Deutschland Deine Kinder (Teil 2)

Besonders enttäuscht bin ich, einige der Schnupperer auf der Liste der 500 wackeren Zeitgenossen gefunden zu haben, die das Aloisiuskolleg mit ihrem (die Opfer verletzenden) Schreiben als vorbildliche Schule verteidigen. Ich hatte eigentlich Mitleid mit denjenigen gehabt. Ich war davon ausgegangen, dass es ihnen peinlich gewesen war, so wie ein Hund an mir herumschnüffeln zu müssen. Keiner sagte direkt, dass ich stinken würde, nur so „naja“ und „vielleicht“.

Im Anschluss führte mich der Pater in einer Art Polizeigriff, der sehr schmerzhaft war, aus der Klasse geradewegs zum Direktor. Die ganze Klasse habe sich darüber beschwert, wie ich stinke! Man wolle dort meinen Gestank nicht mehr aushalten. Der Direktor solle doch bloß auch einmal an mir riechen.

Das hat er dann auch getan. Allerdings mit gerunzelter Stirn und aus respektvollem Abstand.

Darauf schloss sich eine Besprechung im Nebenzimmer an. Ich musste warten. Offenbar sollte mit dieser Aktion versucht werden, vom Direktor die Erlaubnis zu erlangen, dass ich als externer Schüler abgeduscht werden dürfte. Das tat er, mein Mathematiklehrer, ja bei den Internatsschülern regelmäßig, aber bei mir, als nicht im Internat Lebenden, hatte er normalerweise kein Recht dazu.

Anscheinend hatte ihm aber auch der Direktor die erhoffte Erlaubnis nicht gegeben. Jedenfalls kam mein Mathematiklehrer mit hochrotem Kopf aus dem Zimmer heraus, ging an mir vorbei, ohne mich anzuschauen und knallte die Tür hinter sich zu. Kurz darauf kam der Direktor heraus. Auch mit rotem Kopf. Er selbst hätte zwar nichts gerochen, aber er wolle mir empfehlen, doch morgens zu duschen und Deo zu benutzen.

Dieses obsessive Verfolgen schien nun zur Manie geworden zu sein. Wenn ich einmal krank war, wurde mir von ihm jedesmal nach Hause hinterher telefoniert. Er stieß dann am Telefon alle möglichen Drohungen gegen mich aus. Sagte, dass er mich immer unter Beobachtung hätte und dass ich ihm nicht entgehen könne. Jedesmal schien er enttäuscht, mich zu Hause angetroffen zu haben. Hätte er doch sonst den Beweis gehabt, dass ich in sein Internat gehöre. Es war absolut nicht üblich, dass ein Lehrer einem externen Schüler hinterher telefonierte. Man brachte am nächsten Tag eine von den Eltern unterschriebene Entschuldigung mit, fertig. Mich aber verfolgte er bis nach Hause.

Nachdem sich also meine Eltern erfolgreich seinem Ansinnen widersetzt hatten, mich seinem Internat einzuverleiben, mich ihm also ganz auszuliefern, war jetzt seine Strategie, dass ich endgültig aus seinen Augen zu verschwinden hatte. Deshalb erzählte er jetzt alle möglichen Geschichten über mich.

Schließlich hatte ich einen Unfall, meine Abwesenheit hat der Pater dann genutzt, um zwei Wochen vor Abschluss der mittleren Reife eine Konferenz einzuberufen und mich feuern zu lassen. Der blaue Brief kam zu mir ins Wald-Krankenhaus, der Schule verwiesen wegen Subversivität! (Unter heutigen Gesichtspunkten verstehe ich das durchaus als eine Auszeichnung!). In dem Schreiben stand nur, dass ich der Schule verwiesen war, mit dem Hinweis auf subversives Verhalten. Zu irgendwelchen Vergehen hat mich nie jemand befragt. Was ich getan haben sollte, kann ich auch nur erahnen oder erraten, aus Gesprächen mit Eltern und Lehrern im nach hinein. Es ging wohl um sehr schwere Vorwürfe, die der Pater gegen mich erhoben hatte. Drogenhandel, Körperverletzung, Erpressung und natürlich: Vergewaltigungen! Das wurde alles ungeprüft geglaubt, aber nicht etwa bei der Polizei angezeigt, sondern ich wurde der Schule verwiesen.

So hat dieser Mann drei Jahre lang dermaßen viel Energie auf mich gerichtet, dass man wohl sagen kann, er war von mir nahezu besessen. Manchmal frage ich mich, wie er zu anderem überhaupt noch Zeit haben konnte. Vor allem aber frage ich mich, wieso die Schulleitung damals nichts getan hat.

Heute unterscheide ich zwischen Täter und Verantwortlichem. Mein Täter war ein raffinierter und intelligenter, aber brutaler Mann. Er ist in meinen Augen sadistisch und pädophil veranlagt gewesen, hat sich später der Rechtfertigung durch Demenz entzogen. Andere Täter haben sich in den Tod gerettet.

Mein Täter war aber auch ein Getriebener. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen habe ich nachvollziehen können, wie aus dem lüsternen Jüngling aus den Frankfurter Exerzitien der frühen 60er ein mächtiger Mann wurde, der sich auf dem heiligen Berg sein Päderasten-Fürstentum aufgebaut hat. Andere Täter wiederum haben Hilferufe in Form von Briefen an den Provinzial verfasst. Es war ihnen vor sich selbst nicht geheuer. Es waren Getriebene, für die ich heute eine Mischung aus Ekel, Abscheu und Mitleid empfinde.

Ich begreife aber nicht, wie man sie nicht hat aufhalten können. Nicht hat stoppen wollen. Waren sie wirklich so wichtig für den Schulbetrieb, für den Orden? Gut, sie haben viel Geld eingebracht. Das Internat vollgemacht. Aber war es nur Habgier, die die Verantwortlichen zum Wegschauen veranlasst hat?

Ich weiß, die Täter können nichts wieder gut machen. Sie sind mir auch egal. Ich möchte von ihnen und ihren Gespenstern nicht mehr belästigt werden. Ich habe ihnen nichts zu entschuldigen. Ich bin mir sicher, dass sie an ihrer eigenen Hölle leiden.