Der Zentralrat der Konfessionsfreien Österreich hat eine neue Statistik-Seite mit dem Namen StatKB online gebracht. Dort werden interessante statistische Auswertungen und Grafiken veröffentlicht, die so noch nie öffentlich zugänglich beziehungsweise zusammengefasst waren. Der hpd sprach mit Balázs Bárány, dem Präsidenten des Humanistischen Verbandes Österreich und Kopf hinter StatKB.
hpd: Der Zentralrat der Konfessionsfreien Österreich hat jüngst eine Pressemitteilung verschickt, in der auf die neue Statistik-Seite StatKB hingewiesen wurde. Kann man davon ausgehen, dass der Zentralrat zukünftig für Österreich ähnliche statistische Bewertungen macht wie es die Forschungsgruppe Weltanschauungen (fowid) für Deutschland tut?
Balázs Bárány: Die Idee für StatKB unterscheidet sich stark von fowid. Ich sammle und analysiere diese Daten schon seit Jahren. fowid kenne ich natürlich, habe dort auch schon einiges geschrieben und gerade diese Woche ist mein neuester Beitrag dort erschienen. Ich nutze auch häufig Daten von fowid, weil sie eine gut strukturierte und vertrauenswürdige Quelle ist.
Wir haben im österreichischen Zentralrat der Konfessionsfreien nicht die Ressourcen, um so etwas wie fowid auf die Beine zu stellen. Deswegen habe ich ein System geschaffen, in dem Aktualisierungen möglichst einfach sind. Wenn zum Beispiel Daten fürs Jahr 2026 erscheinen, ist das nur eine Zeile in einer Tabelle und schon ist das Diagramm online aktuell. fowid hingegen publiziert neue Daten in Form von ausführlichen Beiträgen. Beide Ansätze haben ihren Wert, denke ich.
Ich gehe mal davon aus, dass eure Arbeit ja erst begonnen hat. Und ich weiß ja, dass du Zahlen und Statistiken liebst. Was also ist in der Zukunft von eurer Statistik-Seite noch zu erwarten?
Wie erwähnt habe ich schon länger Daten gesammelt und tue das weiterhin. Nach der Errichtung der Seite und dem Einholen des Feedbacks liegt der Fokus jetzt mehr auf Aktualisierungen. Aber es wird auch noch neue Statistik-Seiten geben. Ich stelle mir zum Beispiel vor, die gesamten Zahlungen, die "der Staat", also die Republik Österreich bis hinunter zum einzelnen Dorf an Religionen leistet, aufzubereiten. Das ist jedes Jahr eine Milliardensumme. Das erfordert viel Recherche. Aber sobald die Struktur der Analyse steht, kann ich neue Daten wieder mit wenig Aufwand einpflegen.
In einer ersten Pressemitteilung heißt es, dass der Zentralrat der Konfessionsfreien Österreich auch aufgrund des Informationsfreiheitsgesetzes von 2025 an seine Zahlen kommt. Entspricht das österreichische IFG in etwa dem deutschen, das bereits 2006 in Kraft gesetzt wurde und das Anfragen an Behörden, Ministerien und staatsnahe Betriebe ermöglicht?
Österreich ist eines der letzten der EU-Länder, das ein Informationsfreiheitsgesetz einführt. Es gab also bereits Vorlagen. Soweit ich weiß, hat die österreichische Variante Vor- und Nachteile gegenüber den Gesetzen in anderen Ländern. Ich bin einfacher Nutzer des Gesetzes und habe keine vergleichenden Erfahrungen mit Deutschland oder anderen Ländern.
Ich habe mit den Bezirksbehörden (etwas über 100 in Österreich) bisher gute Erfahrungen gemacht, nur wenige haben sich geweigert, die Daten zu liefern. Das Gesetz ist aber noch sehr neu, es gibt noch Fragen zur Auslegung. Zum Beispiel gibt es Stellen, die behaupten, dass die Information exakt so, wie sie angefragt wurde, nicht vorhanden ist, und sie nicht verpflichtet sind, die vorhandenen Informationen aufzubereiten.
