Während sich im Iran ein breiter Konsens gegen das bestehende Regime formiert hat, wird die Frage nach der künftigen Ordnung auffallend vernachlässigt. Man fürchtet, die Verfassungsfrage könne die Opposition spalten – doch diese Haltung unterschätzt ihre politische Tragweite.
Im dritten Buch seiner Historien überliefert Herodot eine Debatte unter persischen Adeligen, die nach dem Sturz des als Smerdis auftretenden Usurpators im Jahr 522 vor unserer Zeit geführt worden sein soll. Im Zentrum steht die Frage nach der künftigen Staatsform: Otanes plädiert für Demokratie, Megabyzos für die Herrschaft der Besten, Dareios für die Monarchie.1 In der Geschichtswissenschaft besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass diese Darstellung literarisch fingiert ist.2 Ihre Bedeutung liegt jedoch weniger im historischen Wahrheitsgehalt als in der Einsicht, die sie in der Antike vermittelt: In Zeiten politischer Umbrüche entscheidet sich die Zukunft eines Gemeinwesens nicht allein durch den Sturz einer bestehenden Ordnung, sondern durch die Klärung dessen, was an ihre Stelle treten soll.
Rund zweieinhalb Jahrtausende später befindet sich der Iran wieder einmal in einer solchen konstitutionellen Umbruchsituation. Die Islamische Republik hat ihre gesellschaftliche Legitimität seit Langem eingebüßt und stützt sich nur noch auf offene Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Landesweite Proteste, die nur durch massive Repression unterbrochen werden können, und eine aktive Exilopposition prägen das Feld. Während sich ein breiter Konsens gegen das bestehende Regime formiert hat, wird die Frage nach der künftigen Ordnung auffallend vernachlässigt. Die Verfassungsfrage gilt vielen als nachrangig und wird auf ein unbestimmtes "Danach" verschoben; oft mit dem Hinweis, sie könne die Opposition spalten – doch diese Haltung unterschätzt ihre politische Tragweite.
Erfahrung zeigt die Risiken ungeklärter Verfassungsfragen
Die Erfahrung der sogenannten Islamischen Revolution von 1979 zeigt, welche Risiken ungeklärte Verfassungsfragen bergen. Damals stürzte eine heterogene Bewegung das alte Regime, ohne dass sich die verschiedenen Strömungen über die institutionellen Grundlagen der neuen Ordnung einigten. In dem entstehenden Machtvakuum setzten sich jene Kräfte durch, die ihre materiellen Ressourcen mit ausgearbeiteten Konzepten, organisatorischer Geschlossenheit und symbolischer Deutungsmacht verbinden konnten. Als Ruhollah Khomeini aus dem Exil zurückkehrte, brachte er einen vorbereiteten Verfassungsentwurf mit, der später die Grundlage der neuen Ordnung bildete. Diese Vorarbeit trug entscheidend dazu bei, das neue Regime zu etablieren. Die Lehre daraus ist klar: Die Verfassungsfrage darf nicht aufgeschoben werden, sondern muss den politischen Prozess bereits während des Widerstands gegen das bestehende Regime begleiten.
Es ist bemerkenswert, dass im Rahmen der jüngsten Proteste eine politische Strömung besondere Sichtbarkeit erlangen und einen impliziten Führungsanspruch formulieren konnte: Die Anhänger eines neuen Königtums unter Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs. Er selbst fordert eigenen Angaben zufolge keine absolute Herrschaft, sondern ein Referendum, das zwischen Republik und konstitutioneller Monarchie nach europäischem Vorbild entscheiden soll. Sollte sich eine Mehrheit für die Monarchie aussprechen, stünde er – selbstredend – als König zur Verfügung.
