Seit einigen Jahren hat das starke Wachstum der "Erwachsenentaufen" in der katholischen Kirche Frankreichs Erwartungen an ein Wiedererstarken des Christentums ausgerechnet im laizistischen, säkularen Frankreich geweckt. Bald begannen auch die katholischen Kirchen anderer Länder, etwa Deutschland und Österreich, diese Kennzahl zu kommunizieren und daraus ähnliche Erwartungen abzuleiten. Doch die Realität ist, dass weniger Taufen später stattfinden.
In der großen, sich immer stärker von der Religion abwendenden Glaubenswüste West- und Mitteleuropas wehrt sich ein kleines, tapferes gallisches Dorf… nein, ganz Frankreich gegen die unaufhaltsam scheinende Abwanderung von jedweder Religion. 2023 gab es plötzlich ein Fünftel mehr katholische "Erwachsenentaufen" als im Durchschnitt der Jahre davor. 2024 stieg die Zahl noch schneller an.
In Frankreich zählt die katholische Kirche die Taufe einer Person ab 18 Jahren als "Erwachsenentaufe". Dies mag offensichtlich erscheinen, aber sowohl die deutsche als auch die österreichische katholische Kirche verwenden diese Bezeichnung für Taufen von Menschen ab 14 Jahren. Dieser Unterschied kann bei der Interpretation der Zahlen eine Rolle spielen.
Die Zahlen zeigen tatsächlich eine stark steigende Tendenz, zumindest soweit man die französische Bischofskonferenz als verlässliche Quelle ansieht.

(Aktuell werden dort 13.000 Erwachsenentaufen für 2026 ausgewiesen, aber die Zahl kann noch steigen, anderswo wurden 13.200 kommuniziert.)
Was jedoch nicht wächst, ist die Anzahl aller Taufen. Im Gegenteil: In zwanzig Jahren ist ihre Anzahl auf weniger als die Hälfte des Wertes aus 2000 gefallen, mit einem starken Rückgang in den Corona-Jahren 2020 und 2021. Vor der Pandemie fiel die Zahl jährlich um etwa 10.000 oder mehr, nachher von 2023 auf 2024 auch um mehr als 19.000.

Die Zahlenreihe hört mit dem Jahr 2024 auf. Nicht nur hier, sondern auch bei der französischen Bischofskonferenz. Neuere Zahlen sind nicht verfügbar.
Die Anzahl der Taufen ist eine der wichtigsten Kennzahlen jeder christlichen Kirche, da man nur durch dieses Ritual "christlich" wird. Dass eine große, gut organisierte Kirche in einem entwickelten europäischen Land in Friedenszeiten die Kommunikation dieser Statistik einstellt, ist zumindest ungewöhnlich. Aber wir haben ja gleichwertigen Ersatz: Die stark steigenden Erwachsenentaufen. Oder?
In jenen Jahren, für die beide Zahlen zur Verfügung stehen, hat sich der Anteil der Erwachsenen an allen Taufen zwischen 1,7 und 4,1 Prozent bewegt.

Jetzt haben wir aber nur die Zahlen der Gesamttaufen bis 2024. Das war das zweite Jahr mit einer auffälligen Steigerung der Erwachsenentaufen – aber immer noch mit einem Rückgang der Taufen insgesamt. Der allgemeine Trend hat sich also durch die Erwachsenentaufen nicht geändert.
Gäbe es insgesamt mehr Taufen, würde die katholische Kirche Frankreichs dies an die größte Glocke hängen. Schließlich geht es da um eine Größenordnung von 200.000 Taufen, nicht nur die 10.000 Erwachsenentaufen.
Man kann versuchen, den Trend fortzuführen. Die auch in Excel und LibreOffice Calc verfügbare "lineare Regression" sagt weiterhin einen starken Rückgang vorher, wird aber von den beiden Corona-Jahren mit den ungewöhnlich niedrigen Werten sehr stark nach unten verzerrt. Eine etwas sanftere Methode, eine "robust linear regression" (Statistiksoftware R, MASS-Bibliothek, rlm-Funktion) federt diese "Extremwerte" (outlier) etwas stärker ab. So können wir einen statistisch errechneten weiteren Verlauf mit den Erwachsenentaufen vergleichen:

