FRANKREICH. (lp/hpd) Die Rede anlässlich des Papst-Besuches in Frankreich, in der er den Grundsatz der Laizität Frankreich infrage stellte, ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Philippe Forget von den französischen Freidenkern (La Libre Pensée) stellt klar, was sich hinter dem Konzept der klerikalen Subsidiarität verbirgt.
Der Papst hat damals in September gesagt, dass religiöse und politische Macht jeweils in einem anderem Bereich handelt. Die Meinung, dass es eine strikte Trennung gibt, ist demnach falsch. In den Augen der Kirche herrscht eine Beziehung der ungleichen Unterscheidung. Der Monarch des Vatikans hat jedoch den Schleier über seine Konzeption der Trennung der Kirche und der Republik aufgehoben, als er erklärte: „Es ist in der Tat grundlegend nötig, sich klar bewusst zu sein von der Unterscheidung zwischen Politik und Religiösem ... und andererseits von der unersetzbaren Funktion der Religion für die Bildung der Gewissen und von ihrem Beitrag die sie mit anderen Instanzen zur Schaffung eines grundlegenden ethischen Konsenses in der Gesellschaft leisten kann".
Diese Thesen versuchen nichts weniger als die Restauration der religiösen Autorität über die Republik. Unter dem Schleier des „ethischen Konsens" will der Oberpriester definieren, was der Mensch und die Gesellschaft sind, um dann die Aktion der öffentlichen Macht zu bestimmen. Für ihn genießt die Politik einen spezifischen Kompetenzraum, aber in Abhängigkeit von „den geistigen" Normen, die die klerikale Autorität verordnet. Dieser Logik zu folgen würde bedeuten, das Volk nicht mehr als die Quelle seines eigenen moralischen und politischen Gesetzes zu sehen. Staat und Kirche einigen sich, es als ein Kind zu behandeln, das nicht imstande ist rationell zu handeln und dem „religiösen Experten" immer die zu verfolgenden Ziele und die zu befolgenden Regeln einschärfen müssen. Das mediale Gedröhne über Europa, die Ethik der „Opfer" und das Karitative gewöhnen die Geister daran, die religiöse Macht zu sakralisieren.
Es ist in der Tat im Namen der europäischen Kultur, dass der Papst seinen Ehrgeiz rechtfertigt, das Gewissen der Bürger zu normieren. Die so genannt christlichen Wurzeln Europas dienen ihm als ideologische List, um die republikanische Politik der politischen Theologie unterzuordnen. Dieser Versuch der „Inkulturation" der religiösen Normen in die demokratische Zivilisation profitiert von der Unterstützung der europäischen Oligarchie. Sie knüpft bewusst an die Wurzel des Subsidiaritätsprinzips an.
Subsidiaritätspyramide und Auflösung der Demokratie
Das Subsidiaritätsprinzip stammt aus der katholischen politischen Theologie und aus seiner ganzheitlichen Konzeption der Gesellschaft. Nach dieser ist die christliche Gemeinschaft eine organische Gesamtheit (holos), deren Mitglieder ungleich sind. An der Spitze des Körpers thronen die Kirche und der Papst, und die Organe befehlen dann gemäß ihrer Kraft, Urteilsfähigkeit und Machtzuteilung. Als Inhaber der enthüllten Wahrheit entscheidet der Kopf über das Ganze, definiert das Gute und organisiert das hierarchische Gelenk seiner Mitglieder. Nach diesem Grundsatz muss jedes Organ des sozialen Körpers frei bleiben, zu machen, was er auf seinem Niveau machen kann, ohne dass ein höheres Organ an seiner Stelle handeln darf. Allerdings hängt dieses Gebäude eigener Kompetenzen vom universellen Befehl ab, der durch den theologisch-politischen Gipfel getragen wird und jeden darunter, wegen seiner subsidiären Position, ausschließt. Da angenommen wird, dass sie wissen was allein zu ihrem Niveau gehört, wird ihnen die Frage nicht gestellt, ihr Interesse auf die höheren Kompetenzbereiche auszudehnen. Der Arbeiter kann an der Kette arbeiten, aber der Besitzer weiß natürlich besser, wie seine Fabrik zu lenken ist. Die Subsidiarität legitimiert die Herrschaft, während sie sie als Geburtswirklichkeit darstellt.
Im politischen Bereich organisiert die Pyramide der Subsidiaritäten die absolute Herrschaft der Autorität, indem sie jede Möglichkeit vernünftiger Teilhabe und Entscheidung ausschließt. Eingesperrt in der Subsidiarität verlieren die Bürger das Recht, gemeinsam Grundsätze und Wege ihres eigenen Seins zu untersuchen. Sie werden gezwungen, das Lokale nicht mehr mit dem Allgemeinen, das Kommunale nicht mehr mit dem Nationalen zu verbinden. Die zivile Gesamtheit gehört ihnen nicht und sie müssen ihr gehorchen. Die soziale Architektur der Subsidiaritäten impliziert sogar die Auflösung des Volkes als politischer und historischer Körper. Sie ersetzt die vertretene Bevölkerung durch hierarchisch strukturierte Funktionskreise, diese bekannten, durch die Reaktion so gehüteten „Zwischenkörper", aus denen keine Stimme herauskommen kann, um den öffentlichen Raum für die Bürger zu öffnen: die Republik, durch die die Individuen ihre allgemeine Vernunft ausüben und die Zukunft ihrer Arbeit aneignen.
