Ramadan: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

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Traditionelles Ramadan-Essen
Ramadan-Essen

Am Sonntag endete der Ramadan, der traditionelle Fastenmonat der Muslime. In Deutschland reiht er sich wie Halloween in die zunehmende Zahl der Feierlichkeiten mit religiösem Hintergrund ein.

Jahr für Jahr gewinnt der Ramadan, der nach dem Mondkalender berechnete muslimische Fastenmonat, der in jedem Jahr zu einem anderen Zeitpunkt stattfindet, an Bedeutung. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Eigentlich müssen weder Kinder unter 14 Jahren noch Kranke fasten, da aber der Islam zunehmend streng ausgelegt wird und für viele Muslime nicht nur ein religiöses Fest, sondern auch Teil eines islamischen Lifestyles ist, mit dem man sich von der Mehrheitsgesellschaft und weniger religiösen Muslimen absetzen kann.

Wahrscheinlich auch mit etwas Neid blickt der Vatikan auf den Trend der Frömmigkeit, dem seine Schäfchen zumindest in Deutschland nicht folgen, und schrieb in einem Grußwort, dass die "Zeiten des Fastens zugleich auch Zeiten des Gebets und der Nächstenliebe" seien, die eine "besondere Gelegenheit zur inneren Erneuerung und zur Stärkung der Solidarität mit den Bedürftigen" böten. Als "authentische Brüder und Schwestern" seien Christen und Muslime aufgerufen, gemeinsam Zeugnis von Gottes Freundschaft mit der gesamten Menschheit abzulegen.

Dass schon Grundschüler fasten, war für den hessischen Kultusminister Armin Schwarz (CDU) ein Grund zur Warnung. Der FAZ sagte er: "Die Gesundheit der Kinder und die Schule haben Vorrang." Auch Stefan Wesselmann, der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, appellierte in der FAZ an muslimische Familien, die Gesundheit ihrer Kinder nicht aus falsch verstandenem religiösen Bewusstsein aufs Spiel zu setzen. Im NDR erklären Schüler und Pädagogen hingegen, dass die Schule mehr Rücksicht auf den Ramadan nehmen sollte. Die Kinder seien stolz, zu fasten. Hinterfragen wollte diesen Stolz in dem Beitrag niemand. Die Carl-Zuckmayer-Schule im Berliner Bezirk Neukölln wollte die Schüler sogar zwingen, am 28. März an einem Fastenbrechen teilzunehmen. Der Senat griff ein und verhinderte das gemeinsame Abendmahl (der hpd berichtete).

Da auch Kranke fasten, sahen sich Medizinmedien in der Pflicht, über die Folgen aufzuklären. "Das Risiko für schwere Unterzuckerungen ist während des Ramadans fast fünfmal so hoch wie im restlichen Jahr", sagte der Diabetologe Dr. Alain Barakat, stellvertretender Vorsitzender der AG Diabetes und Migration, dem Online-Magazin NetDoctor. Auch Wassermangel ist ein Risiko – nicht nur für Diabetiker, sondern auch für Herzpatienten, die wasserabführende Medikamente nehmen.

Natürlich ist auch der Ramadan mittlerweile – wie Ostern, Halloween oder Weihnachten – ein großes Geschäft. Ikea bewarb die Möbelkollektion GOKVÄLLÅ als ideal, um mit Freunden und Verwandten das Fasten zu brechen, und Aldi warb mit Zutaten und Rezepten für die fromme Küche. Es gibt mittlerweile mit dem Ramadan-Kalender ein Gegenstück zum Weihnachtskalender. Frankfurt hat – analog zur Weihnachtsbeleuchtung – wie Berlin, Köln und andere Städte auch eine Ramadan-Beleuchtung und könnte damit einen Trend gesetzt haben: Im tristen Salzgitter denkt man darüber nach, der glamourösen Main-Metropole im kommenden Jahr zu folgen.

Das gefällt nicht allen: Der Imam Scharjil Kahlid von der muslimischen Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat sagte t-online: "Dass man sich so sehr auf das Zurschaustellen und das Schmücken konzentriert, ist eigentlich genau das, was der Ramadan verhindern will." Eigentlich sei der Ramadan ein Monat der Einfachheit und Schlichtheit, und der Verein Nour Energy warb mit der Kampagne "Greeniftar" für mehr Nachhaltigkeit in der muslimischen Community.

Auch die Feiern zum Fastenbrechen erfreuten sich großer Beliebtheit. Viele Restaurants in ganz Deutschland boten den hungrigen Gästen spezielle Ramadan-Menüs. Nicht alle Muslime, die zum Essen kamen, hatten allerdings gefastet. Der Spiegel berichtete über ein Fastenbrechen von türkischstämmigen Fans des Clubs Galatasaray, von denen viele gerne feierten, ohne zu fasten.

So viel Lässigkeit stört dann Frömmler, die sich schon am Begriff "Zuckerfest" stören, was ja erst einmal nach viel Spaß und noch mehr Süßigkeiten klingt. Yunus Ulusoy vom Essener Zentrum für Türkeistudien erklärt, dass vor allem sehr religiöse Muslime den Begriff, der auf das Osmanische Reich zurückgeht, ablehnen und "Ramadanfest" bevorzugen.

Solche Einwürfe interessieren die Politik bislang nicht. Viele Politiker richteten Ramadan-Grüße an die Muslime, die ja zu einem großen Teil auch Wähler sind, deren Herzen gewonnen werden sollen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sandte eine Grußbotschaft und gab sich optimistisch: "Ich habe übrigens gehört, dass inzwischen nicht wenige muslimische Kinder mit einem Ramadan-Kalender die Tage dieser besonderen Zeit zählen. Ähnlich wie im traditionellen Adventskalender gibt es kleine Überraschungen darin. Ein kleines Zeichen dafür, wie sehr der Islam hier in Deutschland mit dessen besonderen Traditionen angekommen ist."

Weniger Glück hatte die Stadt Duisburg hingegen mit einem Video, das ein gemeinsames Fastenbrechen in der Haci-Bayram-Veli-Moschee im Stadtteil Hochfeld zeigte. Diese gehört zur Milli-Görüş-Bewegung, über die der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz sagt, dass deren Ziele mit der demokratischen Grundordnung nicht vereinbar seien, weil sie diese abschaffen wolle. Und beim abendlichen Schmausen gilt der Grundsatz: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

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