Ihr habt in der ersten Pressemitteilung geschrieben, dass ihr durch die Anfragen nach dem IFG "erstmals einen detaillierten Überblick über die geografische Herkunft und andere Merkmale der neuen Konfessionsfreien" bekommen habt. Wurden diese Daten zuvor nicht erfasst? Also auch nicht vom Staat?
Die Daten waren da, nur hat sich niemand dafür interessiert oder zuständig gefühlt, sie zu veröffentlichen.
Der Hintergrund ist: Religionsaustritte sind in Österreich bei den "Bezirkshauptmannschaften" und in den größeren Städten bei den Magistraten zu machen. Sie sind übrigens kostenlos und können auch mit digitaler Signatur online durchgeführt werden.
Diese Behörden schicken die Daten der Ausgetretenen monatlich an die Religionsgesellschaften. Die haben die Daten natürlich ebenfalls. Zum Beispiel publiziert die römisch-katholische Kirche jährlich eine Summe der Austritte nach Diözese.
Die Austritte sind in Österreich derzeit noch die größte Quelle von neu konfessionsfrei werdenden Menschen. Irgendwann werden es die Geburten in konfessionsfreien Familien sein. Aber bis dahin ist das unsere Motivation, uns damit zu beschäftigen. Wir möchten eben wissen, wo sich Menschen zum Religionsaustritt entscheiden und dadurch konfessionsfrei werden.
Wir haben jetzt zum ersten Mal die Daten für die letzten Jahre bis hinunter auf Bezirksebene. Mit den vorläufigen Daten für 2025 war auch bereits eine Hochrechnung möglich. Die katholischen Austritte 2025 würden normalerweise erst im September 2026 bekanntgegeben werden. Aber wir haben schon einen recht genauen Wert. Ob das zum Beispiel für Medien interessant ist, wird sich noch zeigen.
Dann können wir beispielsweise auch sehen, wo die evangelischen im Vergleich zu den katholischen besonders hoch sind, und auch Austritte aus dem Islam, dem Judentum, orthodoxen Kirchen und Freikirchen nachweisen. Das gab es bisher in öffentlich zugänglichen Daten überhaupt nicht.
Wenn ich das richtig verstehe, bietet Ihr die von Euch ermittelten Zahlen und Statistiken frei zur Verwendung an. Ich gehe mal davon aus, dass das sowohl Forschung als auch Medien ansprechen soll. Gibt es denn schon Reaktionen auf eure ersten Veröffentlichungen?
Ja, es ist das Ziel, eine aktuelle und vertrauenswürdige Quelle zu etablieren. Deswegen überall die Hinweise auf die Quellen und Analysemethoden. Wenn man alles selbst nachvollziehen kann, schafft das Vertrauen.
Im Nachrichtenmagazin profil stand auf Basis meiner damaligen Analyse bereits im Herbst 2024, dass die katholische Bevölkerungsmehrheit in Österreich gefallen ist. Andere Medien haben das erst im Herbst 2025 geschrieben, weil sie auf die offiziellen Zahlen der katholischen Kirche gewartet haben. Es gibt also unterschiedlich engagierte und offene Redaktionen, die bereit sind, eine neue Datenquelle zu nutzen, natürlich nach eingehender Überprüfung.
Auf der anderen Seite gab es in Online-Diskussionen auch Reaktionen, selbst von Journalisten, die gemeint haben, die Seite käme vom Zentralrat der Konfessionsfreien Österreich, die Zahlen seien daher irrelevant. Solche Menschen haben halt keine guten Alternativen in Österreich.
fowid hatte anfangs auch dieses Problem. Die Medien haben es für notwendig gehalten, darauf hinzuweisen, dass fowid zur "religionskritischen" Giordano-Bruno-Stiftung gehört. So wie fowid sich erst etablieren musste, muss sich StatKB auch etablieren. Eine transparente Daten-, Methoden- und Fehlerkultur ist dafür notwendig.
