Ist der religiöse Glaube bloß die Fortsetzung der kindlichen Fantasie?

Fantasie ist eine wunderbare Gabe, die unser Leben bereichert. Beim übersinnlichen Glauben sollten wir uns allerdings vor der Fiktion hüten.

Fantasie und Fiktion sind wunderbare Phänomene und Gaben, die unser Leben bereichern und uns vermutlich von der Tierwelt unterscheiden. Was gibt es Schöneres, als in fiktive Geschichten einzutauchen, in denen nicht die Naturgesetze die dominierenden Kräfte sind, sondern das Vorstellungsvermögen.

Da kann es auch reizvoll sein, sich zu überlegen, was wohl wäre, wenn wir über übernatürliche Kräfte verfügen würden, um die Welt zu einem harmonischen Ort zu machen. Dieser geistige Prozess setzt auch dann reflexartig ein, wenn uns etwas Unangenehmes oder Bedrohliches zugestoßen ist. Wir wünschen uns dann, die Zeit zurückzudrehen und das Ereignis rückgängig machen zu können.

Die geistigen Ausflüge in Fantasiewelten beherrschen Kinder perfekt. Sie können oft nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Der Prozess hat offensichtlich eine wichtige Funktion bei der neurologischen Entwicklung des kindlichen Hirns. Er hilft den Kindern vermutlich auch, den Schock abzufedern, der von schmerzlichen physischen und psychischen Erlebnissen ausgelöst wird.

Die Fiktion dient unter anderem zur Flucht vor der manchmal unerträglichen Realität. Der nächste Schritt bei der geistigen Entwicklung besteht darin, zwischen Wirklichkeit und Traumwelt unterscheiden zu lernen. Er führt zur Akzeptanz von und Konfrontation mit der oft schmerzhaften Realität.

Kinder müssen lernen, dass Märchen reine Fiktion sind. Der Abschied von der Welt der Wunder ist ein schwieriger Schlüsselprozess bei der geistigen Entwicklung. Nur wer ihn einigermaßen unbeschadet übersteht, kann sich in der Realität behaupten.

Womit wir beim Glauben angelangt sind. Man gewinnt oft den Eindruck, dass er der Raum ist, in dem wir Geborgenheit suchen und in den wir vor der Realität flüchten können. Denn dieser Bereich der "Weltflucht" ist gesellschaftlich akzeptiert. Wir werden nicht bemitleidet, hinterfragt oder skeptisch beurteilt, wenn wir im Rahmen unseres Glaubens von übernatürlichen Phänomenen oder Wundern überzeugt sind. Im Glauben können wir auch als Erwachsene ungestört unsere Sehnsucht nach Fiktion ausleben.

Dieser Glaube treibt allerdings gelegentlich sonderbare Blüten, die an kindliche Fantasiewelten erinnern. Leichtgläubige Personen versuchen dabei oft, die Sehnsucht nach Wundern auch in den Alltag hinüber zu retten. Meister in dieser fragwürdigen Disziplin sind Esoteriker. In ihrer übersinnlichen Welt hat alles Platz, was ihre Fantasie hergibt.

Wünsche ans Universum

Ein paar Beispiele: Ein beliebtes Ritual sind die Wünsche ans oder Bestellungen beim Universum. Breite Kreise der Bevölkerung glauben tatsächlich, wenn sie solche Wünsche formulieren, aufschreiben und visualisieren, würden sie in Erfüllung gehen. Das kann die Suche eines Parkplatzes in der überfüllten Stadt betreffen oder den Wunsch, einen Lebenspartner zu finden.

Aber auch materielle Wünsche wie der Erhalt eines teuren Schmuckstücks oder Autos sollen möglich sein. Dahinter steckt der kindliche Glaube, aufgestiegene Meister, Avatare oder göttliche Kräfte der geistigen Welt würden die Wunder bei intensivem Glauben bewerkstelligen. Es gibt denn auch unzählige Bücher zu diesem Thema.

Auch der Glaube an Elfen, Feen, Kobolde, Engel und Einhörner, die als Boten der göttlichen Kräfte verehrt werden, erinnern an kindliche Fiktionen, die Erwachsene wieder kultivieren. Ähnlich verhält es sich bei Poltergeistern, dem Glauben an die Hellsichtigkeit, außerkörperlichen Wahrnehmungen, der Kommunikation mit Verstorbenen und mit Geistwesen, der Wiedergeburt und vielem mehr.

Wunder wie im Märchen

All dies erinnert an Wunder, die wir bei den Kindermärchen erlebten. Heute helfen sie auch Erwachsenen bei der Flucht aus der oft unerträglichen Realität.

Dieses Phänomen lässt sich allerdings nicht nur in der Esoterik und bei Sekten beobachten, sondern auch bei den Weltreligionen. Im Hinduismus zum Beispiel bevölkern Hunderte von Göttern den Himmel und die Erde. Selbst in Tieren werden göttliche Geschöpfe mit übernatürlichen Fähigkeiten gesehen. Vom Affengott Hanuman bis zum heiligen Stier Nandi Bull. In diesem Glauben steckt eine gehörige Portion Fiktion.

Auch die Buchreligionen sind nicht frei davon. Die Bibel ist ein Schriftstück voll Wunder. Was als Wirklichkeit dargestellt wird, wirkt oft fiktional. Jonas, der drei Tage und drei Nächte im Bauch eines Wales überlebt. Die Arche Noah, in der von den Zehntausenden Tieren je ein Paar Platz findet, samt Nahrungsreserven. Maria, die in den Himmel fährt, Jesus, der Tote auferweckt und selbst aufersteht usw.

Kommunikation mit Gott und Jesus

Und noch heute glauben viele Gläubige, mit Gott, Jesus und dem heiligen Geist kommunizieren und Botschaften empfangen zu können. Oder dass bei der Kommunion tatsächlich Brot und Wein verwandelt werden. ("Nehmt und esst; das ist mein Leib. (…) Trinkt alle daraus; das ist mein Blut.")

Fazit: Wer in Glaubensfragen ins Reich der Fiktion flüchtet, läuft Gefahr, in eine Scheinwelt abzurutschen und Opfer eines Aberglaubens zu werden.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.

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