„Der Leib Christi"

Viele Leser, darunter „gläubige Katholiken", hielten die Meldung der Todesdrohungen wegen Hostienschändung beim hpd für eine Satire

. Warum sollte jemand einen Mord für eine Oblate begehen wollen? Leider ist dies keineswegs so unplausibel für Menschen, die tatsächlich von dem katholischen Dogma der Transsubstantiation („Wesensverwandlung") überzeugt sind.

 

Der Rat von Trient rief das Dogma in seiner noch heute unverändert gültigen Fassung ins Leben: „Ich erkläre weiterhin, dass in der Messe Gott im Namen der Lebenden und der Toten ein wahres, angemessenes und versöhnliches Opfer dargebracht wird, und dass der Körper und das Blut zusammen mit der Seele und der Göttlichkeit unseres Herrn Jesus Christus wahrhaftig, wirklich und wesentlich anwesend ist im heiligsten Sakrament der Eucharistie, und dass eine Veränderung der ganzen Substanz des Brotes in den Körper stattfindet, und der ganzen Substanz des Weines in Blut; und diese Veränderung nennt die katholische Kirche Transsubstantiation. Ich erkläre ferner, dass der ganze und vollständige Christus und ein wahres Sakrament durch jedes Exemplar übertragen wird."

Falls Ihnen die oben stehende Quelle nicht genügt, so kann Sie ein einfacher Blick auf Wikipedia vom selben Umstand überzeugen: „Die römisch-katholische Kirche dogmatisierte die Transsubstantiationslehre im 4. Laterankonzil 1215: Sie glaubt an die Verwandlung der Substanzen von Brot und Wein in den realen Leib und das Blut Jesu Christi durch die vom Priester gesprochenen Wandlungsworte (Konsekration)."

Katholiken glauben also tatsächlich (jedenfalls offiziell), dass sich die Hostie nach der Weihe in den echten, wahren, realen, tatsächlichen Körper von Jesus Christus verwandelt. In sein Fleisch und Blut im durchaus wörtlichen Sinne. Aus diesem Grund bemerkte der kanadische Journalist Dan Gardner: „Wenn der Papst sagt, dass ein paar Worte und ein wenig Gefuchtel einen Keks dazu bringen können, sich in das Fleisch eines 2000 Jahre alten Mannes zu verwandeln, dann sagen Dawkins und seine Verbündeten, gut, beweise es. Es sollte einfach sein. Streiche die Hostie mit einem Tupfer ab und mache eine DNA-Analyse. Wenn du das nicht tust, dann bringen wir deiner Behauptung genau so viel Respekt entgegen wie jenen, die behaupten, sie könnten die Zukunft in einer Kristallkugel sehen oder Löffel mit ihrem Verstand biegen oder bei Vollmond zu Werwölfen mutieren."

Wer nun immer noch meint, dies könne doch gar nicht sein, der sei auf folgenden, ähnlichen Fall in Deutschland hingewiesen: Ein Mann aß seine Hostie nicht. Gläubige griffen ihn an. Der Dekan verprügelte ihn und er musste ins Krankenhaus. Von Amts wegen gab es eine Anzeige - gegen den Mann! - wegen „Störung der Religionsausübung". Aus dem Bericht von Hessen Online: „‚Die Hostie hat für Katholiken einen sehr hohen Stellenwert. Sie ist das Allerheiligste für uns Christen‘, sagte Stadtdekan Johannes zu Eltz in einem Interview des hr. ‚Wir beten Gott in der Gestalt dieser Hostie an. Für den Schutz einer Hostie würde ich mich, wenn es sein muss, umbringen lassen.‘"

Für gläubige Katholiken ist die Unsanftbehandlung einer gesegneten Hostie das schlimmstmögliche Verbrechen, schlimmer als Mord. Eigentlich kein Wunder: Diesem Glauben zufolge handelt es sich schließlich um die Zerteilung des Erlöserkörpers, den man eigentlich nicht zerteilen, sondern im Sinne eines offenbar gesunden Kannibalismus essen soll. Hier finden Sie die offizielle Stellungnahme aus dem Buch „Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung":

„ 577 - Wer leugnet, dass im Sakrament der heiligsten Eucharistie wahrhaft, wirklich und wesentlich der Leib und das Blut zugleich mit der Seele und mit der Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und folglich der ganze Christus enthalten ist, und behauptet, er sei in ihm nur wie im Zeichen, im Bild oder in der Wirksamkeit, der sei ausgeschlossen.

578 - Wer sagt, im hochheiligen Sakrament der Eucharistie bleibe die Substanz von Brot und Wein zugleich mit dem Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus bestehen, und wer jene wunderbare und einzigartige Wandlung der ganzen Brotsubstanz in den Leib und der ganzen Weinsubstanz in das Blut leugnet, wobei nur Gestalten von Brot und Wein bleiben, der sei ausgeschlossen.

580 - Wer sagt, im wunderbaren Sakrament der Eucharistie sei nach vollzogener Weihe nicht der Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus, sondern nur beim Gebrauch, wenn es genossen wird, nicht aber vorher und nachher, und in den geweihten Hostien oder Brotteilchen, die nach der Kommunion aufbewahrt werden oder übrig bleiben, bleibe aber nicht der wahre Leib des Herrn zurück, der sei ausgeschlossen."

Geschichte des Hostienfrevels

Historisch betrachtet wurde der Vorwurf der Hostienschändung vor allem im Mittelalter gegen Juden vorgebracht. Er diente nicht nur als Rechtfertigung und Vorwand für Pogrome, sondern war auch einer deren eigentlichen Ursachen. Christen waren damals überzeugt, und einige sind es heute noch, dass alle Juden die Schuld an Jesu Tod tragen und dass nichts ihnen größere Freude bereiten könnte, als Jesu Körper in Oblatenform zu schänden.

Ob es das ist, was die Bibel sagt, ist recht unklar (und für Atheisten völlig irrelevant). Einerseits heißt es von Seiten der Juden „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Matthäus 27,25), andererseits war Jesu Kreuzigung inklusive Judas Verrat und der Schuld oder Unschuld der Juden von Anfang an Teil von Gottes Plan. Das bedeutet, dass Gott die Schuld für den Tod seines Sohnes entweder von sich auf die Juden schieben wollte, oder dass irgendetwas mit der Bibel nicht stimmt, und zwar gewaltig.

Fest steht, dass der christliche Verfolgungswahn und Aberglauben in Form des Hostienfrevels im wörtlichen Sinne Tausenden von Juden und einigen „Hexen" das Leben gekostet hat. Dass die Transsubstantiation überhaupt noch ein offizielles Dogma der Kirche darstellt, ist ein Skandal und dass es in den modernen USA zu Todesdrohungen wegen diesen Wahnvorstellungen kommt, ist mehr als das, nämlich ein religiös motivierter Angriff auf die Menschenrechte und den liberalen Rechtsstaat.


Andreas Müller

 

 

Hostien-Krieg

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