Kommentar

Bayernhymne: Hirn mit dir, du Land der Bayern

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Markus Söder bei Facebook (2018): "Klares Bekenntnis zu unserer bayerischen Identität und christlichen Werten. Haben heute im Kabinett beschlossen, dass in jeder staatlichen Behörde ab dem 1. Juni ein Kreuz hängen soll. Habe direkt nach der Sitzung ein Kreuz im Eingangsbereich der Staatskanzlei aufgehängt."
Markus Söder

Die CSU hatte sich in der vergangenen Woche hinter den dicken Mauern von Kloster Banz versammelt – und während draußen Lehrkräfte fehlen, Schulgebäude bröckeln und Jugendliche ohne Abschluss durchs Raster fallen, setzte die Partei ein ganz anderes Thema auf die Agenda: Markus Söder will eine Hymnenpflicht an bayerischen Schulen einführen. Man fragt sich unwillkürlich: Hat der Freistaat wirklich keine dringlicheren Sorgen?

Ausgangspunkt ist ein Vorschlag der Jungen Union, der seit einigen Wochen durch Parteigremien und Schlagzeilen wabert. Schulen sollen künftig bei besonderen Anlässen verpflichtet werden, die Bayernhymne, die Nationalhymne und die Europahymne zu singen. Was als patriotische Folklore begann, ist inzwischen offizieller CSU-Beschluss – abgesegnet auf dem Parteitag und nun bestätigt auf der Klausurtagung im oberfränkischen Kloster Banz.

Ministerpräsident Markus Söder will den Patriotismus neu beleben und versprach, die auf dem CSU-Parteitag beschlossene Hymnenpflicht – sie erinnert an den Kreuzerlass – bei Schulabschlussfeiern möglichst schnell umzusetzen, denn das sei identitätsstiftend, ein Zeichen der Integration und "ein kleines Signal zum Teambuilding in einem Land". Teambuilding durch Mitsingen?

Billiger Symbolpatriotismus

Markus Söder – ernsthaft? Das ist nichts als billiger Symbolpatriotismus. Hat der Freistaat keine anderen Probleme? Die Reaktionen aus dem Kultusministerium, aus den Schulen und von Lehrkräften fallen entsprechend verhalten aus. Wer in Bayern das Abitur, die Mittlere Reife oder den Quali besteht, hat oft mehr als ein Jahrzehnt in einem Bildungssystem verbracht, das chronisch unterfinanziert ist. Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, mangelnde technische Infrastruktur, marode Klassenzimmer und fehlende Förderung sind Alltag. Zehntausende Jugendliche verlassen die Schule jedes Jahr ohne Abschluss und es scheint nun als sei die politische Antwort darauf: gemeinsames Singen von drei Hymnen bei der Abschlussfeier.

Besonders grotesk wird es beim Blick auf den Text der Bayernhymne. Sie beginnt mit den Worten: "Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland!" Die monarchische dritte Strophe ("Gott mit ihm, dem Bayern-König. Segen über sein Geschlecht!") wird zwar heute nicht mehr gesungen, doch der Gottesbezug steht auch in der zweiten Strophe. In einem Bundesland, in dem in München nur noch rund ein Drittel der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen ist, wirkt eine staatlich verordnete Hymne mit religiöser Anrufung nicht nur deplatziert, sondern anachronistisch. Hinzu kommt: Nicht jeder Bayer ist Bayer aus Überzeugung – Franken etwa haben seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zur weiß-blauen Identität.

Ganz praktisch stellt sich zudem die Frage, wer diese Hymnen eigentlich singen soll. Kaum jemand im Freistaat kennt den vollständigen Text der Bayernhymne, von der Europahymne ganz zu schweigen. Patriotismus per Pflichtveranstaltung erzeugt keine Identifikation, sondern bestenfalls betretenes Schweigen – und schlimmstenfalls Ablehnung.

Wenn Markus Söder tatsächlich an Integration, Zusammenhalt und demokratischer Bildung interessiert wäre, gäbe es sinnvollere Ansatzpunkte. Statt Hymnenpflicht bräuchte es mehr politische Bildung, mehr Raum und Zeit für Demokratieerziehung, mehr Investitionen in Schulen – und weniger Religionsunterricht und nationale Symbolik, die eher aus dem 19. Jahrhundert als aus einer pluralistischen Gegenwart stammt. Ein echtes Bekenntnis zur Demokratie und zur Integration entsteht durch kritisches Denken, Teilhabe und Chancengleichheit.

Kurz gesagt: Bayern braucht kein "Gott mit dir", sondern mehr "Hirn mit dir".

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