
Christoph Baumgarten Auch meine Mitschüler verstanden weder meinen Schritt noch meine Überlegungen. Von etwa 40 Schülern in der siebten Klasse war ich der einzige, der den Religionsunterricht nicht besuchte. Auch die prononciert Linken, damals allesamt ostentativ rebellisch, wären nicht auf die Idee gekommen, sich abzumelden. „Das gehört halt dazu“, hörte ich nur. „Ist eh nicht so schlimm, wir machen dort eh nix“.
Natürlich konnte Biberle auch beim persönlichen Begründungsgespräch, für das mir die Sekretärin einen Termin geben musste, keinerlei Argumente vorbringen. Das wollte er auch nicht. Meine Überlegungen waren ihm egal. Zu sehr genoss er die Macht, die er über einen Andersdenkenden hatte. Zum Rapport bestellen, wenn er aufmuckt. Ein beliebtes niederösterreichisches Konzept. Eine Machtprobe, die er glaubte gewonnen zu haben.
Er hatte sich einen Feind geschaffen. Ich ließ in meinen letzten beiden Schuljahren keine Gelegenheit aus, ihn lächerlich zu machen. Den Konflikt ließ ich nicht einschlafen. Was mir eher keine Freunde einbrachte und mehr Vor- als Nachteile hatte. Aber ich kann ungerechtes Verhalten nicht ausstehen. Ob es mich betrifft oder andere.
Im Jahr darauf wollte er das gleiche Spiel noch einmal spielen. Diesmal kannte ich es und blieb so stur wie er. Ich legte ihm eine formlose Erklärung mit meiner eigenen Unterschrift vor. Protest legte er keinen mehr ein. Er verließ sich auf seine Macht als Direktor, mit der er so manchen Schülerwillen gebrochen hatte. Mein Chemielehrer warnte mich: „Ich hab gehört, du sollst bei der Matura durchfliegen. Pass auf“. Kurz vor der Matura versuchte man es eleganter, wie man meinte. „Du wirst wahrscheinlich nicht antreten können“, wurde mir gesagt. „Wieso? Ich werd` einen guten Erfolg haben im letzten Zeugnis“. „Du hast zu viele unentschuldigte Stunden“. „Bitte was?“ „Du warst kein einziges Mal in Religion“. „Wie auch, ich bin abgemeldet“. „Wir haben aber keine Abmeldung gefunden“. Alternative: Entweder Prüfung in Religion oder Matura erst im Herbst. Im schlimmsten Fall Wiederholung der achten Klasse. Ein verlorenes Semester an der Uni. Vielleicht ein ganzes Jahr. „Ach so? Ich weiß, dass ich mich abgemeldet habe. Wenn Ihr das Papier verschmissen habt – Eure Schlamperei ist nicht mein Problem“. „Es gibt keine Abmeldung mit der Unterschrift Deiner Eltern“. „Also, ich würde es nicht auf eine Klage ankommen lassen. Da ist der Landesschulrat noch das Geringste, wovor Ihr Euch fürchten müsst. Entweder Schlamperei oder Absicht, damit ich nicht antreten kann. Warum, wissen alle hier.“
Eine Drohung, die wirkte. Danach war nie wieder die Rede von angeblichen Fehlstunden. Und (nachweisliche) Versuche einiger Lehrer, mich bei der Matura durchfliegen zu lassen, scheiterten kläglich. Der ungeliebte Aufmüpfige kam locker durch – auch dank Entscheidungen der Kommission, die die Note einer schriftlichen Arbeit, sagen wir, radikal ausbesserte. In einem bis dahin an dieser Schule nicht gekannten Maße. Zwei MKV'ler, brav allesamt und die vergangenen zwei Jahre mit einer gewissen Narrenfreiheit ausgestattet, mussten es ein zweites Mal versuchen.
Eine späte Genugtuung, zugegebenermaßen. Dass der werte Direktor Biberle später, als ich auf ORF NÖ [Österreichischer Rundfunk, Niederösterreich] als Reporter dauernd zu hören war, mich bei Ausflügen auf Berghütten angeblich als seine Entdeckung darzustellen versuchte, passt irgendwie zu diesem Charakter. In Dimensionen der niederösterreichischen Provinz wurde jetzt ich als Autorität gehandelt. (Wobei ich mich nie so fühlte). Und als solche hatte auf einmal ich das Recht, auf meinen Rechten zu beharren. Da übersieht auch ein überzeugter Katholik und Machtmensch gerne, dass er die neue „Autorität“ wegen seiner Prinzipien schikaniert hatte. Der gestern verfolgte Atheismus wird bei dieser Machtkonstellation zum vernachlässigbaren charakterlichen Mangel. Wär`so viel spieß- und kleinbürgerliche Armseligkeit nicht so lästig und gehässig, man könnte über sie lachen. Aber vielleicht gewinnt der noch vorhandene Zorn, den ich beim Schreiben spüre, die Oberhand über meinen Sarkasmus. Sonst würd` ich jetzt aus vollem Hals lachen, bis mir die Tränen kommen.
Christoph Baumgarten





