Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner

Die letzten Kriege unter direkter Verantwortung eines Papstes waren die Revolution von 1848/49 und die italienischen Einigungskriege (bis 1870). 1848 wurde der Kirchenstaat in die Römische Republik umgewandelt. Das Wahlrecht war dort demokratischer als in den damaligen USA. Aber bereits im folgenden Jahr wurde die Republik von Interventionstruppen katholischer Mächte zusammengeschossen. Papst Pius IX. konnte als absoluter Monarch nach Rom zurückkehren. Erst als er durch den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 seine französische Schutzmacht verlor, konnte der Kirchenstaat in Italien eingegliedert werden. Pius IX. wurde vor wenigen Jahren seliggesprochen, die westlichen Demokratien ließen diesen Affront unbeachtet.

Lütz behauptete auch, die Katholische Kirche habe keine Hexen verfolgt. Auch für folgende Aussage über Deschner erübrigt sich jeder Kommentar:

„Ich glaube, dass jemand, der intensiv hasst und dies in Deutschland vom Schreibtisch aus tut, auch ein Täter ist.“

Im letzten Drittel des Films wurde noch die kirchliche Frauenproblematik aufgegriffen. Hier erregte sich Uta Ranke-Heinemann darüber, dass „… 2000 Jahre Christentum die Gehirnzellen der Frauen so beschädigt haben, dass sie heute die größten Fürsprecher ihrer eigenen Unterdrückung sind.“

Schließlich wandte man sich der Verquickung der Kirche mit dem Faschismus zu. Hier versuchten die prokirchlichen Interviewgeber, die Konflikte der Kirche mit dem NS-Regime als Ausdruck einer generellen Widerstandshaltung auszugeben. Offenkundig war ihnen in keiner Weise klar, dass die katholische Kirche sich mit vielen faschistischen Regimen in einer klassischen Allianz von Thron und Altar verbunden hatte. Der Fachausdruck hierfür lautet Klerikal-Faschismus. Dazu gehört nicht nur die Franco-Diktatur in Spanien (1939 – 1975), sondern auch der kroatische Ustascha-Faschismus (1941 – 1944), der einen Völkermord an den orthodoxen Serben zu verantworten hatte. In diesem Zusammenhang gab es auch Konzentrationslager, die von Franziskanermönchen geleitet wurden. Die Ablehnung der Menschenrechte durch den Vatikan im Jahre 1791 war eben immer noch in Kraft. Erst Papst Johannes XXIII. (1958 – 1963) schlug hier einen neuen Weg ein. Das NS-Regime gehörte zwar nicht der Kategorie des Klerikal-Faschismus an - auch Deschner erwähnt in dem Film eine anti-klerikale Haltung der Nazis - aber offenkundig erhoffte sich die Kirche eine Angleichung des Regimes an den Klerikal-Faschismus, denn durch den Zuspruch an die katholische Zentrumspartei, für das Ermächtigungsgesetz zu stimmen (1933), verhalf Vatikan-Botschafter Pacelli, der spätere Papst Pius XII. (1939 – 1958), dem NS-Diktator zur absoluten Macht. Hitler wurde auch nie exkommuniziert. Der einzige Naziführer, der von seiner Kirche ausgeschlossen wurde, war Josef Goebels, weil er eine Protestantin geheiratet hatte. Professor Schmidt befand, Pius XII. und die deutschen Bischöfe hätten auf die Nürnberger Anklagebank gehört.

Der Film schloss mit einem Wort von Karlheinz Deschner: „Ich denke, also bin ich kein Christ!“

Ich selbst habe übrigens – mit einer Ausnahme – erst im Verlauf der letzten drei Jahre Bücher von Deschner erworben, da ich mir als katholischer Jugendlicher einen Ekel bezüglich seines Stils eingefangen hatte. Meine historischen Kenntnisse haben sich deshalb fast ganz ohne ihn angesammelt. Heute finde ich, dass seine manchmal nervtötende, moralisierende Vorgehensweise ein Gegengewicht zu den Unzulänglichkeiten der anderen Historiker darstellt. Diese neigen oft dazu, siegreiche Machthaber und Institutionen mit großem Wohlwollen zu beschreiben, ohne auf das Leid ihrer Opfer allzu viel Mühe zu verwenden.

Anschließend ergab sich noch die Gelegenheit zur Diskussion mit Ricarda Hinz. Die Künstlerin berichtete von ihrer Methodik, kirchennahe Interviewgeber zu finden. Durch ihre katholische Sozialisation wusste sie, „wie man einen Bischof bekommt“. Sie simulierte das verunsicherte Schäflein und überraschte den Gesprächspartner erst vor Ort damit, dass es nur um Deschner gehen solle. Nach dem ersten Bischof öffneten sich die Türen von selbst. Alle Gegner Deschners hatten bekannt, nie eines seiner Bücher gelesen zu haben.

Mancher Zuschauer hatte den Film vermutlich bereits gesehen, denn Ricarda hat ihn ins Internet gestellt. Die Filmveranstaltung trotzdem zu besuchen, hat sich aber sicher auch wegen des erfrischenden Charmes der Künstlerin gelohnt.


Die Säkularen Humanisten Rhein-Main treffen sich wieder in Frankfurt am Main, am
16.10.2010 um 19:00 Uhr, im 2. Stock des Club Voltaire, in der Kleinen Hochstraße Nr. 5. Der nächste Termin der Veranstaltungsreihe ist am 05.11.2010 um 19:30 Uhr, siehe hierzu auf www.saekulare-humanisten.de.