Humanistik und „Humanismuspflege“

Ist Humanismus die Alternative zur Religion?

Manche, die an der Debatte teilnehmen, sehen das so, andere nicht. Der Sammelband bietet auch hier einen Vorschlag an, nämlich den Humanismus als Alternative zu all den Antihumanismen zu sehen, mit denen wir konfrontiert sind und in der Geschichte waren. Das können religiös, aber auch atheistisch begründete Antihumanismen sein. Perdita Ladwig sieht „Antihumanismus bei Henry Thode“ in „Werk und Wirkung eines Kunsthistorikers“. Hubert Cancik erklärt „‘Humanismus’, ‘Humanismuskritik’ und ‘Antihumanismus‘ am Beispiel von Friedrich Nietzsche“, Justus H. Ulbricht Einblick in das Denken der „Barbaren“ und erklärt „‘Herrenethik’ in ‘arteigenen’ Religionsentwürfen“, Horst Junginger behandelt „Antihumanismus und Faschismus“, Joachim Kahl „Lebensekel und Sehnsucht nach Versteinerung“ anhand von Ulrich Horstmanns Traktat „Das Untier“.

 

Was bedeutet dies nun für Humanistik?

Sie hätte auch gegen wirkmächtige Antihumanismen aufzutreten und an einer Konzeption des politischen Humanismus zu arbeiten. Dieser wiederum verstünde sich als Anwalt der Selbstbestimmung aller Menschen und zugleich als Interessenvertreter einer konfessionsfreien und agnostischen Bevölkerung. Diese Humanistik würde einen Humanismus erforschen, der moderne humanitäre Dienstleistungen für den Alltag von Menschen anbietet und ethische Maximen unterbreitet, die mit seiner Theorie und Geschichte korrelieren. Das ist auch religiösen Menschen offen – auch deshalb die „Kuschelei“.

 

Was ist denn von der Humanismusforschung zu erwarten?

Frieder Otto Wolf schreibt über „Humanismusforschung – Humanistische Philosophie, Humanistik und humanistische Studien“. Ich möchte zwei Beiträge in diesem Band besonders hervorheben: Hubert Cancik gibt „Bilder, Namen, Begriffe – Vorüberlegungen zu einer Enzyklopädie des Humanismus“ und Jörn Rüsen eine „Selbstkritik des Humanismus“. Das ist das Beste, was es zu diesen Themen auf der Welt gibt. So klar ist das zu sagen. Es ist für den Herausgeber eine Ehre, diese Texte publizieren zu können.

In dem Zusammenhang will ich auf zwei Sachen hinweisen. Zum einen auf ein weiteres Publikationsprojekt. Die Humanistische Akademie hat bisher drei öffentliche Tagungen gemacht, in denen Fragen eines Handbuches Grundbegriffe des Humanismus diskutiert und vorgestellt wurden. Parallel zum Handbuch – das 2013 im Akademie-Verlag erscheinen soll, hier sind Hubert Cancik, Horst Groschopp und Frieder Otto Wolf die Herausgeber – beginnt die Arbeit an einer „Enzyklopädie des Humanismus“, wie bereits 2010 in der Novembertagung der Humanistischen Akademie vorgestellt und nun im Band „Humanistik“ gedruckt. Die Herausgeber dieses großen mehrjährigen internationalen Projekts werden wahrscheinlich Sorin Antohi, Hubert Cancik und Jörn Rüsen sein.

Wo ließe sich an künftigen Diskussionen denn unmittelbar teilhaben?

Am 20./21. April 2012 – das ist mein zweiter Hinweis – werden sie alle in Berlin in der Akademie über Humanismus öffentlich reden. Wir laden dazu ein.

Eine letzte Frage: Was können wir noch im Buch erwarten?

Thomas Heinrichs schreibt über „Prinzipien sozialer Güterverteilung – Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Humanität“. Ich konnte hier nicht alle Beiträge vorstellen und verweise auf das Inhaltsverzeichnis. Ich deute die Frage auch mal so, was wir denn „vom“ Buch erwarten können. Da will ich den alten Spruch zum Besten geben: Lesen bildet. Humanismus ist auch eine Bildungssache, zuerst bei den Humanistinnen und Humanisten selbst. Deshalb wünsche ich dem Buch eine kritische Aufnahme.

Die Fragen stellte Martin Bauer.

Horst Groschopp (Hrsg.): Humanistik. Beiträge zum Humanismus. Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 4. Aschaffenburg 2012, Alibri; 274 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 22.-, ISBN 978-3-86569-087-6

Das Buch ist auch im denkladen bestellbar.