Viele seiner Anhänger gehen über diese Position hinaus. Sie betrachten ihn bereits als legitimen Monarchen und stilisieren ihn zum "Vater der Nation" oder "Kyros unserer Zeit", der allein in der Lage sei, die nationale Einheit zu gewährleisten. Sowohl im Iran als auch im Exil werden ihre Rufe "Jāvid Shāh" (Ewig [lebe der] König) selbstbewusster und lauter. Auf ihren Kundgebungen im Exil erlauben sie in der Regel ausschließlich Flaggen des alten iranischen Staats, und immerhin auch die israelischen. Regimegegner, die Flaggen ohne das alte Wappenzeichen oder mit den Farben iranischer Minderheiten tragen, werden mitunter aus dem sichtbaren Protestgeschehen verdrängt oder mit dem Vorwurf des Separatismus konfrontiert. Dadurch entsteht ein homogenes Bild, das nationale Geschlossenheit suggeriert, zugleich aber gesellschaftliche Pluralität ausblendet.
Ein Großteil der jetzigen Pahlavi-Anhänger hat die Schah-Ära selbst nicht erlebt
Um dieses neue politische Phänomen und den wachsenden Einfluss dieser Strömung analytisch zu erfassen, bietet sich der Terminus Neomonarchismus an. Charakteristisch für ihn ist, dass ein Großteil seiner Anhänger die Schah-Ära nicht selbst erlebt hat, sondern ausschließlich unter der Islamischen Republik sozialisiert wurde. Ihre Unterstützung speist sich daher weniger aus eigenen Erfahrungen als aus Erzählungen, Bildern und Nostalgie. Zugleich unterscheidet sich der angestrebte monarchische Staat konzeptionell vom historischen Schah-Regime. Er soll – so Pahlavi Junior – säkular, demokratisch und rechtsstaatlich sein; also Eigenschaften verkörpern, die das autoritäre Entwicklungsregime seines Vaters nur in sehr begrenztem Maße besaß.3 Seine Attraktivität ergibt sich unter anderem daraus, dass der Neomonarchismus den vermeintlich größtmöglichen symbolischen Gegensatz zur verhassten Islamischen Republik markiert. In diesem scharfen Kontrast erscheint die monarchische Idee Vielen als einfache und identitätsstiftende Antwort auf die Krise der Gegenwart. Daher wird eine offene Verfassungsdebatte von vielen Vertretern des Neomonarchismus nicht nur als zweitrangig betrachtet, sondern teilweise ausdrücklich abgelehnt, da sie als Relativierung ihres klaren Gegenentwurfs wahrgenommen wird. Die Monarchie fungiert dabei weniger als konkret ausgearbeitetes politisches Projekt, sondern als Projektionsfläche für Säkularität, Modernisierung und wirtschaftliche Stabilität.
Diese Form der politischen Imagination begünstigt eine idealisierte Rückschau, in der historische Erfahrungen ausgeblendet und durch selektive Erinnerung ersetzt werden. Unter dem letzten Schah wurde Religion zwar staatlich kontrolliert, jedoch nicht konsequent vom politischen Raum getrennt. Politische Partizipation blieb stark eingeschränkt und individuelle Freiheitsrechte waren nicht institutionell abgesichert. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass rückblickend bereits die Abwesenheit religiöser Amtsträger an der Staatsspitze als Ausdruck gesellschaftlicher Freiheit gedeutet wird, obwohl politische Macht autoritär organisiert und religiös legitimiert war. Auch die Vorstellung wirtschaftlicher Prosperität ist verzerrt. Die Modernisierungspolitik der Pahlavi-Zeit begünstigte vor allem urbane Eliten, während große Teile der Bevölkerung von sozialer Absicherung, politischer Teilhabe und ökonomischer Sicherheit ausgeschlossen blieben. Soziale Ungleichheit, regionale Marginalisierung und das Fehlen tragfähiger Schutzmechanismen waren strukturelle Merkmale des Systems. Eine politische Vision, die an diese Ordnung anknüpft, ohne ihre sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen kritisch zu reflektieren, riskiert, bestehende Ungleichheiten fortzuführen oder zu verschleiern.