Die religiöse Heteronomie, eine Bedrohung für die Autonomie der Bürger
Das Ziel der Unterscheidungsthese, die das Papsttum für die Politik und das Religiösen setzt, ist klar: Die Politik steuert nach dem Sinn des Religiösen. Sie ist davon nicht getrennt, sondern nur unterschieden. Im mittelalterlichen Geist der Päpste bleibt res publica der erste untergeordnete Kreis der katholischen Gesamtheit. Würde man diesen konterrevolutionären Holismus folgen, wäre die Republik bald eine illusorische Demokratie: Begrenzt auf den Staat. Sie hätte als alleinige Aufgabe den weltlichen Arm der religiösen Autorität zu sein. Hinter der „offenen Laizität" (die von Sarkozy definierte neue Laizität, N.d.R.) profiliert sich so die Restaurierung des „Ancien Regimes". Die europäische Geldherrschaft hat beschlossen, die religiösen Instanzen zu benutzen, um den Freiheitsgeist zu komprimieren, der auf die humanistische und kritische Moderne zurückzuführen ist. Alle modernen Ideale untergraben: das ist der Preis, den sie bereit ist zu zahlen, um ihre Rendite zu sichern.
In der Tat bildet die Hierarchie der Subsidiaritäten eine Struktur der Gehorsamkeit und des Befehls, deren Beweiskraft, so erwartet die Oligarchie, das Volk akzeptiert. Sie beruht notwendigerweise auf einem Grundsatz moralischer und politischer Heteronomie: Die Volksgemeinschaft ordnet sich einer transzendierenden Kraft unter und passt sich ihren Kanones an. Eine solche Bevölkerung besitzt die Schlüssel zu ihrem eigenen Verständnisses nicht mehr. Es ist ihr nicht mehr bekannt, dass sie es durch die Ausübung ihrer von Kenntnissen getragenen Vernunft erwerben kann. Sie vergisst, sich als kreative Immanenz zu behaupten. Umso mehr, da sie nicht mehr an ihre historische und bürgerliche Freiheit glaubt, sondern an übernatürliche Illusionen, die man ihr predigt. Sie ist vom theokratischen Flitter fasziniert und glaubt an die moralische Beispielhaftigkeit des Spektakels der Prälaten und Kleriker. Die heteronome Autorität der katholischen Kirche profitierte sowohl von der moralischen als auch der intellektuellen Schwäche von Teilen der Bevölkerung.
Die Ideologie der Subsidiarität, eine Strategie der politischen Ausgrenzung
Die Rückkehr der Subsidiaritäten begreift sich im Kontext der dominanten Politischen Ökonomie. Die ökonomische Oligarchie ahmt die Päpste nach und sieht die europäischen Republiken als die einfachen säkulären Arme ihrer wirtschaftlichen Technologie an. Ihr Ziel: das Auslöschen der demokratischen Vernunft. Das Subsidiaritätsprinzip beabsichtigt, den Bürgern eine organische Hierarchie aufzuerlegen: Dem technokratischen Kopf gehören die Leitlinien und die globalen Befehlsentscheidungen; den blinden Mitgliedern die subsidiären Entschließungen oder eher die praktischen Anpassungen an die Normen der monopolistischen Wirtschaft.
Die Zielsetzung der parasitären Klasse besteht darin, den durch häusliche Sorgen eingegrenzten Bürger dazu zu bringen, die Unterordnung als vormundschaftlich und natürlich zu betrachten. Den mittelalterlichen Geist der Subsidiarität benutzend, verdeckt die Macht den konstruierten und historischen Charakter des Kapitalismus und institutionalisiert ihn als die Natur der Sachen. Das System des Respektes versucht den gerechten Zorn der Erzeuger zu löschen. Der Bürger verneigt sich dann vor dieser verhängnisvollen Ordnung, und überzeugt von seiner eigenen Passivität muss er den Gebrauch seiner Vernunft vernachlässigen, um dann von seiner politischen und historischen Souveränität abzudanken. Weit davon entfernt seinen Interessen zu dienen, werden seine Vertreter nur die Richtlinien der anonymen Macht ausüben. Unter dem Vorwand des „ethischen Konsens, der globalen Sicherheit und der wirtschaftlichen Rationalität, wird Völkern und Individuen auferlegt, sich zu Hilfskräften ihrer eigenen Abnutzung zu machen. Die Anwendung der Subsidiarität auf das technokapitalistische Europa führt zu einer verhängnisvollen Demontage der europäischen Zivilisation.
Deshalb entpuppt sich das Subsidiaritätsprinzip als eine moralische und politische Grenzanordnung: Dein Ziel ist deine Kirchengemeinde, deine Region, deine Zone (und auch dein Geschlecht, deine Farbe und deine Emotionen) und lass die regierenden Experten über dein gemeinsames Schicksal und noch besser über die Gütekriterien deiner Zukunft entscheiden! Erweitere insbesondere nicht dein Interesse an dem, was dir nicht zusteht! Sei damit zufrieden, deine niedrigen Funktionen „demokratisch" zu verwalten!
Während die Bürgerdemokratie die Mühe der Vernunft erfordert, erschmeichelt die oligarchische Hydra ihre Aufgabe zugunsten „der partizipativen Demokratie" der Subsidiaritäten. Sie liebkost vor allem den Egalitarismus der Medien. Sie ist ein Pseudo-Sozialismus, die der Gegenrevolution das Bett bereitet. Die Einheit des produzierenden Volkes ruinieren, das Bürgergewissen fehlleiten, davon die demokratische Basis ersticken: Dies ist die Triebfeder des derzeitigen Subsidiaritätsprinzips.
(Leicht gekürzte Übersetzung)
Übersetzung: R. Mondelaers





