Fragmente des Kommunismus

(hpd) Der Historiker Gerd Koenen will in dem Band „Was war der Kommunismus?“ die im Titel gestellte Frage auf Basis einer historischen Abhandlung auf engem Raum beantwortet. So informativ der Text bezüglich der geschichtlichen Ereignisse und einiger Reflexionen ist, so mangelt es ihm doch an einer klaren Strukturierung bei der Erörterung des im Titel formulierten Erkenntnisinteresses.

Was war der Kommunismus? Zwanzig Jahre nach der Auflösung des Staatensystems des „real existierenden Sozialismus“ kann diese Frage mit der nötigen Distanz und auf breiterer Wissensbasis diskutiert werden. „Was war der Kommunismus?“ lautet auch der Titel einer kurzen Abhandlung, die der Historiker Gerd Koenen vorgelegt hat. Sie geht zurück auf zwei Vorträge am „Freiburg Institute for Advanced Studies“ und stellt eine Art Vorstudie für eine umfangreiche vergleichende Geschichte des Kommunismus dar. Koenen meint, man könne über den Kommunismus durchaus im Singular sprechen. Zwar unterschieden sich die einschlägigen Bewegungen und Systeme voneinander, es gebe aber zwei grundlegende Gemeinsamkeiten: Alle Kommunistischen Parteien seien solche des eingeforderten „neuen Typs“ gewesen, und beim Kommunismus in seinem Zeitalter habe es sich um eine ganz bestimmte Sequenz von historischen Ereignissen gehandelt (vgl. S. 11f.). Danach beschreibt und kommentiert der Autor die Geschichte des Kommunismus.

Die Darstellung setzt mit der historischen Verortung der Bolschewiki ein, welche als eine „Art berufsrevolutionäre Entrepreneurs“ (S. 19) gesehen werden. Danach geht es um den „Leninismus als totalitäres Projekt“ (S. 27), die Herausbildung einer „real existierenden Weltbewegung“ (S. 43) in diesem politischen Sinne und die innere Wahrnehmung von „Sowjetrussland als Utopicum“ (S. 45). Dem schließen sich Ausführungen zur Geschichte der Sowjetunion im Kontext der „kapitalistischen Weltwirtschaftskrise“ (S. 51), der deklarierten „Kollektivierungs- und Industrialisierungsrevolution“ (S. 58) und der „Ratio und Irratio des Terrors“ (S. 77) während der „Säuberungen“ an. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stehen die Herausbildung eines „sozialistischen Weltlagers“ (S. 87), die Etablierung des maoistischen Chinas sowie die „Dialektiken des Kalten Krieges“ im Zentrum des Interesses. Und schließlich geht es noch um die „Wege der Auflösung“ (S. 114) bezogen auf die Sowjetunion und die „postkommunistische Situation“ (S. 120) der Gegenwart.

Bilanzierend bemerkt Koenen zu den Systemen: „Selbst wenn man die Beschreibung kommunistischer Staats- und Gesellschaftsformationen als radikaler ‚Modernisierungsdiktaturen’, die immerhin einiges geleistet und halbwegs funktioniert hätten, bevor sie zurückgefallen seien oder transformiert wurden, insoweit teilte, bleiben zwei Merkmale, die diesen Interpretationsrahmen sprengen und diesen Regimes erst das Gepräge des genuin Totalitären verliehen haben: eine Aura universeller Geheimhaltung und eine exzessive Anwendung terroristischer Gewalt, nicht nur gegen die eigene Gesellschaft, sondern auch gegen die eigene Partei und politische Elite“ (S. 70). Dabei handele es sich nicht nur um Entwicklungen, die im Stalinismus als besonderer historischer Phase ausgemacht werden könnten. Denn, so Koenen weiter, zu dieser Frage: „Tatsächlich sind fast alle kommunistischen Regimes durch Phasen eines blutigen, auch internen Terrors gegangen, der insofern zu ihren Systemcharakteren gerechnet werden muss“ (S. 84).

Bilanzierend betrachtet fällt das Urteil zu der Abhandlung ambivalent aus: Einerseits enthält der Band auf engem Raum die wichtigsten Informationen zur Entwicklung der kommunistischen Staaten im 20. Jahrhundert, wobei allerdings der Schwerpunkt einseitig auf der Sowjetunion liegt, China nur in einem Kapitel ausführlicher behandelt wird und die DDR nahezu überhaupt nicht vorkommt. Gleichwohl erweist sich Koenen als guter Kenner der Materie, der auch immer wieder interessante Deutungen formuliert. Andererseits bleiben diese aber mehr auf einer essayistischen Ebene, münden sie doch nicht in eine systematische Auseinandersetzung. Letztendlich liegt dem Band auch keine klar entwickelte Fragestellung zugrunde und entsprechend fehlt auch eine erkenntnisleitende Strukturierung. Insofern vermisst man auch eine bilanzierende Einschätzung mit einer systematischen Antwort auf die im Titel gestellte Frage. So angemessen die Hervorhebung von Terror und Utopicum ist, so handelt es sich hierbei doch nur um Fragmente einer Gesamteinschätzung.

Armin Pfahl-Traughber

Gerd Koenen, Was war der Kommunismus?, Göttingen 2010 (Vandenhoeck & Ruprecht-Verlag), 143 S., 9,90 €.