Aus säkularer Perspektive besonders problematisch ist zudem der Personenkult um die Figur Reza Pahlavi. Wo politische Hoffnung, nationale Identität und Zukunftserwartungen an eine einzelne Person gebunden werden, treten institutionelle Fragen, Machtbegrenzung und demokratische Kontrolle in den Hintergrund. Die Konzentration auf Personen verdeckt dabei zentrale institutionelle und verfassungspolitische Weichenstellungen – etwa die Frage, ob die zukünftige Ordnung parlamentarisch oder präsidentiell organisiert sein soll.
Damit verschiebt sich die Grundlage politischer Legitimität weg von rational-rechtlichen Verfahren hin zu Formen personaler Anerkennung, die Max Weber als charismatische oder traditionale Herrschaft beschrieben hat.4 Ein solcher Fokus widerspricht dem säkularen Grundprinzip, politische Ordnung nicht aus persönlicher Autorität, Abstammung oder symbolischer Überhöhung abzuleiten, sondern aus überprüfbaren, institutionell gebundenen Verfahren. Auch ein konstitutioneller Monarch bleibt Träger eines nicht gewählten, genealogisch legitimierten Amtes – darin liegt ein grundlegendes Spannungsverhältnis zwischen Neomonarchismus und Säkularität. Gleichzeitig spiegelt diese Personalisierung ein strukturelles Defizit der Opposition wider: In einem zersplitterten oppositionellen Feld bietet eine identifizierbare Figur kurzfristig Sichtbarkeit, Orientierung und Mobilisierungskraft. Diese funktionale Rolle darf jedoch nicht mit politischer Legitimität verwechselt werden. Ohne klar begrenzte und rechenschaftspflichtige Institutionen droht Personalisierung in antipluralistische Entwicklungen umzuschlagen.
Persischer Chauvinismus und geringe Sichtbarkeit eines säkular-republikanischen Gegenentwurfs
Hinzu kommt, dass der iranische Neomonarchismus nationale Einheit über kulturelle Homogenität definiert. Der Iran erscheint dann primär als persischer Nationalstaat, während ethnische und sprachliche Vielfalt als nachgeordnet gilt – ein Ausdruck persischen Chauvinismus. Diese Perspektive ignoriert die Realität eines multiethnischen Gemeinwesens, in dem Minderheiten nicht nur unter der Islamischen Republik, sondern schon unter dem Schah systematisch marginalisiert wurden. Ohne verfassungsrechtlich abgesicherte Garantien für diese Diversität bleibt nationale Einheit ein symbolisches Versprechen, das reale Spannungen eher verdeckt als löst. Gerade aus säkularer Perspektive ist daher Vorsicht geboten gegenüber politischen Modellen, die ihre Legitimität aus Tradition, Abstammung oder nationaler Symbolik ableiten.
Die gegenwärtige Stärke des Neomonarchismus ist nicht allein das Ergebnis der jüngsten Protestdynamiken. Sie profitiert auch von der jahrzehntelangen Exilarbeit der Pahlavi-Anhänger, denen es gelungen ist, organisatorische Kontinuität zu bewahren, interne Spaltungen weitgehend zu vermeiden und politisch ohne größere Skandale zu überdauern. Zugleich ist ihr Aufstieg jedoch vor allem Ausdruck eines strukturellen Defizits auf der Gegenseite: der bislang geringen Sichtbarkeit eines säkular-republikanischen Gegenentwurfs. Die Befürworter einer säkularen iranischen Republik – in der Macht demokratisch legitimiert, institutionell begrenzt und pluralistisch verteilt wäre – bleiben bisher organisatorisch zersplittert und symbolisch unterrepräsentiert. Gerade weil ein republikanisches Modell auf verfassungsrechtlich abgesicherten Verfahren, politischer Teilhabe, Minderheitenschutz und sozialen Rechten beruht, ist es nicht an einzelne Personen gebunden. Was aus demokratischer Perspektive seine zentrale Stärke darstellt, erweist sich im politischen Wettbewerb jedoch zugleich als kommunikative Schwäche: Das republikanische Projekt bleibt abstrakt, während der Neomonarchismus eine personell fassbare Identifikationsfigur bietet.
