Die Stiftungsaktivitäten im zweiten Corona-Jahr

Der gbs-Jahresrückblick 2021

Wie schon im Vorjahr beschäftigte sich die Giordano-Bruno-Stiftung auch 2021 mit dem Schwerpunktthema "Die hohe Kunst der Rationalität – Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten". Zu den Highlights des Jahres zählten die Aktivitäten zum 100. Geburtstag von Hans Albert, die Gründung des Bertha von Suttner-Studienwerks, bundesweite Kampagnen für Meinungsfreiheit und gegen die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs sowie aufsehenerregende Kunstaktionen vor dem Kölner Dom.

1. Quartal: Januar – März 2021

Januar: Da der traditionelle Empfang der Giordano-Bruno-Stiftung 2021 Corona-bedingt nicht stattfinden kann, erläutert gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon in seiner virtuellen Neujahrsansprache, warum die Stiftung ihr letztjähriges Schwerpunktthema "Die hohe Kunst der Rationalität" fortführen wird und weshalb eine stärkere Beachtung der Grundregeln des rationalen Argumentierens die gesellschaftliche Debatte – nicht nur in der Corona-Frage – entscheidend verbessern würde.

Nach ihrer Verurteilung auf Basis des umstrittenen Paragraphen 219a StGB darf die Gießener Ärztin Kristina Hänel nicht mehr über Schwangerschaftsabbrüche informieren – die Giordano-Bruno-Stiftung aber schon! Und so geht im Januar 2021 – wenige Tage nach der Zustellung des Urteils – die Website abtreibung-info.de an den Start, auf der die ursprünglichen Informationen von Hänels Homepage sowie weitere wichtige Hinweise zum Schwangerschaftsabbruch zu finden sind.

Februar: Am 1. Februar – eine Woche vor dem 100. Geburtstag von Hans Albert – eröffnet die gbs in Zusammenarbeit mit dem Hans-Albert-Institut (HAI) das "Digitale Hans-Albert-Archiv", was sich positiv auf die mediale Berichterstattung zum runden Jubiläum des renommierten Wissenschaftstheoretikers auswirkt. Am 8. Februar richtet die gbs einen "Virtuellen Festakt zum 100. Geburtstag" aus, bei dem Eric Hilgendorf (Strafrechts-Professor, Rechtsphilosoph und gbs-Beirat) die Laudatio spricht und die aufwändige Filmdokumentation "Hans Albert – Der Jahrhundertdenker" erstmals gezeigt wird.

Ebenfalls im Februar stellt das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen den Betreiber der Website "babycaust.de", der als militanter Abtreibungsgegner zuvor viele Ärztinnen und Ärzte angezeigt hatte. Wenige Tage später thematisiert die gbs mit dem "Eichelbischof" vor dem Kölner Dom das "Kernproblem der katholischen Kirche" und protestiert öffentlichkeitswirksam gegen die Vertuschung des Missbrauchsskandals.

März: Anfang März gibt die gbs zusammen mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), der Humanistischen Akademie Deutschland (HAD) und der Bundesarbeitsgemeinschaft humanistischer Studierender (BAG) die Gründung des Bertha von Suttner-Studienwerks bekannt, mit dessen Hilfe humanistische Studierende die gleiche Förderung erhalten sollen wie ihre religiösen Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Mitte März, als Kardinal Woelki sein zweites Gutachten zum Missbrauchsskandal vorstellt, steht die Stiftung mit dem "Hängemattenbischof" ("Die schonungslose Aufarbeitung des Missbrauchsskandals") wieder vor dem Kölner Dom, was weltweit für Schlagzeilen sorgt. Kurz darauf feiert die gbs einen wichtigen "Sieg für die Meinungsfreiheit", als der islamkritische Aktivist und Blogger Amed Sherwan ("Ein Kuss ist kein Verbrechen!") mit Unterstützung der Stiftung seinen Rechtsstreit gegen Facebook/Instagram gewinnt.

