"Wenn humanistische Spiritualität dich beruhigt, hast du sie wahrscheinlich verfehlt." Dieses Bonmot von Ralf Schöppner fasst zusammen, wie er "humanistische Spiritualität" versteht. Anders hingegen Franz Joseph Wetz, der mit dem Begriff "Spiritualität" wenig anfangen kann. Es erinnere ihn zum einen an alkoholische Getränke oder – noch schlimmer – an "Spiritus Sanctus", den "Heiligen Geist".
So recht deutlich wurde es im Laufe des Tages nicht, was genau "humanistische Spiritualität" sei, und auch nicht, weshalb man sie bei der sozialen Arbeit benötige. Ein Freund, der ehrenamtlich für die Telefonseelsorge arbeitet, nannte es – unter Umgehung jeglichen religiösen Anstriches – einfach nur "humanistische Lebenshilfe". Eine Beschreibung, die mehr als ausreichend klarstellt, worum es in den Berichten von Ulrike Dausel und Carmen Schumann ging: um soziale Arbeit mit Menschen.
Die beiden berichteten über ihre Arbeit in Belgien beziehungsweise den Niederlanden, wo es bereits selbstverständlich ist, dass die dortigen humanistischen Verbände Sozialarbeit anbieten. Doch dazu später mehr.

Die Tagung in der Humanistischen Hochschule stand unter der Überschrift "Humanistische Spiritualität – Zwischen Vernunft, Sinn und Transzendenz im Diesseits" und wurde von Tina Bär (Präsidiumsmitglied der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg) eröffnet.
Das Staunen über die Dinge
Als erster trug Franz Joseph Wetz vor. "Staunen ist sozusagen ein Spezialthema" sagte er einleitend, "in dem sogenannten spirituellen Begriff, mit dem ich tatsächlich selbst auch Schwierigkeiten habe" Diese habe er aber nicht mit dem Begriff Staunen. "Es scheint mir irgendwie nicht so belastet zu sein, der Begriff, theologisch etwas oder religiös etwas neutraler." Allerdings ist auch "Staunen" für den Naturalisten nicht ganz unproblematisch. Denn schließlich heißt es: "Staunen beruht auf mangelnder Aufklärung" denn wenn etwas aufgeklärt ist, dann ist es plötzlich auch nicht mehr so erstaunlich. Allerdings lässt sich gut dagegen argumentieren, dass der Mensch auch dann staunen kann, wenn er weiß, wie Dinge funktionieren. Wetz verglich das mit der Vorführung eines Zaubertricks: Man kann auch dann über die (zum Beispiel) Fingerfertigkeit des "Zauberers" erstaunt sein. Selbst dann, wenn man weiß, wie der Trick funktioniert.

"Staunen", so der Philosoph, "lehrt uns sozusagen von dem Selbstverständlichen die Selbstverständlichkeit herunterzureißen und irgendwie etwas Besonderes an den Dingen auszumachen." Denn "Phänomene bleiben oft nicht nur trotzdem erstaunlich, sondern die bleiben auch gerade wegen ihrer Erklärung erstaunlich. Für uns subjektiv erstaunlich." Er unterschied dann noch in "Bewunderung" und "Verwunderung". Denn erst diese Unterscheidung ermöglicht, dass etwas objektiv erstaunlich ist, auch nachdem es erklärt ist. Die Verwunderung wie die über eine Berglandschaft, kann zu einer Bewunderung des Gebirges werden. Wenn ich etwas weiß "über ihre Entstehung, ihr Aussehen, ihre Größe, dann bin ich nicht mehr verwundert. Ich bin weiterhin fasziniert, ich bin nicht mehr verwundert, aber ich bewundere es weiterhin."
Ob man diesen Zauber, den man in den Dingen entdecken kann, als "spirituelles Erleben" bezeichnen möchte, mag jedem selbst überlassen sein. Für ihn sei der Begriff nicht notwendig, um den Zauber des Wunderns und Staunens zu beschreiben.
"Spiritualität", wenn man das Unerklärliche meint
Carmen Schumann sagte gleich zu Beginn ihres Vortrags, dass es wichtig sei, den Begriff der "humanistischen Spiritualität" zu haben. Und stellt gleich darauf die rhetorische Frage, was man darunter verstehen könne? Sie stellte klar, dass die Säkularisierung in unserer Gesellschaft ganz klar eine wichtige Rolle spielt; "dass der Glaube an Gott jedenfalls für keinen, sogar wenn er gläubig ist, nicht mehr für sich selbst spricht." Aber jeder Mensch suche dennoch nach irgendetwas: "Er nennt den Begriff Fullness (Vollständigkeit) und […] spricht von Moral und Spiritualität."
In den Niederlanden sei der Begriff "Spiritualität" eng verbunden mit Esoterik und "New Age". Das ist in Deutschland nicht viel anders. "Und ich denke, das macht es teils auch ein bisschen schwierig, über humanistische Spiritualität zu sprechen."

