Zu Film und Buch "Eingeimpft"

"Eigenverantwortliche Impfentscheidung" – wirklich?

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Impfgegnerschaft und Impfskepsis (wobei letzteres meist nur ein Euphemismus für das erstere ist) treten sehr unterschiedlich auf. Da gibt es die "Hardcore-Impfgegnerschaft", die die geplante Ausrottung der Menschheit per Vakzine "enthüllt", angebliche "Impfschäden", die keine sind, auf einschlägigen Horror-Webseiten "sammelt", Viren und Bakterien als Krankheitserreger vielfach glattweg leugnet und Öffentlichkeitsarbeit inzwischen dadurch betreibt, dass ihre Vordenker sich mit Fernsehteams prügeln.

Deren Kredit dürfte gar nicht allzu groß sein. Und da gibt es die weitaus subtilere Variante, die sich inzwischen selbst wie eine Art Virus in den Köpfen verbreitet hat und mit Methoden der sanften Verführung arbeitet: Die Sache mit der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung", die unter dem Schirm von Autonomie und Eigenverantwortung von den Eltern zu treffen sei – natürlich unter einschlägiger "Beratung", gern auch durch passende "Literatur" und neuerdings auch per Kinofilm. Man darf davon ausgehen, dass diese Variante der Impfgegnerschaft inzwischen weitaus mehr Potenzial hat als die inzwischen deutlich sektenartige Züge aufweisenden Hardcore-Impfgegner.

Inge Hüsgen hat vor einigen Tagen an dieser Stelle darüber berichtet, dass auch der in Kürze startende Kinofilm "Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen" im Kern wie selbstverständlich von einer "eigenverantwortlich" zu treffenden Impfentscheidung ausgeht. Dieser Begriff wird inzwischen wie selbstverständlich angenommen und nicht hinterfragt. Nun, er ist ja auch durchaus griffig und hört sich erst einmal alles andere als kontrovers an. Aber darin liegt eben sein Potenzial. Es ist eine schleichende Taktik, der "Gifttrank in Othellos Ohr", womit Shakespeare das in Worten und Begriffen liegende "Gift" so poetisch beschrieb, etwas, das eingängig ist, einzuleuchten scheint und bei dem kaum jemand sich darüber klar ist, welchen Ursprung und welche ideologischen Anschauungen es hat.

Eine inhaltlich-sachliche Bewertung ist angezeigt, bevor wir zum ideologisch-weltanschaulichen Hintergrund unseres Themas kommen.

Meine Kinder gehören mir! Ich treffe meine eigenverantwortliche Impfentscheidung!

Zunächst: Meine Kinder "gehören" mir keineswegs, ich trage "nur" Verantwortung für sie. Das Grundgesetz räumt den Eltern das Recht zur "elterlichen Sorge" ein. Die Betonung liegt auf "Sorge", das Elternrecht ist kein Freibrief, mit dem Kind nach Belieben verfahren zu dürfen. Es findet ja auch gesetzliche Grenzen, beispielsweise im Züchtigungsverbot nach § 1631 Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Die Verletzung solcher Grenzen elterlicher Rechte kann auch in einem Unterlassen liegen – bei Fragen der Gesundheit, die sich – wie Impfungen – auf das ganze spätere Leben auswirken können, erst recht. Wohin das führen kann, zeigen Buch und Film "Eingeimpft" – manchmal steht man der Verantwortungslosigkeit niemals näher als in dem Moment, in dem man glaubt, eine besonders verantwortliche Entscheidung zu treffen.

Bei einer so gut erforschten und unglaublich erfolgreichen Maßnahme wie dem Impfen – jedenfalls bei den offiziell empfohlenen Schutzimpfungen – tritt der Aspekt der individuellen Abwägung von Chancen und Risiken doch eindeutig in den Hintergrund. Diese Abwägung vorzunehmen, sowohl im Hinblick auf das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis als auch mit Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Nutzen – ist gesetzliche Aufgabe der Ständigen Impfkommission. Sobald ich die Möglichkeit einer solchen Chancen-Risiken-Abwägung für durchweg teil- bis desinformierte medizinische Laien im Einzelfall bejahe, überschreite ich die Grenze zur Irrationalität. Und genau das tut die Propaganda von der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung". Ich glaube nicht, dass z. B. ein Facharzt oder gar ein Immunologe von einer "individuellen Chancen-Risiken-Abwägung" sprechen würde, wenn er seine Kinder zum Impfen bringt.

