In einem Selbstversuch besuchte der Autor im Herbst einen christlichen Infostand in Vorarlberg (der hpd berichtete). Nun erweiterte er das Experiment, indem er das angebotene kostenlose Infomaterial bestellte.
Als neugieriger Mensch habe ich den Stand von "Gott isch ma unterku" auf dem Dornbirner Markt besucht. Dort führte ich ein nettes Gespräch und wurde aufgefordert "Gott in mein Leben zu lassen".
Die weiteren Erlebnisse begannen – wie alle großen Irrtümer – mit einer ungünstigen Mischung aus Langeweile und Neugier, einem netten Gespräch bei stürmischem Wetter und einem Flyer. "Gott isch ma unterku". Ein Satz, der im vorarlberger Dialekt suggeriert: Gott stolpert dir einfach über den Weg, du hast dich bisher gesträubt, lass ihn rein, du bist schuld, wenn es nicht klappt. Neugierig wie ich bin, bestellte ich mir die kostenlose Bibel. Kostenlos ist schließlich das Sakrament der Moderne.
Kurz darauf meldete sich der Himmel in Form einer E-Mail: Bitte Daten überprüfen. Gott mag dich, aber er mag korrekte Adressdaten noch mehr. Wenige Tage später lag das Paket im Briefkasten – und es war prall gefüllt: Nicht spirituell, sondern strategisch.
Zuerst ein Anschreiben: Das Motto dieses Willkommensbriefs ist "Gott is ma unterkemma". Kein Anspruch, keine Argumente, keine Einordnung und kein Zweifel. Gott kommt einfach vorbei. Wie ein Staubsaugervertreter, nur mit Ewigkeitsgarantie.
Besondere Beachtung schenke ich der diesmal nicht vorarlbergischen Sprachvariante. Die Kirche betreibt seit Jahrhunderten eine erfolgreiche Markenbildung, das Kruzifix ist bekannter als Micky Maus, Coca-Cola und der Mercedes-Benz-Stern zusammen, aber gleichzeitig funktioniert aus irgendeinem mir unerschließlichen Grund nicht einmal das Fundament einer durchgängigen Corporate Identity und eines einfachen, einprägsamen Werbeslogans.
Dann ein Bierdeckel. Wieder ein Bierdeckel (siehe Teil 1). "Gott isch ma unterku" – diesmal mit Einladung zum Gottesdienst nach Dornbirn oder in den Stream der örtlichen evangelikalen Freikirche. Offenbar glaubt man hier fest daran, dass der letzte Schritt zur Erlösung einen Klick entfernt ist. Oder eine Maß. Österreich ist Hochkonsumland für Alkohol, und missionarisch scheint man sich dem nahtlos anzupassen: Gott, Glaube, Gerstensaft.

Foto: © Peter Jaglo
Dazu eine Leseprobe der Zeitschrift Orientierung. Orientierung ist wichtig, besonders wenn man vorher absichtlich verwirrt wurde. Diese Orientierung ist selbstverständlich nicht jene Zeitschrift, die 2009 eingestellt wurde – das hier ist die lebendige Variante. Lebendig genug, um am Ende dezent, aber bestimmt auf ein kostenpflichtiges (und meiner Ansicht nach überteuertes) Abo hinzuweisen. Denn auch das Wort Gottes muss regelmäßig abonniert werden. Orientierung bietet Hilfestellung beim Bibellesen, kommt ökumenisch daher und endet zuverlässig beim Geld. Weitere Hefte gibt es für Kinder, Jugendliche und Frauen – denn der Glaube kennt zwar nur eine Wahrheit, aber sehr viele Zielgruppen.
Schließlich die Bibel selbst: eine "NeÜ bibel.heute". Modern, handlich, entschärft. Enthält ausschließlich das Neue Testament. Das Alte Testament bleibt draußen – vermutlich, weil Völkermord, Sklaverei und göttliche Wutausbrüche nicht optimal zur Wohlfühlmission passen. Herausgegeben von der Christlichen Verlagsgesellschaft, Copyright Karl-Heinz Vanheiden, bibelvertrauen.de. Wer Vertrauen im Domainnamen trägt, hat offensichtlich schon gewonnen.

Foto: © Peter Jaglo
Ich blättere die Bibel durch, lese den Klappentext und schlage die ersten Seiten auf. Die Kost ist schwer und ich wähle zufällig weitere Seiten aus. Mein Eindruck bleibt bestehen. Der Text ist konfus, ein Schachtelsatz folgt dem nächsten. Anscheinend hat das Lektorat eine bedeutungslose Geschichte noch langweiliger und belangloser gemacht.
Absender ist der Bibellesebund, gegründet 1879, evangelikal, international, bestens vernetzt. Persönliche Beziehung zu Jesus, wörtliche Bibelauslegung, missionarischer Sendungsdrang. Kritisiert wird das von anderen Christen wie von säkularen Menschen. Ein schöner ökumenischer Konsens: Man findet das problematisch. Aber Kritik ist hier offenbar nur ein weiteres Zeichen dafür, dass man auf dem richtigen Weg ist.
Besonders innovativ ist das "BibelMobil": ein umgebauter Bus, der als rollende Bibelwerkstatt durch die Lande zieht. Öffentlichkeitsarbeit mit Heiligenschein und Computerterminals. Eine andere Öffentlichkeitsarbeit ist das Nachspielen biblischer Geschichten mit Lego. Nichts schreit so sehr nach "unverrückbarer göttlicher Wahrheit" wie buntes Plastik für Kinderhände und tolle Erinnerungsfotos. Die Märchen der Bibel lassen sich unauffällig zwischen Batman, Harry Potter und Lego Friends unterbringen.

Foto: © Peter Jaglo
Und dann öffnet sich der Kaninchenbau der Verlinkungen: christliche Medienlandschaften, Kinderangebote wie das Schlaf Schaf, weitere YouTube-Kanäle, Campus für Christus, Mission, Programme, Plattformen, Netzwerke. Hinter jeder freundlich gestalteten Website lauert dieselbe Botschaft: Du bist noch nicht ganz angekommen. Aber wir helfen dir dabei. Gegen Spende. Oder Abo. Oder Hingabe.
Am Ende sitze ich da, mit meiner kostenlosen Bibel, einem Bierdeckel und dem diffusen Gefühl, Teil eines perfekt geölten Systems geworden zu sein. Niemand hat mich bedrängt. Niemand hat mir gedroht. Man hat mich einfach liebevoll eingewickelt.
So lernte ich, die Bibel zu lieben. Nicht wegen ihres Inhalts. Sondern wegen der beeindruckenden Chuzpe, mit der aus einem uralten Text ein zeitgemäßes Missionierungs-Ökosystem gebaut wurde.
Gott mag umsonst sein. Der Weg zu ihm ist es sicher nicht.
Teil 1 des Textes lesen Sie hier.