Dass es einen Rückgang gibt, geht aus dem bisherigen Verlauf der Zahlen hervor. Keine seriöse statistische Methode wird hier eine Trendumkehr und ein weiteres Wachstum ausweisen. Ob dies die wirklichen Zahlen sind, können wir nicht sagen: Die französische Bischofskonferenz könnte sie leicht widerlegen, indem sie die zweifellos erhobenen und intern bekannten Zahlen einfach weiterhin veröffentlicht.
Wichtig ist etwas anderes: Der Anteil der Erwachsenentaufen (der ja bis 2026 bekannt ist) erreicht nicht einmal bei diesem stark sinkenden Verlauf der Taufen 10 Prozent der gesamten Taufen. Sollte der Rückgang der gesamten Taufen durch die Erwachsenentaufen langsamer sein, dann ist der Anteil noch niedriger. Wir sehen also: Für eine Trendwende, also insgesamt mehr getaufte Menschen, gibt es keine Evidenz, und der Hype um die Erwachsenentaufen betrifft immer noch eine vergleichsweise kleine Gruppe.
Belgien, Deutschland, Österreich, …
Die aus dem Kuchen herausgepickte Rosine, also die einzige steigende Kennzahl, hat international Aufsehen erregt. In den letzten Jahren freuen sich einzelne deutsche Diözesen auch öffentlich über die um Ostern angesetzten Erwachsenentaufen und deren steigende Zahl. Aus anderen Ländern wurden ähnliche Erfolgsmeldungen mit einigen hundert "Erwachsenentaufen" gemeldet.
In Österreich hat die Universitätsprofessorin für "Praktische Theologie", Dr. Regina Polak, sogar einen "Gegentrend zu[r] Säkularisierung" im "Anstieg von Erwachsenentaufen bei jungen Menschen, insbesondere in der Erzdiözese Wien" identifiziert.
Eine Steigerung der "Erwachsenentaufen" (in Österreich und Deutschland ab 14 Jahren) gibt es jedoch erst wieder seit der Corona-Pandemie. Vor zehn Jahren waren die Werte wesentlich höher:

Auch in Österreich geht die absolute Zahl der Taufen stark zurück. Im letzten Jahr mit verfügbaren Statistiken, 2024, gab es noch insgesamt 36.705 katholische Taufen im Land, die 255 Erwachsenentaufen sind nicht einmal 0,7 Prozent des Gesamtwertes. Die angesprochenen "Erwachsenentaufen bei jungen Menschen, insbesondere in der Erzdiözese Wien" müssten also noch sehr stark wachsen, bis sie eine Trendwende herbeiführen können.
Taufe von Neugeborenen als Standard
Seit etwa 1500 Jahren ist die Kindertaufe möglichst früh nach der Geburt in den Hauptströmungen des Christentums üblich. Die im Spätmittelalter aufkommende Idee, dass man sich selbst im zustimmungsfähigen Alter für die Taufe entscheiden sollte, wurde von den großen Kirchen auch mit Gewalt bekämpft. Zu groß sind die Vorteile der Taufe von nicht widerspruchsfähigen, ahnungslosen Babys, zwar nicht für die Person, aber für die Kirche. Die über den Kopf des Kindes hinweg getroffene Entscheidung der Eltern eröffnet den Weg in die "Ausbildung" zum "guten Christen", je nach Konfession mit Erstkommunion (und Geschenken), Firmung (und Geschenken) und damit zur theoretisch freiwilligen und informierten Zustimmung zur jeweiligen Kirche. Die von den Eltern angegebene Religionszugehörigkeit bewirkt die Trennung der Schüler:innen in unterschiedliche Religionsunterrichte, strikt nach Religion … der Eltern. Damit wird ein religiöses Weltbild an die nächste Generation weitergegeben, eine informierte Entscheidung oder Zustimmung erschwert.
In Ländern, die Religion und Staat nicht vollständig getrennt haben, wie Österreich und Deutschland, übernimmt auch noch der Staat die Kosten dieser religiösen Ausbildung im schulischen Religionsunterricht. Die Taufausbildung von "Erwachsenen" hingegen findet im kirchlichen Bereich, dort organisiert und finanziert statt. Die Mitgliedergewinnung ist also für die Kirchen viel günstiger, wenn die Eltern ihre Neugeborenen ins vorgesehene System stecken und taufen lassen.
Die deutsche katholische Kirche redet "Klartext" und nennt Argumente für die Taufe von Säuglingen, und zwar auch explizit gegen die Alternative, dass man die Kinder erst einmal ohne Vorgaben groß werden und selbst entscheiden lässt. Die Präferenz für die Babytaufe ist unüberhörbar.
Es ist daher einigermaßen überraschend, dass die zwar auch früher bekannte, aber seltene "Erwachsenentaufe" plötzlich zur gerne zitierten Wachstumsmetrik wird, auch wenn sie immer noch die große Ausnahme darstellt.
Aber was braucht man überhaupt, um viele Erwachsenentaufen zu bekommen?
Millionen ungetaufte Menschen
In Frankreich ist der Anteil aller katholischen Taufen an den Geburten des selben Jahres am Anfang der 2000-er-Jahre unter 50 Prozent gefallen:

