BERLIN. (hvd-b/hpd) Auf dem Berliner Breitscheidplatz sitzt die zehnjährige Zora hinter einem kleinen Fußbänkchen und wartet auf Kundschaft. Schuhcreme, einige Lappen und Bürsten zum Polieren fremden Schuhwerks hat sie vor sich drapiert, doch niemand möchte anhalten und sich die Schuhe polieren lassen. So hockt sie weiter da und wartet. Es ist ein seltsames Bild mitten in Berlin.
Bestenfalls hält niemand aufgrund des beklemmenden Gefühls an, das entsteht, ließe man sich in einem öffentlichen Raum von einem Kind die Schuhe putzen. Zu sehr schreit eine solche Szene nach Kinderarbeit und ruft Kinderrechte auf den Plan. Doch in diesem Fall liegt man damit völlig falsch. Denn Zora kennt sich bestens mit diesem Thema aus. Viele Monate hat sich die Schülerin aus einer fünften Klasse der Joan-Miró-Grundschule im Berliner Bezirk Charlottenburg im Lebenskundeunterricht mit Kinderrechten befasst. Sie weiß, dass Kinderarbeit gemäß der UN-Kinderrechtskonvention verboten ist. Die Zehnjährige kennt die weltweit geltenden Rechte von Kindern und Jugendlichen, wie das Recht auf Bildung, das Recht auf Fürsorge oder das Recht auf Ernährung. Und gerade weil sie diese Rechte kennt, sitzt sie im Zentrum Berlins und will fremder Leute Schuhe putzen. Nicht, um sich einfach etwas Taschengeld dazuzuverdienen, sondern um ihren Teil beizutragen, wenn sie mit ihrer Lebenskundelehrerin Jutta Kausch und anderen Lebenskundeschülerinnen und -schülern Spendengelder für Kinder in Haiti und Chile sammelt.
Verheerende Erdbeben haben in Haiti hunderttausende Opfer gefordert, Zehntausende haben ihr Zuhause und Obdach verloren, darunter auch unzählige Kinder. Zwar haben die Erdbeben in Chile deutlich weniger Todesopfer gefordert und Menschen obdachlos gemacht, als in Haiti. Aber die Katastrophe rückte näher an die Kinder heran, da einige Schülerinnen und Schüler der deutsch-spanischen Schule betroffene Verwandte in dem südamerikanischen Land haben und hatten.
Angesichts der katastrophalen Umstände, die die Erdbeben hervorgerufen haben, geraten Kinderrechte hier wie da ins Hintertreffen. Mit ihrer Spendensammelaktion wollen die Lebenskundeschülerinnen und -schüler das UN-Kinderhilfswerk UNICEF unterstützen, um in Haiti und Chile die Kinderrechte auch unter extremen Bedingungen durchzusetzen. Dafür haben sich die 16 Kinder ordentlich ins Zeug gelegt. Fast zwei Stunden haben sie mit selbstgebackenen Keksen, Panadas (gefüllte Teigtaschen) und Freundschaftsbändern fast 250 Euro für das Kinderhilfswerk gesammelt. Diese werden die Schülerinnen und -schüler jetzt UNICEF übergeben. Es soll zur Unterstützung der Kinder in den beiden Erdbebenregionen eingesetzt werden.
Die zehn- und elfjährigen Schülerinnen und Schüler erfuhren während ihrer Spendensammelaktion aber auch hautnah, wie schwer es wäre, müssten sie sich ihr Geld auf der Straße verdienen. Mehrheitlich eilten die Passanten an den Kindern vorbei, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und kurz zuzuhören. Was für die Kinder zunächst nur eine persönliche Enttäuschung war, ist auch ein Zeichen zunehmender gesellschaftlicher Kälte und Ignoranz. Wenn wir nicht einmal mehr stehenbleiben und zuhören, wenn uns Kinder ansprechen oder nachfragen, wenn uns Zehnjährige ihre Schuhputzdienste zur Verfügung stellen, sollte uns das allen zu denken geben.
Was in solchen Momenten Hoffnung macht, sind Kinder, die sich selbstlos für andere einsetzen. Kinder wie die zehnjährige Zora, die an diesem Tag zwar keinen einzigen Schuh geputzt hat, aber um diese gemeinschaftliche Erfahrung des Sammelns zugunsten Anderer reicher mit ihren Mitschülerinnen und -schülern wieder in den Unterricht gegangen ist.
Thomas Hummitzsch
HVD Landesverband Berlin
hpd-video: Straßenkinder für einen Tag