Solange die Islamische Republik besteht, sollte ihr Sturz das vorrangige Ziel jeder oppositionellen Arbeit sein. Doch es wäre ein politischer Fehler, die Auseinandersetzung über die zukünftige Ordnung aufzuschieben. Verfassungen entstehen nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen, sondern im Kontext von Machtverhältnissen, Deutungen und politischen Erwartungen, die sich bereits vor dem Umbruch herausbilden. Wird diese Auseinandersetzung vermieden, entscheiden nicht demokratische Verfahren über die neue Ordnung, sondern jene Akteure, die frühzeitig Deutungshoheit erlangen. Eine offene Verfassungsdebatte ist daher kein Ausdruck von Spaltung, sondern Voraussetzung politischer Mündigkeit. Sie zwingt dazu, zentrale Fragen zu klären: Wie soll Macht begrenzt werden? Wie soll das Verhältnis von Zentrum und Peripherie neu gestaltet werden? Wie können Minderheiten geschützt, politische Teilhabe gesichert und soziale Rechte dauerhaft verankert werden?
Ein breiter Diskurs über diese Fragen sollte alle oppositionellen Kräfte einbeziehen – ausgenommen jene, die autoritäre bis totalitäre Herrschaftsmodelle verfolgen, darunter Organisationen wie die Volksmodschahedin sowie faschistische Gruppierungen, die sich teilweise im Umfeld des Neomonarchismus bewegen. Nur wenn die Verfassungsfrage den Widerstand von Beginn an begleitet, kann nach dem Ende der Islamischen Republik eine Ordnung entstehen, die nicht erneut auf Personalisierung, symbolische Einheit oder autoritäre Abkürzungen setzt, sondern auf eine säkulare, republikanische und rechtsstaatlich gebundene Verfassung. Schon Herodot zeigte, dass der Ausgang der Verfassungsdebatte entscheidend dafür ist, wie viel von der neu errungenen Freiheit bestehen bleibt. In seiner fingierten Geschichte setzt sich Dareios durch und macht die anderen Beteiligten im Kampf um diese Freiheit zu seinen Untertanen.5
1 Hdt. 3,80-82.
2 Wolfgang Will, Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte, München 2015, 128-133.
3 Zum Konzept des Autoritären Entwicklungsregime vgl. Farshid Feridony, Transformationsprozesse in einer "Islamischen Republik". Ökonomische, politische, und soziokulturelle Analyse der Entstehungs- und Kontinuitätsbedingungen der "Islamischen Republik Iran", Berlin 2000, 281-286.
4 Max Weber, Gesamtausgabe, hrsg. von Knut Borchardt et al., Tübingen 2013, 468 f. bzw. 490 f.
5 Einzig der Mitverschwörer Otanes, der für eine Demokratie eingetreten war, konnte seine Freiheit bewahren, indem er sich nach der Entscheidung für die Monarchie der Wahl eines Königs entzog. Er erklärte: "Weder will ich nämlich herrschen noch mich beherrschen lassen. Unter der Bedingung aber trete ich von der Herrschaft ab, dass ich künftig von keinem von euch beherrscht werde – weder ich selbst noch meine jeweiligen Nachkommen" (Hdt. 3,83; übers. v. Heinrich Stein, Herodot, Essen, 3. Aufl., 1990).







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GeBa am Permanenter Link
Sollte dieser Artikel das beschriebene möglich machen, so würde der Iran vom Regen in die Traufe kommen, ein einziger Mensch sollte nie die Macht über ein Volk besitzen, egal
Republik zu werden, ohne Untertanen und ohne Führer, sondern, eine Demokratie nach
Europäischen Muster.