2. Quartal: April – Juni 2021

April: Im Bundestag wird darüber diskutiert, den Kirchen zur Ablösung der historischen Staatsleistungen 10 Milliarden Euro zu zahlen – dies wäre ein "Geldstapel höher als der Mount Everest", wie die gbs in ihrer Pressemitteilung kritisiert. Dass es für die Steuerzahlerinnen und -zahler deutlich günstiger geht, zeigt das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) mit einem "Grundsätzegesetz zur Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen" auf.

"Das Lesen eines Buchs ist durch nichts zu ersetzen – außer: durch das Lesen eines Buchs!": Zum "Welttag des Buches" am 23. April veröffentlicht die Giordano-Bruno-Stiftung die "gbs-Basisbibliothek". Das Besondere daran: Die in der Stiftung organisierten Autorinnen und Autoren haben selbst angegeben, welche ihrer Werke sie als besonders bedeutsam erachten.

Mai: Wessen Leben sollen Ärzte retten, wenn nicht mehr allen geholfen werden kann? Anfang Mai veröffentlicht das Hans-Albert-Institut eine Stellungnahme, die sich aus ethischer Perspektive mit Triage-Entscheidungen auseinandersetzt.

Mitte Mai beteiligt sich die gbs an den bundesweiten Protesten "150 Jahre Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs", die eine grundlegende Reform der Gesetzgebung einfordern. Zeitgleich kritisiert die Stiftung Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der bei der Eröffnung des Ökumenischen Kirchentags als "engagierter Christ" spricht – nicht aber als "Präsident aller Deutschen".

Hat Deutschland die Raketen mitfinanziert, die im Mai 2021 auf Israel abgefeuert werden? Der Bundesrechnungshof hat zwar untersucht, ob Gelder des Auswärtigen Amtes (AA) über Umwege an die islamische Terrororganisation Hamas geflossen sind, will diese Informationen aber nicht preisgeben. Dagegen klagt das ifw zusammen mit der Berliner Rechtsanwältin Seyran Ateş. Ebenfalls im Mai 2021 bringt das Institut den zweiten Band der ifw-Schriftenreihe heraus: Gerhard Czermak (Mitglied des gbs-Beirats und des ifw-Direktoriums) analysiert darin "70 Jahre Bundesverfassungsgericht in weltanschaulicher Schieflage".

Juni: Eine deutliche Mehrheit der Deutschen ist unzufrieden mit dem Kampf der etablierten Parteien gegen Islamismus: Dies zeigt eine gemeinsame Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), der Alice Schwarzer Stiftung und der Giordano-Bruno-Stiftung, die im Juni 2021 veröffentlicht wird. Die Umfrage, die in einem Artikel der ZEIT vorangekündigt und in einem EMMA-Schwerpunkt ausführlich erläutert wird, belegt, dass die Menschen in Deutschland mehrheitlich ein differenziertes Bild vom Islam haben und sehr genau zwischen "Islam und Islamismus" unterscheiden können.

3. Quartal: Juli – September 2021

Juli: Anfang Juli erhalten die Mitglieder des Europaparlaments verdächtige Post: Die Briefe sind aufgerissen, von einer "Europäischen Task-Force gegen Kindesmissbrauch" kontrolliert und mit einem Warnhinweis versiegelt. Hinter der aufsehenerregenden Aktion verbirgt sich eine Kampagne der Giordano-Bruno-Stiftung, die auf diese Weise gegen die geplante "Aufhebung der digitalen Privatsphäre (#Chatkontrolle)" protestiert.

Nachdem sich die gbs zuvor an vielen Onlineveranstaltungen (insbesondere an den Vortragsreihen des Kortizes-Instituts) beteiligt hat, sendet sie am 30. Juli wieder selbst aus dem "virtuellen Studio Düsseldorf": gbs-Beirat und Bestsellerautor Andreas Altmann stellt in der "Virtuellen Bruno-Akademie" sein aktuelles Buch "Gebrauchsanweisung für Heimat" vor.