Die offiziellen Impfempfehlungen der StIKo beruhen auf epidemiologischen Daten, die die Chancen-Risiko-Abwägung "eingebaut" enthalten. Wer dies in Zweifel zieht, wirft die Frage auf, ob man der StIKo nun mangelnde Expertise oder aber Bösartigkeit vorwerfen soll. Wer glaubt, ungeachtet dieser vielfach abgesicherten fachlichen Empfehlungen als Laie eine "eigenverantwortliche Impfentscheidung" treffen zu können, der handelt letztlich verantwortungslos und nicht verantwortlich. Damit soll nicht einem Impfzwang das Wort geredet werden, man kann aber auch nicht einfach dabei zusehen, wie sich solches Gedankengut mehr und mehr verbreitet. Es ist Aufgabe des kundigen Impfarztes, im Einzelfall das Vorliegen einer Kontraindikation zu prüfen, die – momentan oder dauerhaft – gegen das Impfen spricht. Insofern, nur insofern ist die Impfentscheidung "individuell".

Kritisches Denken ist eine Tugend. Aber sie verkommt zur Untugend, wenn sie sich selbstverliebt nur darin gefällt, die eigene Kritikfähigkeit als solche unter Beweis zu stellen. So einfach ist es nicht mit dem kritischen Denken. Unsere hochkomplexe arbeitsteilige Welt erfordert Expertise und damit verbunden Vertrauen – dem Automechaniker gegenüber genauso wie dem Bäcker an der Ecke. Jeder wird aus seinem beruflichen und persönlichen Umfeld eigene Expertise auf irgendeinem Gebiet haben, von der er definitiv weiß, welche Komplexität sie hat, was sie wert und wie schwer sie zu erlangen ist. Aber in Gesundheitsfragen macht man sich mal eben selbst zum Experten und spricht den Wissenschaftlern und Gremien, die im öffentlichen Auftrag ihre Expertise einbringen, sein Misstrauen aus?

Eine auf Selbstbespiegelung der eigenen Kritikfähigkeit gerichtete pseudokritische Haltung, die die Vernunftgrenzen der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse durchbricht, bringt zwangsläufig eher radikale und verfestigte Anschauungen hervor und gelangt leicht in die Nähe von Verschwörungstheorien. Die sozialen Medien eröffnen heutzutage Nährböden und Schutzräume, wo unter der Flagge des "mündigen Bürgers" die Ergebnisse solch pseudokritischen Denkens Verbreitung finden und sich dabei gegen jeden Einwand "von außen" immunisieren.

Auch der umlaufende Virus von der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung" immunisiert sich so. Durch den vom Zeitgeist beförderten Appell an Autonomie, persönliche Freiheitsrechte und Eigenverantwortlichkeit spielt sie diese hoch einzuschätzenden Werte aber auf unzulässige Weise gegen objektive Erkenntnis, gegen den notwendigen Grad von Rationalität, gegen den Bereich jenseits von "Meinung" und "Ansicht" aus. Ja, die Vorreiter der eigenverantwortlichen Impfentscheidung missbrauchen diese Begriffe geradezu, indem sie diese für die Einforderung von Beliebigkeit statt Fakten, von Subjektivität statt Intersubjektivität verwenden.

Rudolf Steiner und die Impfproblematik

Letztlich hat das Motto von der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung" seinen Ursprung in der "anthroposophischen Medizin" Rudolf Steiners. So verwundert es keineswegs, dass Vorreiter hierbei der Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung" ist, der eine Vielzahl erklärt anthroposophisch ausgerichteter Mitglieder hat. Im öffentichen Diskurs bekennen sich viele "impfkritische" Ärzte zur Anthroposophie, impf"kritische" Filmvorführungen und "Diskussionsveranstaltungen" finden bevorzugt an anthroposophisch ausgerichteten Fakultäten und in ebensolchen Vereinigungen statt.

