien und die daraus resultierenden politisch-totalitären Praktiken, wie sie am Beispiel kommunistischer Systeme studiert werden können und von den Betroffenen erlitten werden mussten, haben sich, ihrem Absolutheitsanspruch gemäß, bei den Menschen gründlich verhasst und inakzeptabel gemacht.
Heute, nach der Phase des Eiferns für den einen Gott oder die eine Partei, die immer recht hat, gelten andere „Glaubensartikel“: die Unverzichtbarkeit des Rechtsstaats, die Freiheit der Meinungsäußerung, der Schutz der Menschenwürde und die Unveräußerlichkeit humaner Selbstbestimmung (einschließlich des „Rechts auf freie Illusionsausübung“ - wie Sloterdijk an anderer Stelle treffend formuliert).
„’Aufklärung’ ist bloß der gängige Name des immerwährenden literarischen Konzils, in dem diese Artikel beraten, verabschiedet und gegen Häretiker verteidigt werden“ (S. 187).
Dass dies gelinge, dazu kann die vorliegende Schrift substantiell beitragen. Sie kann, als eine gleichermaßen informierte wie fröhliche Wissenschaft, zu einem nicht eifernden, wohl aber beharrlichen Bemühen um ein von subtilen jenseitigen Ängsten und grober diesseitiger Not befreites Leben motivieren.
Peter Sloterdijk „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“, Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/M. und Leipzig, 2007, 218 S., 17,80 €.