Es gebe aber noch einen zweiten Grund, weshalb der Begriff "Spiritualität" so populär ist. Das habe sicherlich auch mit dem Spiritual Care Movement1 zu tun. Die Idee komme aus den Vereinigten Staaten und beinhaltet einen umfassenderen Fürsorgebegriff. Man habe – so Schumann – in der Gesundheitssorge bemerkt, dass, wenn wir Menschen als biopsychosoziale Kreaturen sehen, irgendetwas fehlt. "Und das merken vor allem zum Beispiel Ärzte in der Palliativsorge. Denn wenn man nicht mehr heilen kann, was bedeutet Gesundheitssorge dann?"
An dieser Stelle greife man gern zum Begriff "Spiritualität", wenn man das Unerklärliche meint. Der (religiöse) Professor Martin Wolken hat einmal gesagt: "At the core of nature of human experience is a need that expresses itself by the invention of eternal like spirituality." ("Im Kern der Natur menschlicher Erfahrung liegt ein Bedürfnis, das sich durch die Erfindung von etwas Ewigem wie Spiritualität ausdrückt.") Das ist sicherlich nicht so einfach, wie es dieses Zitat auszudrücken scheint; gibt es doch mindestens 92 voneinander abweichende Definitionen des Begriffs "Spiritualität".
Man nutzt den Begriff tatsächlich bei der Arbeit mit den Menschen. Weil jeder eine eigene Idee davon hat, was "Spiritualität" für ihn subjektiv bedeutet. "Also ich würde sagen, dass es eine Art Transzendenz ist; irgendwas", in dem die "ganze Verständlichkeit der Welt widerscheint. Eine Art Glauben jedenfalls, weil sein Kult ist von humanistischer Spiritualität." Spiritualität erfahren Menschen oft in Grenzsituationen, "wenn das Leben nicht mehr in unserer Kontrolle ist. und […] zum Beispiel, wenn wir den Tod in den Augen sehen müssten oder wenn wir großes Leiden erfahren."
Die Häuser der Menschen
In Belgien gibt es "Häuser der Menschen" als Zentren humanistischer Sozialarbeit. Ulrike Dausel berichtete von den Einrichtungen, die staatlich finanziert und gleichberechtigt mit Kirchen und anderen Weltanschauungsgemeinschaften für und mit Menschen arbeiten.
"In einer Zeit globaler Krise suchen viele Menschen nach Halt und Verbundenheit." Und in dieser Zeit haben Menschen auch Sinnkrisen und suchen nach Halt. "Humanistische Werte bieten hier ein starkes Potenzial in individuellen Kontakt von Mensch zu Mensch, um zu erkennen, dass wir als Mensch nicht der Nabel der Welt, sondern Teil eines größeren Ganzen sind." Das sei "ein wichtiges Element atheistischer Spiritualität."

Für den Vordenker Leo Apostel war "Spiritualität innerliche Stille" und Meditation ist dabei von großer Bedeutung. Er schrieb Bücher über "religiösen Atheismus" und postulierte darin eine "atheistische Spiritualität". "Leo Apostel zufolge ist Spiritualität eine systematische Haltung und Strategie mit dem Ziel, die tiefsten Lagen der uns umgebenden Wirklichkeit so intensiv wie möglich zu erfahren." Wissenschaft ist dabei "eine […] Strategie zur Lösung von Problemen und zur Entwicklung von Modellen der gegebenen Wirklichkeit, die die Eigenschaft besitzt, selbstkorrigierend und permanent kreativ zu sein."
"Sei ganz bei dir" vs. Humanistische Spiritualität
Lässt sich Transzendenz mit Humanismus vereinbaren? Gibt es da Verbindungen? Fragen, auf die Ralf Schöppner in seinem Vortrag eingehen wollte.
Lassen sich Begriffe wie "Spiritualität" oder "Transzendenz" säkularisieren? Lassen sich solche Begriffe säkular oder humanistisch gebrauchen? "Wir haben das auch bei anderen Begriffen […] Wir haben das bei [dem Begriff] Seelsorge. Da streiten wir auch darüber."
Für ihn ist es "alles andere als abwegig, von einer humanistischen Spiritualität zu sprechen." Spiritualität wird immer häufiger verwendet "in säkularen Kontexten, in nichtreligiösen Kontexten und in humanistischen Kontexten." Und an diese etablierte weite Begriffsverwendung könne man sich auch als Humanist guten Gewissens anschließen. "Wohlgemerkt, wir müssen sicherlich aufpassen, da gibt es auch einen esoterischen Bereich. Und in diesem esoterischen Bereich gibt es sicherlich auch eine Reihe von Sachen, die sind mit Humanismus nicht mehr so kompatibel."
Auch historisch ließe sich die Verwendung des Begriffes "Spiritualität" sicherlich begründen. Denn mit Sicherheit waren Menschen schon spirituell, ehe es verfasste Religionen gab. "Das war keine religiöse Praxis, das war eine vorchristliche, nicht-religiöse Lebenspraxis, die auf die innere Formung, die innere Bindung des Subjekts ausgerichtet war. Und erst im Christentum werden aus diesen geistigen geistliche Übungen."