Was aber steckt nun dahinter? Nun, Steiner hatte ein ganz grundsätzliches Problem mit dem Impfen. Wobei anzumerken ist – es sei hier nicht näher ausgeführt – dass anthroposophische Medizin ein auf Steiners Okkultismus beruhendes Konstrukt ist, das Verbindungen zur klinisch-wissenschaftlichen Medizin nur aus rein pragmatischen Gründen aufrechterhält.12

Der Kern der "impfkritischen" Haltung der Anthroposophie ist der Steiners okkulten Vorstellungen durchgängig zugrunde liegende Karma-Gedanke, also die Verbindung von Ereignissen in einer Inkarnation mit den Bedingungen der vorherigen und/oder nächsten. Krankheiten spielen dabei die Rolle, dass sie einerseits Folge "falschen" früheren Karmas sind und andererseits angeblich dazu dienen können, "positives Karma" zu befördern und deshalb ihr "Durchmachen" eine wohltätige und segensreiche Sache sei (hier liegt auch der Ursprung des ebenfalls verbreiteten Mythos, dass das "Durchmachen" einer Krankheit "Entwicklungsschübe" beim Kind auslöse und deshalb zu begrüßen sei – eine "profanisierte" Form von Steiners Gedanken sozusagen). Die Masern waren dabei so etwas wie Steiners "Lieblingskrankheit", vermutlich, weil sie so häufig waren und seine pseudopsychologischen Ausdeutungen schon aus rein statistischen Gründen – wie Horoskope – häufig eine Scheinwahrheit trafen. So schreibt er:

"Nehmen wir an, im späteren Leben bekommt eine Persönlichkeit Masern, und wir suchen nach dem karmischen Zusammenhang dieses Falles. Wir finden dabei, daß dieser Masernfall aufgetreten ist als eine karmische Wirkung von solchen Vorgängen in einem vorangegangenen Leben, die wir etwa so beschreiben können: Die betreffende Individualität war in einem vorhergehenden Leben eine solche, die sich nicht gern um die äußere Welt bekümmert hat, sich nicht gerade im grob egoistischen Sinne, aber doch viel mit sich selber beschäftigt hat; eine Persönlichkeit also, die viel nachgeforscht hat, nachgedacht hat, aber nicht an den Tatsachen der äußeren Welt, sondern die im inneren Seelenleben geblieben ist.

Wir haben auf der einen Seite den Masernanfall, der die physischkarmische Wirkung ist eines früheren Lebens. … Da haben Sie also die Selbsttäuschungen anzusehen als die seelisch-karmische Folge dieses früheren Lebens und den Eintritt der Masern als die physischkarmische Folge jenes Lebens.

Nehmen wir nun an, dieser Persönlichkeit wäre es gelungen, bevor der Masernfall eintrat, etwas zu tun, um sich gründlich zu bessern, das heißt, um eine solche Stärke der Seele sich anzueignen, daß sie nicht mehr ausgesetzt wäre allen möglichen Selbsttäuschungen. Dann würde diese dadurch heranerzogene Seelenstärke dazu geführt haben, daß die Masernerkrankung hätte unterbleiben können ….

Daraus sehen Sie, daß wir wirklich davon sprechen können, daß die Krankheit in gewisser Beziehung wieder zurückverwandelt werden kann in einen geistigen Prozeß. Und das ist das ungeheuer Bedeutsame, daß wenn dieser Prozeß in die Seele als Lebensmaxime aufgenommen wird, er eine Anschauung erzeugt, die gesundend auf die Seele wirkt."3

Im Grunde victim blaming, Opferbeschuldigung, in der Medizin ein Tiefpunkt der Unethik. Hier liegt der Kern der auch vom Verein "Ärzte für die eigenverantwortliche Impfentscheidung" hochgehaltene Ansicht, die durch die originäre Krankheit erworbene "Robustheit" sei einer durch Impfung erworbenen Immunität auf jeden Fall vorzuziehen.