August: Anfang August kann das neu gegründete Bertha von Suttner-Studienwerk über einen "großen Bedarf an humanistischen Stipendien" berichten: 160 Studierende und Promovierende nahezu aller Fachrichtungen haben sich auf die erste Ausschreibung des humanistischen Begabtenförderwerks beworben. Die Auswahlkommission ist beeindruckt von der Qualität der eingegangenen Bewerbungen. Die Entscheidung für die besten zehn Kandidatinnen und Kandidaten, welche die Zusage für das Suttner-Stipendium im September 2021 erhalten, fällt entsprechend knapp aus.

September: Wissenschaftsleugnung, Klimaforschung und Pseudomedizin sind die Schwerpunktthemen der "SkepKon 2021", der größten skeptischen Konferenz im deutschsprachigen Raum, welche vom 11. bis 12. September online stattfindet. Ausrichter der Konferenz ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) unter anderem mit Unterstützung der Giordano-Bruno-Stiftung und des Hans-Albert-Instituts. Darüber hinaus beteiligt sich die gbs Ende September am "Bundesweiten Aktionstag zum Internationalen Safe Abortion Day" (#wegmit218). Ein guter Zeitpunkt, um – kurz vor der Bundestagswahl – auf die Politik einzuwirken, endlich etwas an der prekären Situation für ungewollt Schwangere zu ändern.

Ebenfalls kurz vor der Bundestagswahl veröffentlicht die (von der gbs getragene) Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) ihr neues Datenblatt zur Religionsverteilung in Deutschland. Demnach gehörten Ende 2020 33,8 Millionen Deutsche keiner Religion mehr an, womit die konfessionsfreien Menschen mit rund 41 Prozent den größten Bevölkerungsanteil in Deutschland stellen vor den Katholiken (27 Prozent), den Protestanten (24 Prozent), den Mitgliedern sonstiger Religionsgemeinschaften (zwischen 4 und 5 Prozent) sowie den konfessionsgebundenen Muslimen (zwischen 3 und 4 Prozent). Wie in den Vorjahren stößt die "fowid-Torte" auf große Aufmerksamkeit, unter anderem werden die fowid-Zahlen am Tag der Bundestagswahl von der "Tagesschau" via Twitter verbreitet.

4. Quartal: Oktober – Dezember 2021

Oktober: "Jugend schützt vor Weisheit nicht!": Im Rahmen des Kortizes-Symposiums "Zeit – Geist – Gehirn", das mit Unterstützung der gbs Anfang Oktober im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg stattfindet, werden die zehn Preisträgerinnen und Preisträger des "Nachwuchswettbewerbs zum 100. Geburtstag von Hans Albert" ausgezeichnet. Pünktlich zur Preisverleihung erscheint auch der Sammelband "Was ist rational?", der die 14 besten Essays des Wettbewerbs enthält.

Wenige Tage später kann die Stiftung einen "Sieg für die Streitkultur an deutschen Universitäten" verkünden, nachdem die gbs-Hochschulgruppe Mainz ihre Klage gegen den Mainzer AStA gewonnen hat. Der AStA hatte die Hochschulgruppe seit 2017 systematisch benachteiligt, weil er der gbs vorwarf, angeblich "rechte Denker" wie Peter Singer (?!) und "islamophobe Rassisten" wie Hamed Abdel-Samad (??!!) zu unterstützen, womit der AStA nicht nur eine höchst eigenwillige Interpretation der Wirklichkeit vorlegte, sondern auch seine rechtlichen Kompetenzen maßlos überschritt.

Mitte Oktober 2021 erscheint die neue Ausgabe des bruno.-Jahresmagazins, das sich in seinem Schwerpunktthema mit der "hohen Kunst der Rationalität" beschäftigt. Zudem gibt es im Heft ein beeindruckendes Portrait der "säkularen Vorkämpferin" Ingrid Matthäus-Maier, aufschlussreiche Interviews unter anderem mit Hamed Abdel-Samad, Jacques Tilly und Michael Schmidt-Salomon, Hintergrundberichte zum "Kernproblem der katholischen Kirche", zu zensierten Küssen im Internet und vieles andere mehr. Zudem liegt der bruno.-Ausgabe die neue gbs-Broschüre "Spuren hinterlassen: Dem Humanismus Zukunft schenken" bei, welche die Ausführungen von gbs-Geschäftsführerin Elke Held zu den Zukunftsstrategien der Stiftung ergänzt.