Könnt ihr aus den euch jetzt vorliegenden Zahlen bereits einen Trend ableiten? Bekanntlich ist in Deutschland die Mehrheit nicht (mehr) konfessionell gebunden. Gibt es ähnliche Tendenzen auch in Österreich zu beobachten?
So eine Aufstellung gibt es schon seit dem Launch der Seite! Ich habe den Verlauf der Konfessionsfreien einerseits und katholisch plus evangelisch andererseits für Deutschland von fowid übernommen und mit meinen Daten für Österreich in ein gemeinsames Diagramm gepackt. Die Kurven verlaufen ziemlich parallel. Österreich ist nur etwa zehn Jahre später dran. Deutschland hat mit der ehemaligen DDR einen Vorsprung im Anteil der Konfessionsfreien. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Als letztes seien mir die Fragen gestattet: Welche Informationen gibt es noch auf der neuen Statistik-Seite? Was fehlt österreichischen Nutzer:innen, was gefällt ihnen?
Mir ist auch wichtig, existierende, bereits veröffentlichte Informationen übersichtlich zu visualisieren, so, dass man Entwicklungen und Zusammenhänge schnell erkennt. Gerade die Religionsgesellschaften können oder wollen das nicht machen. Sie publizieren Momentaufnahmen, aus denen man die Zusammenhänge, zum Beispiel die sich öffnende Schere zwischen Todesfällen und immer weniger Taufen, nicht erkennen kann. Bei uns ist das übersichtlich und verständlich dargestellt.
Dann gibt es noch die sogenannte "unabhängige Opferschutzkommission" der römisch-katholischen Kirche, deren "unabhängige" Statistiken von Zeit zu Zeit beim Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz aktualisiert werden. Aber immer nur in Fließtext, ohne Zusammenhang mit den früheren Zahlen, ohne Information zum Wachstum. Die Informationen sind aber historisch vorhanden und so können wir die wichtigen Aspekte doch ableiten. Zum Beispiel, dass die Zahlungen an die Betroffenen seit Jahren sinken. Oder dass die Fälle seit 2000, die noch nicht verjährt sein können, in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Aus meiner Sicht begründet das einen dringenden Tatverdacht, dem die Staatsanwaltschaften von Amts wegen nachgehen müssten, indem sie die Unterlagen anfordern.
Es gibt auch eine Seite mit Diagrammen zu den Inhalten von Umfragen, die regelmäßig durchgeführt werden. Etwa das Vertrauen in Institutionen oder die Antwort auf Fragen wie "Glauben Sie an Gott oder eine göttliche Wirklichkeit?".
Ich hoffe, dass ich mit StatKB zum Verständnis über die Säkularisierung der Gesellschaft beitragen kann und die Informationen allgemein als aktuell und zuverlässig wahrgenommen werden. Meine Grundeinstellung ist, dass gute Entscheidungen unter anderem von richtigen Daten abhängen. Und wir wollen, dass die Politik auf Basis richtiger Daten gute Entscheidungen fällt. Wir wollen, dass die Medien die Gesellschaft mit richtigen Daten versorgen. Man kann diese natürlich auch ignorieren, aber dann wird man oft die falschen Schlüsse ziehen.
Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für das Projekt.







1 Kommentar
Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.
Kommentare
PJ am Permanenter Link
Die Initiative von Balazs Barany, dem Zentralrat der Konfessionsfreien Österreich und allen anderen Beteiligten ist fantastisch.
Mit den nötigen Zahlen haben wir endlich Waffengleichheit und die Diskussionen auf Grundlage von Bauchgefühlen und Annahmen werden versachlicht.