Im Netz sorgt ein neues Meme für Aufsehen: Amelia, eine KI-generierte Figur aus einem britischen Präventionsspiel, tätigt in Videos und Bildern menschenfeindliche Aussagen. Ursprünglich sollte das interaktive Lernspiel Jugendliche vor Radikalisierung schützen, doch die Figur wurde schnell zum Symbol staatlicher Übergriffigkeit und schließlich zum Vehikel für politische Ressentiments. Der Fall zeigt, wie schnell gut gemeinte Präventionsmaßnahmen durch Kommunikationsfehler ins Gegenteil umschlagen können.
Im Netz kursiert ein neues Meme. Das ist ein meist humorvolles Bild oder Video, das sich schnell im Internet verbreitet und dabei oft in abgewandelter Form wiederverwendet wird. In diesem Fall Amelia, eine attraktive junge Frau mit pinken Haaren, die einem auf Anhieb sympathisch sein kann, dann aber oft sehr unsympathische Dinge sagt.
Zum Beispiel in einem auf Twitter/X vielfach geteilten KI-generierten Video, in dem jeweils die Optik von Ikonen der britischen Popkultur wie Harry Potter, Father Ted, Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss", Wallace and Gromit, Peppa Pig, Dr. Who oder Paddington Bear imitiert wird. Zu der fiktiven Person des irischen Priesters Father Ted etwa sagt Amelia: "Katholik, Protestant, Atheist – wir sind alle am Arsch, wenn der Islam die Macht übernimmt." Und an die Plastilinfigur Wallace gerichtet: "Wallace, Hunde sind haram. Wenn die Muslime die Macht übernehmen, ist Gromit Vergangenheit." Um im Stil von Peppa Wutz hinzuzufügen: "Schweine sind auch haram, Peppa." Den Darstellern aus Dr. Who sagt sie, dass man LGBT-Akzeptanz vergessen könnte und unterstellt, dass Muslime diese Menschen aus Fenstern werfen würden, sollten sie die Gelegenheit dazu bekommen.
Derartige Videos und Bilder gibt es im Internet nun zuhauf und oft triefen sie vor Verachtung von Einwanderern oder treffen pauschal diffamierende Aussagen, wie die, dass Muslime LGBT-Personen aus Fenstern werfen wollten.
Was als gut gemeinte Präventionsmaßnahme begann, ist zu einem exemplarischen Fall staatlicher Kommunikationsblindheit geworden. Die Figur "Amelia", ein Anime-Mädchen aus einem von der britischen Regierung geförderten Lernspiel, sollte Jugendliche für die Gefahren von Radikalisierung sensibilisieren. Stattdessen entwickelte sie sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Projektionsfeld politischer Ressentiments, die weit über berechtigte Kritik an staatlicher Präventionspolitik hinausgeht.
Amelia stammt aus dem interaktiven Spiel "Pathways", das im Rahmen des britischen "Prevent"-Programms eingesetzt wird. "Prevent" ist Teil der Anti-Terror-Strategie "CONTEST" und verfolgt das Ziel, Radikalisierung möglichst früh zu erkennen und zu verhindern. Das Spiel sollte Jugendlichen anhand von Entscheidungssituationen verdeutlichen, welche Online-Positionen oder Argumentationsmuster problematisch sein könnten und ihnen so bei der Früherkennung helfen. Doch genau daraus wurde ein Problem. Amelia äußert im Spiel Zweifel an Masseneinwanderung, spricht über kulturelle Identität und äußert Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen. Dies sind Positionen, die zwar teils unappetitlich, in demokratischen Gesellschaften jedoch erlaubt sind. Indem solche Aussagen im Spiel als Vorstufe zur Radikalisierung markiert wurden, entstand für manche der Eindruck, dass nicht Gewaltbereitschaft oder Extremismus, sondern bereits abweichende Meinungen unter Generalverdacht stünden.