Die medizinische Unsinnigkeit dieser auf okkulten Grundvorstellungen beruhenden Position bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

Die Steinerschen Vorträge enthalten durchaus noch mehr Stellen, in denen die Impfung teils diskreditiert, teils rundheraus abgelehnt wird, deren Darstellung hier den Umfang des Beitrages sprengen würde.

Nur eines sei noch hinzugefügt. Wer nun meint, Steiner als "von gestern" abtun zu können, seine Ansichten als "zeitbedingt" vom Tisch zu wischen und sich nicht vorstellen kann, dass heute Steiners Aussagen zahlreich wortwörtliche Exegeten finden, der sei auf das recht populäre Buch "Kindersprechstunde: Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber. Erkrankungen – Bedingungen gesunder Entwicklung – Erziehungsfragen aus ärztlicher Sicht" verwiesen. Es stammt von Frau Dr. Michaela Glöckler (gemeinsam mit Dr. W. Goebel), bis 2016 langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum in Dornach und damit eine zentrale Autorität der heutigen Anthroposophischen Medizin.

In diesem Buch wird regelrecht mit Stolz von einer Studie berichtet, nach der Waldorfschüler häufiger an Masern erkranken (!) und weniger Antibiotika verabreicht bekommen. Warum auch nicht? Ist ja schließlich in Steiners Sinne:

"Aufgabe von Medizin und Pädagogik ist es, Bedingungen zu schaffen für eine möglichst gesunde Inkarnation. Dabei spielen die sogenannten Kinderkrankheiten eine wichtige Rolle. Sie helfen, bestimmte Bereiche des Körpers physiologisch 'durchzuarbeiten' und eingehender zu 'individualisieren'. Damit wird das Zusammenspiel der Wesensglieder und ihre Gesetzeszusammenhänge neu angeregt und in unterschiedlicher Weise impulsiert."

Wen wundert es, wenn auch die "Informationsseite" des Bundes der Freien Waldorfschulen sich an einer klaren Impfempfehlung vorbeidrückt und einmal mehr nur eine "Anleitung" liefert, wie man die Menschen durch die Parole von der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung" verunsichert, womöglich allen Ernstes in dem Glauben, damit das "Karma" der Kinder zu schützen und die anthroposophische These der "Entwicklung der Wesensglieder" beim Kind und Heranwachsenden nicht zu stören?

Fazit

Wem ist schon bewusst, dass die eingängige Formel von der "eigenverantwortlichen Impfentscheidung" auf anthroposophisches Gedankengut zurückgeht, auf Ideen im Rahmen einer okkulten Reinkarnationslehre? Und auch ohne diesen Hintergrund – wie schnell führt das "schnelle, unreflektierte" Denken (Kahneman) dazu, dass die "eigenverantwortliche Impfentscheidung" den Kerngedanken der persönlichen Freiheit, den Willen zur Eigenverantwortung spontan anspricht – beides an sich positive Werte -, dazu mit einem ungerechtfertigten Misstrauen gegen "die da oben" zusammentrifft und nicht nur im Einzelfall fatale Folgen haben kann? Der Film "Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen" zeigt dies alles prototypisch.

Ob man dafür nun dankbar sein soll, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Stattdessen sei nochmals auf die von der GWUP und dem Deutschen Konsumentenbund eingerichtete umfangreiche Informationsseite zu Buch und Film hingewiesen.

  1. https://susannchen.info/?p=2310 (Kurzüberblick) ↩︎
  2. https://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-anthroposophische-heilkunde-offenbart-in-mystischer-schau-1.927047 ↩︎
  3. Rudolf Steiner, "Die Offenbarungen des Karma", GA 120, Fünfter Vortrag, Hamburg, 20. Mai 1910, S. 102 ff. ↩︎