DGHS Hauptversammlung und Festveranstaltung

AUGSBURG. Am vergangenen Wochenende ging die diesjährige ordentliche

Hauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) zu Ende.

 

Neu gewählte Vizepräsidenten

Turnusgemäß stand die Neuwahl der beiden Vizepräsidenten an: Gewählt wurden Gerhard Rampp, bisher Beisitzer im Präsidium und früher Bundesschatzmeister und Revisor, sowie Werner Brenzel, ehrenamtlicher Mitarbeiter aus Hamburg. Als neuer Beisitzer wurde Adi Meister ins Präsidium gewählt, der ehemalige (und nun (Ehren-)Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit Bayern.

Ehrenmitgliedschaft

Im Rahmen der offenen Abendveranstaltung wurde in einem festlichen Rahmen Herrn Professor Wilhelm Uhlenbruck - für seine Verdienste um die Patientenverfügung und den Patientenschutz in Deutschland - mit der Ehrenmitgliedschaft der DGHS gedankt.

Der zunächst auf Insolvenzrecht spezialisierte Jurist machte sich mit einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen zum Experten auch für Medizinrecht und medizinethische Entscheidungen am Lebensende. Bereits von 1974 an thematisierte er das Recht von Patienten auf einen menschenwürdigen Tod - Überlegungen, die in den „Patientenbrief" mündeten. Er sollte dazu dienen, den Kranken vor Fremdbestimmung zu schützen und zwar auch und gerade dann, wenn der Betroffene sich aktuell nicht mehr äußern konnte. Professor Uhlenbruck ist daher gewissermaßen der 'Vater' der Patientenverfügung für Deutschland. Er hat konkrete Vorschläge entworfen, wie dem Willen des Patienten Rechnung getragen werden kann. Dennoch war Uhlenbruck nie ein unkritischer Verfechter dieses Instruments. Er sah dessen Grenzen und Schwächen - die Willensverfügung bedarf immer der Interpretation -, die keine noch so ausgefeilte gesetzliche Regelung vollständig beheben kann. Deshalb betonte er früh die Notwendigkeit, einen Bevollmächtigten zu bestimmen, der dann im Interesse des äußerungsunfähig gewordenen Patienten tätig werden würde.

Tatsächlich hatten es die Willensverfügungen in Deutschland schwer, sich durchzusetzen. Noch 1992 schrieb Uhlenbruck eine Bestandsaufnahme, die sich im Jahre 2006 teils bedrückend aktuell liest, denn die Argumente von Hardlinern, mit denen das Selbstbestimmungsrecht des Patienten ausgehebelt werden soll, sind damals wie heute dieselben: „Auch die Problematik des Patienten-Testaments hat man in Deutschland bislang nicht in den Griff bekommen. Der Wirksamkeit von Patienten-Testamenten wird u. a. entgegengehalten, der sterbende Mensch wolle alle medizinischen Maßnahmen, auch wenn sie mit Schmerzen verbunden seien. Der Patient sei im übrigen nicht aufgeklärt. Bei Abfassung des Testaments wisse er noch nicht, woran er letztlich sterbe. Aufgeweckt und aufgeklärt könne er möglicherweise anders entscheiden wollen. Schließlich wird argumentiert, jeder, der sterben wolle, sei ein Suizident. Sein Wille sei, da pathologisch, nicht zu respektieren."

So hat sich seit etwa 1976 der Gedanke der Selbstbestimmung am Lebensende mit Hilfe von Patientenverfügungen peu à peu auch in Deutschland verbreitet - Dank einzelner engagierter Vordenker und etlicher, die auf diesem Gedankengut dann weiter aufgebaut haben.

Arthur-Koestler-Preis

Der <Arthur-Koestler-Preis 2006> wurde an die Journalistin Jutta Redmann für ihren <Beitrag> "Ich möchte über mein Ende selbst bestimmen" verliehen.

Die Preisverleihung fand in Abwesenheit von Frau Redmann statt, da sie aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Augsburg kommen konnte.