Er begründet "humanistische Spiritualität als eine geistige Nahrung, die vom Menschen ausgeht und die Götter beiseite lässt." Das sei somit keine Aussage über die Existenz oder Nicht-Existenz irgendeines Gottes, den "braucht man da gar nicht."
Eine "humanistische Spiritualität ist nicht einfach individuelle Spiritualität, sie ist keine reine Selbstbeziehung, sondern sie bezieht sich, sie bezieht immer schon die menschliche Sozialität mit ein, den Menschen als Beziehungswesen." Anstelle einer Beziehung zum großen Anderen "geht es hier immer um die vielen kleinen Anderen, zu denen die Einzelnen in Beziehung stehen."
Transzendenz hingegen ist "etwas außerhalb der menschlichen Erfahrung. Etwas, was außerhalb unserer menschlichen Erfahrung wie ein Gegenstand metaphysisch existiert." Deshalb komme das übliche säkulare Verständnis von Spiritualität meistens ohne Transzendenz aus. Man könne jedoch den Begriff "Immansität"2 nutzen. In einer noch nicht veröffentlichten Studie haben rund 2.000 sich selbst als konfessionsfrei bezeichnende Menschen bestätigt, "Immansität" als Lebenseinstellung zu bevorzugen.3 Nach Schöppner wäre das "ein Weg, humanistische Spiritualität zu denken, ohne Transzendenz."
Doch weshalb sollte man sich überhaupt Gedanken über diese Themen machen? "Ich habe die Vermutung" sagt er, "dass diese schöne und harmonische ozeanische Gefühl bei existenziellen Fragen und Situationen wenig hilfreich ist. Es könnte sein, dass man mit diesem harmonischen In-Eins-Sein mit allem etwas allzu schnell hinwegrauscht über Sterblichkeit und Tod, Vergänglichkeit und Alter, Erfahrungen von Verlust und Krankheit, existenzieller Einsamkeit."
Ralf Schöppner wurde bereits am Anfang des Artikels zitiert. Auf einer Power-Point-Folie beschrieb er die "übliche" (häufig auch esoterisch determinierte) Spiritualität mit dem Satz: "Sei ganz bei dir" und stellt dem den Kernsatz einer humanistischen Spiritualität gegenüber: "Du bist nie ganz bei dir:" Denn Zweifel bleiben. Und das Wundern.
1 Der Begriff Spiritual Care Movement (Bewegung für spirituelle Begleitung/Fürsorge) bezieht sich auf mehrere unterschiedliche, moderne Initiativen, die das traditionelle Konzept der Seelsorge über religiöse Institutionen hinaus in breitere Kontexte des Gesundheitswesens, der sozialen Gerechtigkeit und des säkularen Lebens erweitern. Diese Bewegungen legen Wert auf Inklusivität, das Wohlbefinden der ganzen Person und spezialisierte berufliche Ausbildung.
2 Aus "Immanenz" als Gegenbegriff zu Transzendenz – gemeint als ein "positives Gefühl der unauflöslichen Einheit mit dem großen Ganzen des Universums und der Zugehörigkeit".
3 Eine Gegenprobe im Auditorium ergab ebenfalls eine große Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Umfrage.
Die Fragen der Umfrage und die Zustimmungswerte werden an dieser Stelle nicht veröffentlicht, da die Arbeit noch unveröffentlicht ist. Bitte haben Sie dafür Verständnis.





