Deutschland Deine Kinder (Teil 2)

Vielleicht hatte ich mich deshalb nach den Sommerferien, obwohl ich mich bereits im Übergang in die Pubertät befand, noch einmal so richtig knabenmässig "schulfein" gemacht. Wie zur Empfängnis des Kommunionssakramentes. Mit Seitenscheitel, Kragenhemd und Bügelfalte in der Hose. Ich sah das neue Schuljahr als Chance für einen neuen Start und als Sprungbrett in die Oberstufe und wollte nichts falsch machen. Ich wusste nicht, dass dies der Anfang zu einem zwei Jahre dauernden Martyrium werden sollte.

Den Tag, an dem ich jenem Dämon buchstäblich in die Arme gelaufen bin, vergesse ich nicht. Ausgerechnet vor jener Stunde, als wir das erste Mal bei ihm Unterricht hatten, musste ich noch einmal rasch zur Toilette. Ich war spät dran und drängte zur Tür. Unser neuer Mathematiklehrer war viel zu früh da und kam gerade in die Klasse. Ein erstaunter Blick - mein braver Aufzug muss ihm aber gefallen haben. Jedenfalls fragte er mich unendlich milde und ein wenig kumpelhaft, wohin ich denn hinwolle. Ich sagte ihm, dass ich noch rasch zur Toilette müsste. Und mit lächelnden Augen und einer sehr freundlichen Handbewegung forderte er mich auf, dem doch in aller Ruhe nachzukommen. Ich war glücklich. Der von allen gefürchtete Mann war auf Anhieb mein Freund geworden. Also alles nur Gerüchte. Oder wussten alle, die sich da beschwerten hatten, offenbar nur nicht, wie man mit diesem grundgütigen Mann umzugehen hatte?

Naja, jedenfalls – mein Einstand in das neue Schuljahr schien gelungen. Auch sonst lief es nicht schlecht. Durch meine zurückhaltende Art hatte ich mir bald den Respekt der Klasse verschafft. Privat stellte sich bald schon die eine oder andere liebe Freundin ein. Das neugewonnene Selbstbewusstsein drückte sich auch bald schon in etwas modischerer Kleidung und in sicherem Auftreten aus.

Aber ach! Genau dies waren die Dinge, die mich bei jenem Pater, der nun unser neuer Mathematiklehrer geworden war, in Ungnade fallen ließen. Während ich in der Phase, in welcher jener bestrebt gewesen war, ein Vertrauensverhältnis zu mir aufzubauen, nur Milde und Freundlichkeit von ihm spürte, sollte ich nun zu bemerken bekommen, welche zerstörerischen Kräfte in diesem leidenschaftlichen Manne wüteten.

In der folgenden Zeit benahm er sich wie ein zurückgewiesener Liebhaber. Mal beleidigt und jähzornig, mal kalt berechnend bei seinen vielen Versuchen, mich doch noch unter seine Kontrolle zu bekommen.

Es begann zunächst langsam. Er starrte mich dauernd an. Versuchte mich einzuschüchtern. Vielleicht war dies aber auch noch die Test-Phase. Ich konnte dieses seltsame Verhalten mit meinem Knabenverstand natürlich nicht begreifen und reagierte daher auch nicht. Das provozierte ihn nur noch mehr. Er forderte mich fast jeden Tag vor versammelter Klasse heraus. Bald forderte er mich zu Armdrücken und kleinen Kämpfchen auf. Ich hielt stand, besiegte ihn sogar im Armdrücken. Dabei galt der großgewachsene Mann als sehr stark, verteilte üble Kopfnüsse, nahm Schüler in den Polizeigriff und machte uns während des Mathematikunterrichts Turnübungen vor. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es dumm von mir war, ihn im Armdrücken zu besiegen. Inzwischen aber bin ich überzeugt, dass dieser Sieg mich vor noch schlimmeren Übergriffen bewahrt haben könnte.

So gab es einmal die Situation, wo er mich in einen Spind eingeschlossen hatte. Ich spürte die Gefahr, die davon ausging, dass ich mit ihm auf so engen Raum alleine eingesperrt war. Es war zuerst dunkel und er fummelte rum, ich dachte, er suche nach dem Lichtschalter, hörte Geräusche, die ich nicht einordnen konnte, genauso wenig wie die nassen Flecken auf dem Boden. Ein paar mal hat er mich im Dunkeln berührt. Ich weiß nicht mehr, wie lange das gedauert hat, aber ich weiß heute noch, wie erleichtert ich darüber gewesen war, dass ich mich doch hatte nicht ausziehen müssen – wie in jenen Geschichten, die man sich heimlich in den Pausen erzählte. Ich weiß nicht, warum mir das damals erspart blieb. Er muss seine Zweifel gehabt haben. Sich vielleicht vor meiner Reaktion gefürchtet haben.

Er hat dann erstmal weiter versucht, mich weich zu kochen. Mich als dumm und ungehobelt abzustempeln. Machte abfällige Bemerkungen über mich. Diese Schikanen und öffentlichen Demütigungen steigerten sich. Bald schon wurde es mir morgens zur Qual, den Berg zur Schule hinauf zu gehen. Jeden Morgen ein Gang zum Schaffot. Jedenfalls an den drei Tagen, an denen wir Mathematikunterricht hatten. Aber auch an den Tagen dazwischen konnte ich mir nie ganz sicher sein. Meine Erfolge in Mathematik waren ihm nicht recht. Dabei war ich sein bester Schüler. Ich hatte fast immer schon in der ersten Stunde, in der ein neues Thema angesprochen wurde begriffen, um was es gehen würde.

Meine Klassenarbeiten waren fehlerlos. Aber wegen angeblich schlechter Schrift oder Form oder ähnlichem hat er mir nie eine Eins gegeben sondern nur Zweien. Meine Klassenarbeiten musste ich bald allein in einen Putzspind eingeschlossen schreiben. Dann hat er verboten, dass ich während der Pausen den Klassenraum verlasse, damit die teuren und zahlenden Internatseltern meine schreckliche Gestalt nicht sehen sollten und nicht abgeschreckt würden. Er sagte, ich wirke abstoßend auf die Umwelt. Ich war jetzt also zu hässlich geworden für seine schöne Schule. Wie er das mit dem Arrest für mich während der Pausen durchgesetzt hatte, begreife ich nicht. Die Fluraufsicht wurde instruiert darauf zu achten, dass ich den Klassenraum nicht verlasse.

Schließlich wurde von ihm vor der ganzen Klasse behauptet, dass ich stinke, alle Mitschüler sollten gefälligst mal an mir riechen. Auch er selbst hat an mir rumgeschnuppert. Überall! Besonders da, wo er den Gestank so vermutete. Da, am Hosenstall, unter den Armen! Freilich, nicht jeder meiner Klassenkameraden hatte bei dieser Aktion mitmachen müssen. Er wusste schon, wen er da auswählen konnte. Sie hatten sich in einer Reihe aufzustellen, ein gutes Dutzend, und so kamen sie einer nach dem anderen an die Reihe, mich zu beschnuppern und ihr Urteil abzugeben. Abschließend presste er selbst noch einmal seine Nase und seinen Mund auf mein Geschlecht, holte tief und lange Luft und sagte dann: "Ekelhaft!"