Der Weg eines demokratischen Sozialisten

(hpd) Richard Löwenthal (1908-1991) gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zu den bedeutendesten Intellektuellen und Politikwissenschaftlern der Bundesrepublik Deutschland. Als journalistischer Autor und politischer Betrater nahm er auch Einfluss auf die Tagespolitik.

Ideengeschichtlich ist darüber hinaus seine Biographie von Interesse, gehörte Löwenthal doch in der Weimarer Republik zunächst der KPD an, verstand sich nach dem Bruch mit der Partei in den 1930er und 1940er Jahren als undogmatischer Marxist und trat nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der Bundesrepublik Deutschland der SPD bei. Ebendort wirkte er auch in unterschiedlichen Gremien und Kommissionen mit. Während seines politischen und wissenschaftlichen Arbeitens und Lebens beschäftigte Löwenthal sich immer wieder mit den Diktaturen, zunächst mit dem Faschismus, danach mit dem Stalinismus und schließlich mit dem Totalitarismus. Seine Schlüsseltexte zur Interpretation dieser Weltanschauungsdiktaturen findet man gesammelt in dem Band „Faschismus – Bolschewismus – Totalitarismus“.

Der Herausgeber Mike Schmeitzner, Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, hat ihnen eine informative Einführung zu Leben und Werk Löwenthals vorangestellt. Darin geht es vor allem um dessen politische Entwicklung, die sich auch in den Analysen zu Faschismus und Nationalsozialismus, Bolschewismus und Sowjetkommunismus zeigen. Untergliedert ist der voluminöse Band in acht große Teile. In den ersten drei Kapiteln geht es um die Träger und Voraussetzungen des Nationalsozialismus, die seinerzeitigen Tendenzen in der Sowjetökonomie und das Verhältnis von Deutschland und Russland vor und während des Zweiten Weltkriegs. Der folgende Teil enthält Auszüge aus Löwenthals Buch „Jenseits des Kapitalismus“ von 1947. Danach finden sich noch vier weitere Kapitel zur Entwicklung des Sowjetkommunismus, dem besonderen Totalitarismusverständnis, der Dynamik innerhalb der Sowjetunion der 1960er Jahre und der Entmenschung der Jenseitsreligionen im Fundamentalismus.

Die Edition von Löwenthals Schriften will insbesondere Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen in dessen Denken nachgehen, vom sozialistischen Faschismustheoretiker zum konsensliberalen Totalitarismustheoretiker, vom undogmatischen Marxisten zum pluralistischen Sozialreformer. Über Löwenthal heißt es: „Während er in einer ersten, Mitte der 1930er Jahre zu verortenden Phase Faschismus und Bolschewismus aus marxistisch, revolutionärer Sicht analysierte und dabei seine weltanschauliche Nähe zur ‚sozialistischen’ Sowjetunion durchblicken ließ, hatte sich seine Sicht zehn Jahre später schon zum Teil erheblich verändert. Löwenthals Perspektive war jetzt die eines demokratischen Sozialisten, der sich dem parteienpluralistischen Demokratiemodell angenähert hatte und vor diesem Hintergrund dem sowjetischen Modell jedwede Vorbildwirkung absprach, ja es erstmals mit dem deutschen Nationalsozialismus gemeinsam thematisierte und in mehreren Punkten sogar vergleichend analysierte“ (S. 31).

Schmeitzners Edition kommt das Verdienst zu, weit verstreute und schwer zugängliche Texte Löwenthals wieder einem heutigen Leserkreis zugänglich gemacht zu haben. Seine kenntnisreiche und problemorientierte Einleitung liefert auch die wichtigen Informationen, um die inhaltlichen Brüche und Verschiebungen in seinen Analysen gut erfassen zu können. Mitunter wäre dabei aber auch weniger mehr gewesen. Gut ein Viertel der Texte hätte man zugunsten der Konzentration auf die entscheidenden Beiträge mit entsprechenden Neuansätzen wegfallen lassen können. Dadurch könnten gerade die besonderen Deutungen Löwenthals stärkere Aufmerksamkeit finden. Im Unterschied zu anderen Ansätzen der Totalitarismusforschung stellte er etwa mehr auf die Dynamik solcher Systeme ab und trug dadurch zu einer wichtigen Differenzierung der Analysen bei. Im letzten Beitrag des Bandes, der aus dem Jahr 1986 stammt, warnte Löwenthal übrigens schon vor den Gefahren eines islamischen Fundamentalismus. Seine Analysen verdienen auch heute noch Interesse.

Armin Pfahl-Traughber

 

Richard Löwenthal, Faschismus – Bolschewismus – Totalitarismus. Schriften zur Weltanschauungsdiktatur im 20. Jahrhundert. Herausgegeben und eingeleitet von Mike Schmeitzner, Göttingen 2009 (Vandenhoeck & Ruprecht), 678 S., 74 €