Die Vereinigten Staaten haben einen Salto rückwärts ins 19. Jahrhundert vollzogen und aus dem Verteidigungs- wieder ein Kriegsministerium gemacht, zu finden unter der Domain "war.gov". Pete Hegseth lässt wenig Zweifel daran aufkommen, dass der Krieg, für den er die USA zu rüsten gedenkt, ein heiliger ist.
Zunächst wollen wir ebenfalls einen Zeitsprung wagen, jedoch lediglich ins Jahr 2020: Pete Hegseth verdingte sich zu diesem Zeitpunkt als Moderator für die als Nachrichtensender getarnte Propagandaplattform Fox. Bereits damals trat er nicht nur als glühender Trump-Anhänger, sondern primär als christlicher Krawallmacher in Erscheinung.

Hegseth veröffentlichte 2020 im Vorfeld der Präsidentschaftswahl das Buch "Der Amerikanische Kreuzzug". Und bereits das Cover zeigt: Dieses Machwerk hat es in sich.
Hegseth sinniert hier, historisch wenig akkurat, über die Wirkmächtigkeit der verschiedenen Krezzüge und attestiert den Vereinigten Staaten des 21. Jahrhunderts die Notwendigkeit eines solchen. "Wir wollen nicht kämpfen, doch gleich unseren Glaubensbrüdern vor 1.000 Jahren, müssen wir", schreibt Hegseth. Wer die Vorzüge der westlichen Zivilisation schätze, müsse dankbar sein – aber nicht etwa der Aufklärung, der modernen Medizin oder den Menschenrechten, sondern den Kreuzzügen.
Krieg und Christentum sind für Hegseth untrennbar verbunden, teilt er uns in diesem Buch mit. Und vor diesem Hintergrund ist auch seine Amtszeit als Kriegsminister zu bewerten.
Das "christliche Gebets- und Gottesdienstprogramm des Verteidigungsministers"
Kaum im Amt richtete Hegseth im Mai vergangenen Jahres, damals noch als Chef des nunmehr umbenannten Verteidigungsministeriums, das "Christliche Gebets- und Gottesdienstprogramm des Verteidigungsministers" ein, als dessen Sponsor er auftritt.
Der Gottesdienst wurde im Auditorium des Pentagon abgehalten, über das hauseigene Intranet lief ein Stream. Stargast der Auftaktveranstaltung war Brooks Pottgeiger, Pastor aus Tennessee, der Donald Trumps Wahlerfolg göttliche Fügung attestierte und diesen als ein Instrument Gottes anpries, um den Vereinigten Staaten "Stabilität und moralische Klarheit zu bringen". Trump und sein Kabinett seien außerdem nicht gewählt, sondern "von höherer Macht ernannt".
Diese Gottesdienste sind mittlerweile zu einem festen monatlichen Programmbestandteil des Pentagon geworden. Zwar versicherte Hegseths Büro, dass die Teilnahme freiwillig sei, dem allerdings entgegnet die ehemalige Anwältin des Kriegsministeriums, Rachel VanLandingham: "Menschen in einer Organisation mit derart rigider Hierarchie wie dem Militär denken sich: 'Oh, das ist freiwillig, aber wenn die Veranstaltung (vom Kriegsminister) gesponsert wird, naja, dann gehe ich lieber hin'."
Auch die 2005 gegründete Military Religious Freedom Foundation, die sich für weltanschauliche Neutralität innerhalb des Militärs einsetzt, äußert Zweifel an der Freiwilligkeit. Binnen eines halben Jahres hätten mehr als 150 Militärangehörige davon berichtet, dass sie zu einer Teilnahme genötigt wurden und die Anwesenheit bei diesen Gottesdiensten protokolliert würde, so die Stiftung.
Radikale Pastoren
Im Juli war Hegseth bei Pastor Jared Longshore zu Gast, Mitglied der Communion of Reformed Evangelical Churches, um an der Einweihungsfeier der neuen Zweigstelle in Washington, D.C. teilzunehmen. Dieser betonte ebenfalls die Verbindung zwischen Krieg und Christentum. "Wir verstehen, dass Glaube Krieg ist. Und wir meinen das auch so", polterte Longshore in seiner ironischerweise "Gnade und Friede für Washington" titulierten Predigt.
Gegenüber Talkingpointsmemo sagte Longshore im Nachgang, die Regierung müsse "anerkennen, dass Christus unser Herr ist, und dann auch tatsächlich darauf hören, was er befiehlt". Das inkludiere natürlich die Pflicht, "den Zorn Gottes auf Übeltäter herabfahren zu lassen" – den Staat also als Erfüllungsgehilfen christlicher Moralvorstellungen auftreten zu lassen.
Ihn besorge auch die "Betonung der Demokratie", so Longshore weiter. Diese führe zu einer falschen Prioritätensetzung: Die Leute würden "dem menschlichen Geist vertrauen, die Dinge zu regeln", statt anzuerkennen, dass es "Gott sei, der das letzte Wort hat".

Foto: U.S. Secretary of War / Flickr (public domain)
Für den Weihnachtsgottesdienst war Pastor Franklin Graham ins Pentagon geladen, Sohn des evangelikalen Predigers Billy Graham, der in den Vereinigten Staaten – zurecht – als einer der einflussreichsten konservativen Pastoren des 20. Jahrhunderts gilt. In seiner Predigt erinnerte Franklin Graham die Anwesenden daran, dass der christliche Gott nicht nur einer der Liebe, sondern auch einer des Hasses und der Gewalt sei: "Wir alle wissen, dass Gott liebt, aber wussten Sie, dass Gott auch hasst? Wussten Sie, dass Gott auch ein Gott des Krieges ist?" Im weiteren Verlauf zitierte Graham einen wenig missverständlichen Aufruf aus dem ersten Buch Samuel: "(S)chone ihrer nicht, sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel!"
Bemerkenswert ist also nicht nur die Tatsache, dass sich das Kriegsministerium mit einer ganz bestimmten Religion gemein macht. Bemerkenswert ist, wie unverblümt diese Religion als vorauseilende Rechtfertigung für Krieg und Gewalt beschworen wird. Bemerkenswert ist, dass die Umwidmung vom Verteidigungs- zum Kriegsministerium mit einer rapide ausufernden Rhetorik einhergeht die, so will es scheinen, den Nährboden für eine ideologische Neuausrichtung des US-Militärs bildet.
Ein Teil dieser Neuausrichtung ist auch die Stärkung der Militärseelsorge. Diese wäre, katalysiert durch ein Klima des "säkularen Humanismus" und fehlgeleiteter "New Age-Überzeugungen", von spiritueller Führung zur Psychotherapie degradiert worden, monierte Hegseth kürzlich. Und eben hieran lässt sich wohl am Allerbesten ermessen, wer der Feind ist, für den Pete Hegseth das Kriegsministerium rüstet.







1 Kommentar
Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.
Kommentare
Detlev F. Neufert am Permanenter Link
Sie sollten nicht das "Kriegsministerium" in Anführungszeichen setzen, sondern den Begriff 'christianisiert. Das Vorgehen von Seiten der amerikanischen Regierung hat nichta mit dem Christentum zu tun.