November: Nutzt die Ampelkoalition, die sich nach der Bundestagswahl gebildet hat, die historische Chance für eine neue säkulare Rechtspolitik? Mit einem entsprechenden Appell melden sich Anfang November ifw und gbs zu den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen. Der Ende November veröffentlichte Koalitionsvertrag "Mehr Fortschritt wagen" enthält zwar einige schwammige Passagen, gibt aber Anlass zur Hoffnung. Groß ist jedenfalls die Freude bei den (von der gbs unterstützten) "ProChoice"-Aktivist*innen um die Gießener Ärztin Kristina Hänel, da der Koalitionsvertrag eindeutig vorsieht, den umstrittenen Paragraphen 219a StGB zu streichen.

2021 kann die gbs neben dem Ehrentag für Hans Albert noch einen zweiten 100. Geburtstag feiern: In Gedenken an ihren 2015 verstorbenen Beirat, den Schriftsteller und Kinderbuchautor Max Kruse ("Urmel aus dem Eis"), veröffentlicht die gbs am 19. November das Video "Erinnerungen an Max Kruse". Der Film wird am Tag zuvor auf der Max-Kruse-Konferenz der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in München erstmalig gezeigt.

Aufgrund der Corona-Beschränkungen kann das "Stuttgarter Zukunftssymposium" am 20. November 2021 bedauerlicherweise nur online stattfinden. Ausrichter des spannenden Kongresses zum Thema "Kollege KI in der Bildung" sind die Integrata-Stiftung, die Giordano-Bruno-Stiftung, das Weltethos-Institut Tübingen, das Informatik-Forum Stuttgart und der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft.

Dezember: Am 6. Dezember erinnert die gbs an die Wahl des Evolutionsbiologen Julian Huxley zum ersten Generaldirektor der UNESCO vor exakt 75 Jahren. Huxley, der die Philosophie des "evolutionären Humanismus" begründete, zählt zu den wichtigsten Ideengebern der gbs, was sich auch in dem Dokumentarfilm "Hoffnung Mensch - Die Geschichte des evolutionären Humanismus" niederschlägt, den Ricarda Hinz 2014 zum zehnjährigen Bestehen der Giordano-Bruno-Stiftung produziert hat.

Fazit

Trotz der vielfältigen Corona-Beschränkungen war 2021 ein erfolgreiches Jahr für die Giordano-Bruno-Stiftung. Die gbs schaut insofern optimistisch in die Zukunft – auch weil die Maßnahmen zur Nachwuchsförderung (U30-Wettbewerb zum 100. Geburtstag von Hans Albert sowie die Gründung des Bertha von Suttner-Studienwerks) erfreulich positive Wirkungen zeigen. Der Stiftungsbeirat ist durch die Berufung der renommierten Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert noch einmal gestärkt worden, allerdings musste die gbs durch den Tod des brillanten Cartoonisten Martin Perscheid auch einen schmerzlichen Verlust hinnehmen.

Erfreulich hingegen ist, dass wir auch in diesem Jahr weitere Neueintritte in den gbs-Stifterkreis verzeichnen konnten, was für eine solide Finanzierung der Stiftungsaktivitäten wichtig ist. Wir danken allen, die 2021 durch ihr ideelles und/oder finanzielles Engagement zum Erfolg der Giordano-Bruno-Stiftung beigetragen haben und wünschen unseren Unterstützerinnen und Unterstützern ein gutes, gesundes und freudvolles Jahr 2022!

Erstveröffentlichung (dort mit vielen Fotos) auf der Webseite der Giordano-Bruno-Stiftung.

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