Man trifft sich nicht einfach zum Feiern, sondern gewissermaßen zur weltanschaulichen Bewegungsübung – so kann man die Protestpartys zum karfreitäglichen Tanzverbot beschreiben, die auch in Stuttgart stattfanden. Denn neben Digitalisierung, Fachkräftemangel und Gegenwartschaos wacht der Staat noch immer tapfer darüber, dass an Stillen Tagen auch wirklich korrekt still gelitten wird.
Es gibt Abende, an denen man einfach nur ausgehen will. Und es gibt Abende, an denen man ganz nebenbei noch daran erinnert wird, dass Deutschland ein Land ist, in dem man das Tanzen nicht nur können, sondern gelegentlich auch rechtfertigen muss. Solche Abende waren das Karwochenende und die Osterabende in Stuttgart.
Während die Ostertage in Baden-Württemberg traditionell als sogenannte "stille Feiertage" begangen werden, setzte die Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) in Stuttgart erneut ein Zeichen gegen religiös motivierte gesetzliche Einschränkungen. Unter dem Motto "Tanzen macht glücklich – Feiern gegen Tanzverbote" fanden in den Clubs LKA Longhorn, Climax Institutes und Proton Club genehmigte Tanzveranstaltungen an Gründonnerstag (2. April 2026), Karfreitag (3. April 2026) und Karsamstag (4. April 2026) statt.

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Schon der Rahmen hatte etwas wunderbar Absurdes: Man trifft sich nicht einfach zum Feiern, sondern gewissermaßen zur weltanschaulichen Bewegungsübung. Andere Länder exportieren Zukunftstechnologien, wir verwalten an den "Stillen Feiertagen" zuverlässig die Restbestände obrigkeitsstaatlicher Gefühlslenkung. Irgendwo zwischen Nebelmaschine, Garderobe und Gesetzestext denkt man sich dann: Das ist schon ein ziemlich spezieller Zivilisationsentwurf.
Drinnen war davon zum Glück vor allem eines zu spüren: gute Laune. Die Musik lief, die Leute waren entspannt, die Tanzfläche war voll, und — überraschenderweise — niemand schien durch das bloße Vorhandensein tanzender Menschen in eine metaphysische Krise zu geraten. Es wurde gelacht, geredet, getanzt. Ganz normale Dinge also. Nur dass sie an diesem Abend unfreiwillig noch einen Beiklang von Protest bekamen.
Besonders absurd ist, dass man für solche Veranstaltungen erst Genehmigungen, detaillierte Ablaufbeschreibungen und eine weltanschauliche Begründung braucht, die an den Abenden regelmäßig kundgetan werden muss. Tanzen ja, aber bitte nur nach Vorlage eines sauber begründeten Ausnahmefalls und weltanschauliche Begründungen in Powerrotation. Man möchte fast meinen, der Rechtsstaat habe Wichtigeres zu tun. Aber nein: Neben Digitalisierung, Fachkräftemangel und Gegenwartschaos wacht er tapfer darüber, dass an Stillen Tagen auch wirklich korrekt still gelitten wird.
Und genau darin lag eigentlich der Witz der ganzen Sache: Die Veranstaltung wirkte gar nicht wie ein großes, wütendes Aufbegehren. Eher wie ein sehr praktischer Realitätsbeweis. Schaut her, Menschen können an Karfreitag Musik hören, ohne dass die öffentliche Ordnung implodiert. Es ist möglich. Wirklich. Man muss nicht einmal ein theologisches Gutachten danebenlegen.
Natürlich ging es nicht nur ums Feiern. Die gbs will mit solchen Veranstaltungen seit Jahren darauf aufmerksam machen, dass religiös geprägte Regeln in einem weltanschaulich neutralen Staat nicht einfach allen gleichermaßen aufgezwungen werden sollten. Und ehrlich gesagt: Auf dem Papier klingt diese Debatte oft trockener, als sie ist (siehe Urteil des Bundesverfassungsgerichts). Vor dem Hintergrund des Erstarkens religiös-nationalistischer Bestrebungen besteht auch die reale Gefahr, dass selbst bestehende liberale Regelungen in Frage gestellt werden könnten.
Vor Ort wurde schnell klar, worum es eigentlich geht. Nicht um die große Revolution auf der Tanzfläche, sondern um eine ziemlich schlichte Frage: Warum soll die persönliche Freiheit dort enden, wo jemand anderes religiöse Gründe angibt? Das ist der Grund, warum solche Abende wichtig sind. Nicht, weil Tanzen per se weltanschaulich oder politisch wäre. Sondern weil man an solchen Beispielen merkt, wo alte Regeln noch erstaunlich ungeniert ins Leben von Leuten hineinregieren, die mit ihrer religiösen Begründung gar nichts anfangen können. Wenn Freiheit etwas wert sein soll, dann auch an Tagen, an denen der Gesetzgeber und religiöse Lobbyisten lieber betretene Mienen sähen.
Am Ende waren es sehr gelungene Abende: gute Musik für die jeweiligen Zielgruppen, entspannte Leute, und ganz nebenbei ein kleiner Reminder, dass man selbst in einer modernen Großstadt noch über erstaunlich altmodische Bevormundung stolpern kann. Selten fühlte sich ein Clubabend so sehr an wie ein freundlicher Tritt gegen die morsche Kulisse des "Das war schon immer so". Oder kürzer: Es wurde getanzt. Stuttgart hat überlebt. Das Abendland ebenfalls.