Ihre persönliche Dankesrede wurde stellvertretend von Susanne Dehmel vorgetragen:

„(...) Wie Sie aus meinen Artikeln wissen, bin ich seit elf Jahren an Brustkrebs erkrankt und leide seit sechs Jahren an Metastasen. Ich weiß also, dass mir wahrscheinlich ein frühzeitiges und im schlimmsten Fall auch qualvolles Sterben bevorsteht. Das habe ich bei meiner Mutter und vielen Frauen erlebt, die ebenfalls an ihrem Brustkrebs gestorben sind. Da liegt es nahe, dass ich mir auch aus persönlichen Gründen einen „Notausgang" wie in der Schweiz wünsche, wenn ich dieses Lebensende nicht mehr als lebenswert empfinde. Eine klare gesetzliche Regelung, die mich nicht zum Weiterleben zwingt, wenn ich nicht mehr will. Eine Regelung, die mein Selbstbestimmungsrecht nicht nur im Leben, sondern auch im Sterben respektiert.

Aber ich bin nicht nur persönlich betroffen, sondern auch langjährige politische Journalistin. Und da empört es mich, wie stark uns der politische Gegenwind immer noch ins Gesicht bläst. Obwohl sich 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung konstant für mehr Autonomie am Lebensende aussprechen, wird dieser Wunsch weiterhin ignoriert und verächtlich gemacht. Zwar habe ich auch mit Freude beobachtet, dass sich aktuell der Deutsche Juristentag wie zuvor der Nationale Ethikrat mit ihren differenzierten Beschlüssen in unsere Richtung bewegt haben. Doch fast schon reflexartig setzte der Widerstand ein - von den Kirchen, Ärztefunktionären, der Hospizbewegung und aus der Politik bis hin zum Bundesjustizministerium. So sehr ich mich über einzelne Politikerinnen und Politiker und viele Prominente aus allen gesellschaftlichen Bereichen freue, die sich seit Jahren für ein Umdenken engagieren, so sehr empören mich auch die immergleichen Gegenargumente, mit denen die Würde der Menschen in ihrer letzten Lebensphase ausgehebelt wird.

Warum pochen die Kirchen unbeirrt auf die Erhaltung des Lebens um jeden Preis, setzen sich aber nicht damit auseinander, dass in Deutschland jährlich mehr als 10.000 Menschen Suizid begehen und eine halbe Million es versuchen - und teils mit schwersten Schädigungen überleben? Darunter sind auch viele unheilbar Kranke, die sich vor Züge oder von Hochhäusern stürzen, weil sie in ihrer Not einfach nicht wissen, wie sie an sanfte und sichere Medikamente zur Selbsttötung kommen. Wo ist da der Lebensschutz und die Humanität?

Warum räumen Palliativmediziner und Schmerztherapeuten, die ich wirklich sehr schätze, nur hinter vorgehaltener Hand ein, dass es einige Prozent Schwerstkranke gibt, denen auch die beste Schmerztherapie nicht helfen kann? Und vor allem: Warum wollen sie - wie auch die Ärztefunktionäre - Menschen zum Weiterleben zwingen, die die Begleitumstände ihres Sterbens wie den Kontrollverlust über ihren Körper trotz aller liebevollen Betreuung im Hospiz als entwürdigend empfinden und ihr Leben beenden wollen? Wo ist da das Selbstbestimmungsrecht und die Würde dieser Menschen?
Warum setzen manche Politiker wider besseres Wissen immer noch die Massenmorde des Nazi-Regimes, das Menschen gegen ihren Willen tötete, mit einer Hilfe beim Sterben gleich, die dem ausdrücklichen Wunsch der Menschen entspricht? Warum sprechen sie Ländern, die sich nach langer reiflicher Diskussion für eine andere Gesetzesregelung entschieden haben, ethische Gründe ab? Warum werten sie deren Erfahrungen nicht vorurteilsfrei aus? Solch eine Argumentationsweise empört mich.

Auch ich war Anfeindungen ausgesetzt, als ich meine Artikel in vielen deutschen Zeitungen veröffentlichte. Es gipfelte in dem Vorwurf, ich missbrauchte meine Macht als Journalistin. Machtmissbrauch, weil ich mein Grundrecht der freien Meinungsäußerung wahrnehme. Zum Glück waren diese Stimmen nur eine kleine Minderheit. Über 80 Prozent der vielen Menschen, die mir geschrieben haben, stimmten mir ausdrücklich zu.

Diese enorme Resonanz hat mir Mut gemacht. Wir haben viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter in allen Bereichen der Gesellschaft: Gnädige Ärzte sind darunter, die trotz rechtlicher Risiken ihren Patienten helfen, mutige Politiker, die sogar ihre Karriere gefährden. Auch viele gläubige Menschen, die Menschen nicht zu einem für sie unerträglichen Weiterleben verdammen.

Wir brauchen sicher einen langen Atem. Aber ich bin auch zuversichtlich, dass wir ihn haben!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Engagement!