Rezension

"Militante Demokratie" – die Konzeption von Karl Mannheim

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Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes um 1894
Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes um 1894

Eine Demokratie dürfe nicht werterelativistisch sein, sondern müsse sich auch gegen ihre Gegner verteidigen. Diese Auffassung vertrat bereits in den 1940er Jahren Karl Mannheim, der damals im Exil lebende deutsche Soziologe. Seine Ausführungen dazu sind jetzt als kurzes Buch "Militante Demokratie. Reden zur Re-Education" erstmals in deutscher Sprache erschienen. Die Betrachtungen sind (leider) auch für die Gegenwart relevant.

Wenn Demokratien gefährdet sind, dürfen sie sich dann gegen derartige Gefahren wehren? Diese Frage wurde bereits intensiver nach dem Niedergang der Weimarer Republik diskutiert, wo entgegen weit verbreiteter Annahmen durchaus Möglichkeiten für bestimmte Organisations- und Publikationsverbote bestanden. Es mangelte eher an einem politischen Willen, derartige Maßnahmen auch in die Praxis umzusetzen. Einige später aus Deutschland geflohene Intellektuelle reflektierten systematischer über diese Problematik. Am bedeutendsten waren hier Karl Loewenstein (1891–1973), ein Staatsrechtler, und Karl Mannheim (1893–1947), ein Soziologe. Beide sprachen unabhängig voneinander von einer "militanten Demokratie", wobei es jeweils auch Unterschiede gab. Erstaunlicherweise sind die betreffenden Ausführungen nicht in die deutsche Sprache übersetzt worden. Damit verhält es sich bezogen auf Mannheim jetzt anders, erschien doch als "Militante Demokratie. Reden zur Re-Education" eine kleine Textsammlung genau zu dieser Thematik.

Buchcover

Ihnen vorangestellt ist eine längere Einleitung des Herausgebers Oliver Neun, der viele Angaben zum erstmaligen Erscheinen macht. Er vergleicht auch kurz die Konzepte von Loewenstein und Mannheim miteinander. Eher hätte man sich aber eine allgemeine problemorientierte Einleitung vorstellen können, handelt es sich doch hier um eine überaus aktuelle Thematik. Gleichwohl kommt der Edition ein großes Verdienst zu, eben solche Beiträge wieder für die allgemeine Diskussion zugänglich gemacht zu haben. Es geht dabei um Auszüge aus dem Buch "Diagnosis of Our Time" von 1943, worin "militante Demokratie" als Konzeption genauer entwickelt wurde. Dem folgen Auszüge aus Radioansprachen, worin sich Mannheim insbesondere zu "Neuerziehung" äußerte. Die hohe Bedeutung damit einhergehender Fragen macht schon deutlich, dass es ihm auch und gerade um eine kulturelle Demokratisierung der Gesellschaft ging. "Militante Demokratie" sollte nicht auf staatliches Handeln im engeren Sinne begrenzt sein.

Die bedeutsamen Ausführungen richten sich vor allem gegen einen Relativismus: "Laissez-faire-Liberalismus", so heißt es bei Mannheim, "verwechselt Toleranz mit Neutralität". Und weiter formulierte er: "Diese gleichgültige Haltung ging in unserer modernen Demokratie so weit, dass wir, aus bloßer Unparteilichkeit, aufhörten, an unsere eigenen Ziele zu glauben." Dazu gehörte für ihn die Einsicht, dass eine politische Freiheit gerettet und demokratische Kontrolle verwirklicht werden müsse. Aus diesem Bewusstsein leitete Mannheim ab, dass es hier einer "militanten Demokratie" als Konzeption bedürfe. Sie würde auch nur aktiv, "wenn es gilt, gemeinsam vereinbarte, rechtlich festgelegte Methoden sozialer Neugestaltung zu verteidigen und jene grundlegenden moralischen Werte wie Brüderlichkeit, gegenseitige Hilfe, Anständigkeit, soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Respekt für die Person usw. welche die Grundlagen einer sozialen Ordnung darstellen. (sic!) Die neue militante Demokratie wird daher auch eine neue Einstellung zu Wertbegriffen entwickeln."

Indessen blieb es bezogen auf die Konzeption bei Mannheim weitgehend bei diesen Worten, die sich noch dazu nur auf einer Druckseite der kurzen Monographie finden (S. 54). Weder wurden die Begriffe genauer definiert noch die Konzeption stärker entwickelt. So blieb vieles an dem interessanten Ansatz auch in der Schwebe. Die für eine "militante Demokratie" gemeinten Konturen werden eher vergleichend durch das kurz zuvor entstandene Konzept von Loewenstein veranschaulicht. Insofern sind auch die Ausführungen des Herausgebers dazu wichtig. Bedeutsam an den Betrachtungen von Mannheim ist darüber hinaus noch, dass er angedachte Maßnahmen auch immer hinsichtlich des politischen Systems verortet. So macht er konsequent und kontinuierlich auf die Differenzen aufmerksam, welche hier zwischen einer militanten Demokratie und einer diktatorischen Ordnung bestehen. Diese Ausführungen lesen sich wie für die Gegenwart geschrieben, wo Demokratiegegner sich über angeblich unangemessene Repression beklagen. Auch darin besteht die Aktualität dieser Texte.

Karl Mannheim, Militante Demokratie. Reden zur Re-Education, Herausgegeben und eingeleitet von Oliver Neun, Frankfurt/M. 2026, Klostermann-Verlag, 99 Seiten, 19,80 Euro, ISBN: 978-3-465-04750-6

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