In Österreich hat es etwas länger gedauert (hier nur die Taufen der unter einjährigen Kinder):

In beiden Ländern gibt es somit viele Menschen, denen keine katholische Taufe anerzwungen wurde.
In Frankreich können wir mit rund 400.000 Menschen pro Geburtsjahrgang rechnen, die nicht getauft sind. Insgesamt geht ihre Zahl in die Millionen. Unter einigen Millionen Menschen entscheiden sich also jedes Jahr einige tausend, sich katholisch taufen zu lassen. Und das ist es auch schon. Ob der Anteil eins zu tausend oder eins zu achthundert ist: Darauf kann man zwar stolz sein, aber eine gewisse Resignation wegen der insgesamt fallenden Taufzahlen gehört schon dazu.
Es gibt weniger Taufen, und ein wachsender Anteil findet später statt. Das ist keine große Erfolgsgeschichte für die Kirchen.
Früher wurde ja die Mehrheit der Menschen schon bald nach der Geburt katholisch getauft. Heute entscheiden sich offensichtlich immer mehr Eltern für eine konfessionsfreie Erziehung und lassen ihren Kindern die freie Wahl. Sie setzen sie damit auch nicht dem katholischen "Bildungs"apparat, in Österreich und Deutschland staatlich finanziert, aus. Eine kleine Minderheit entscheidet sich dann im jugendlichen oder erwachsenen Alter für die katholische Kirche, die dafür aktiv wirbt.
In Österreich und Deutschland ist es ähnlich wie in Frankreich. Die Gruppe der Ungetauften wächst jährlich um eine fünf- bis sechsstellige Zahl. Die katholische Kirche, ähnlich wie andere Religionen, macht diesen Menschen ein Angebot, einige nehmen es an. Aber weder in Frankreich noch in Deutschland oder Österreich führt das zu einem wirklichen Wachstum der Taufzahlen.
Die wichtigste Kennzahl wäre sowieso die Anzahl der katholischen Menschen insgesamt. Hierbei ist das sogenannte Taufdefizit zu beachten: Es sterben mehr katholische Menschen als neu getaufte hinzukommen. In Frankreich, wo in den letzten Jahren die Zahl der Verstorbenen auf einem ähnlichen Niveau wie die Geburten ist, versterben großteils katholisch getaufte Menschen (wie es ja früher üblich war), während nur mehr ein kleiner Anteil getauft wird. Die Gesamtzahl sinkt also, genauso wie in Österreich und Deutschland.
Skandinavien
Eine andere Erzählung kann man gelegentlich aus skandinavischen Ländern lesen: Dort wächst die katholische Kirche insgesamt.
Das ist leicht zu erklären und ist in den meisten Beiträgen schon im zweiten oder dritten Absatz aufgeklärt, nur der Titel ist also irreführend. Seit der Reformation führt die katholische Kirche in den nordischen Ländern ein Schattendasein. Exakt diese Länder sind aber attraktive Ziele für Zuwanderung aus mehrheitlich katholischen EU-Ländern wie Polen. Bestand in einer Stadt eine katholische Gemeinde mit einigen tausend Mitgliedern, kann sie leicht mit den Eingewanderten aufs Doppelte wachsen. (Diesen Effekt kann man sogar in einigen östlichen deutschen Bundesländern, die früher sehr niedrige katholische Anteile hatten, nachweisen.) Beeindruckend, außer, dass diese Menschen dann in ihrem Herkunftsland fehlen, und es sich damit nicht um ein Wachstum der katholischen Kirche handelt. "Katholische Menschen wohnen jetzt anderswo" ist halt nicht die beste Schlagzeile.
Wachstum nur in der Täuschung
Die sich beschleunigende Säkularisierung, die in den mittel- und westeuropäischen Ländern stattfindet, wird allmählich so erdrückend, dass selbst die in diesem Bereich bisher äußerst träge Politik irgendwann Notiz nehmen muss. Um diese Entwicklung zu verzögern, ist die Erzählung von steigenden Zahlen, selbst wenn es sich um einen unbedeutenden Teilaspekt handelt, für die Kirchen hilfreich. Wenn die Politik das Narrativ von einer steigenden Bedeutung der Religionsgemeinschaften glaubt, hört sie auch wieder mehr auf deren Argumente, zum Beispiel bei der Verteilung von Ressourcen.
Die kritische Öffentlichkeit muss also aufmerksam bleiben und hinter die potemkinschen Zahlendörfer blicken. Andere Täuschungsmethoden der Religionen funktionieren immer weniger, jetzt probieren sie es mit Statistik. Das wird auch scheitern.
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, in dem auch andere Themen angeblichen Wachstums diskutiert wurden. Die Aufzeichnung befindet sich auf Youtube.








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