Vom abschreckenden Beispiel zum Symbol für staatliche Übergriffigkeit
Die öffentliche Reaktion folgte prompt. In Sozialen Netzwerken wurde Amelia nicht als abschreckendes Beispiel wahrgenommen, sondern als Symbol für staatliche Übergriffigkeit. Nutzer stilisierten sie zur Heldin gegen eine vermeintliche Meinungszensur, produzierten Fan-Art, Memes und sogar KI-Chatbots. Die Figur wurde damit zum Sinnbild eines breiteren Unbehagens gegenüber einer Politik, die die legitime Grenze zwischen sicherheitspolitischer Prävention und Gesinnungskontrolle nicht immer zu treffen scheint und diese Kritik ist nicht per se illegitim.
Doch genau an diesem Punkt kippte die Debatte. Denn Amelia wird inzwischen nicht nur als Symbol gegen staatliche Präventionspolitik genutzt, sondern zunehmend als Vehikel für Narrative, die Migration und muslimische Präsenz pauschal als Bedrohung darstellen. Aus Kritik an einem problematischen Sicherheitsansatz wurde in Teilen der Online-Debatte eine grundsätzliche Abwertung gesellschaftlicher Vielfalt. Die Figur dient dabei als ironische Tarnung: Was als Meme beginnt, endet nicht selten in altbekannten Ressentiments. Das ist kein Zufall, sondern ein bekanntes Muster. Politische Symbole, die ursprünglich ambivalent oder satirisch gemeint sind, lassen sich leicht instrumentalisieren, wenn sie an vorhandene Vorurteile andocken. Die Grenze zwischen Systemkritik und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist dabei fließend und wird in digitalen Räumen bewusst verwischt. Wer Amelia nutzt, um pauschal "den Islam" oder "die Migranten" zum Problem zu erklären, betreibt kollektive Schuldzuweisung.
Und natürlich gibt es der Internationalität Sozialer Medien geschuldet sofort entsprechende Nachahmer auch in Deutschland, die versuchen, diese Gegenkultur auch bei uns zu popularisieren. So wird auf Twitter/X bereits ein KI-Video geteilt, das, angelehnt an ein beliebtes Amelia-Video, eine blonde Frau im Dirndl zeigt, die uns zeigen will, wie sehr sie deutsche Geschichte und Kultur liebt und dabei arg spießig wirkt im Vergleich zum "coolen" Original. Das Video öffnet in holprigem Ton mit "Hallo, ich bin Maria. Ich bin eine Deutsche und ich liebe Deutschland." und verharrt danach in einer eigentlich belanglosen Heimatfilmästhetik. Deutschland wird repräsentiert durch Bier, Dorfkneipe, Goethe und Schiller und selbstverständlich dürfen der deutsche Schäferhund und die Bratwurst nicht fehlen. Auch in diesem Video werden abwertende Stereotype über Muslime verbreitet, wenn vergleichbar dem Original ein arabisch gekleideter Mann auf die junge Frau mit ihrem Hund und Bratwurst in der Hand zugeht und "Haram! Haram!" ruft.
Gerade deshalb ist der Fall Amelia mehr als eine kuriose Internetgeschichte. Er zeigt, wie staatliche Präventionsprogramme durch schlechte Kommunikation selbst Radikalisierungsdynamiken befeuern können und wie schnell berechtigte Kritik von Akteuren gekapert wird, die an gesellschaftlicher Spaltung interessiert sind. Dank der Sozialen Neztwerke auch international. Ein Schaden entsteht an vielen Fronten: Der Staat verliert Vertrauen, Minderheiten werden weiter stigmatisiert und der öffentliche Diskurs verroht. Eine offene Gesellschaft muss Radikalisierung ernst nehmen, ohne politische Meinungen zu kriminalisieren. Sie muss Kritik an der Migrations- und Integrationspolitik aushalten, ohne Minderheiten zu Sündenböcken zu machen. Und sie muss akzeptieren, dass Sicherheit nicht durch pädagogische Vereinfachung oder moralische Umerziehung entsteht, sondern durch transparente Politik, klare rechtsstaatliche Grenzen und echten gesellschaftlichen Dialog. Amelia ist letztlich keine Heldin und keine Schurkin. Sie ist ein Symptom für eine Politik, die zu grob arbeitet, und für eine Debattenkultur, die zu oft ins Ressentiment abrutscht.






