(hpd) Der Soziologe Jean Ziegler hebt in seinem Buch „Der Hass auf den Westen“ die Gründe für den damit angesprochenen Unmut in den ärmeren Ländern hervor: arrogantes Gehabe, unverkennbare Doppelmoral und wirtschaftliche Abhängigkeit. So notwendig die dabei betonte Selbstkritik ist, so lässt sich das Elend der Entwicklungsländer doch nicht nur durch das Wirken des Westens allein erklären.
„Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.“ Für den Soziologen Jean Ziegler kommt es in diesem Satz von Jean-Paul Sartre auf das Wort „was“ an. Würde man „wer“ formulieren, würde dies einen verwerflichen Hass auf Menschen und Nationen bedeuten. Hassenswert sollten gleichwohl geistige wie materielle Unterdrückungsstrukturen sein. Hierzu gehört für Ziegler aus Sicht der überwältigenden Mehrheit der südlichen Völker die westliche Weltordnung, welche auf moralischer Anmaßung und struktureller Gewalt beruhe. In seinem Buch „Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“ fragt der emeritierte Professor der Universität Genf nach den Gründen für diese Abneigung. Dabei unterscheidet Ziegler zwischen einem inhaltlich berechtigten rationalen und einem fanatisch überdrehtem pathologischen Hass. Ihm geht es nicht um die letztgenannte Variante, die im islamistischen Terrorismus wie am 11. September 2001 seinen Ausdruck fand.
Im Zentrum von Zieglers Betrachtung steht vielmehr die Empörung, die sich aus den Folgen von struktureller Abhängigkeit und kolonialer Vergangenheit, wirtschaftlichen Entwicklungen und verachtenden Überlegenheitsgefühlen ergibt. Ihnen geht der Autor in den fünf Kapiteln seines Buches nach: Zunächst verweist er auf das lange historische Gedächtnis in den Entwicklungsländern, bestehe doch noch ein weit verbreitetes Wissen über die Kolonialmassaker und Sklavenjagd in den letzten Jahrhunderten. Viele westliche Politiker verfügten diesbezüglich über keine sonderliche Sensibilität, was am Beispiel der Auftritte von Sarkozy in Afrika exemplarisch veranschaulicht wird. Auch in ökonomischer Hinsicht bestünden trotz Abschaffung der Kolonialstrukturen weiterhin noch Abhängigkeiten zuungunsten der südlichen Länder. Letztendlich sei die gegenwärtige Weltordnung des globalisierten Finanzkapitals eine Erbfolge der Produktionsweisen, die auf der früheren Kontrolle der Länder mit all ihren Begleiterscheinungen beruhten.
Westliche Werteordnung?
Mit seiner viel beschworenen Werteordnung mache sich der Westen in den ärmeren Ländern lächerlich und unglaubwürdig, sei doch etwa der Menschenrechtsdiskurs früher wie heute von Doppelzüngigkeit und Schizophrenie geprägt. Gerade hierfür kann Ziegler, der auch Mitglied des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats ist, zahlreiche Beispiele liefern. Der Westen verstehe weder das Verlangen der südlichen Völker nach einer gerechten Sozialordnung noch deren Entschlossenheit bei der Verfolgung dieses Ziels. Ausführlich geht der Autor bezüglich der Konsequenzen dann noch auf die aktuelle Situation in Bolivien und in Nigeria ein. Abschließend wird für den Weg hin zu Befreiung und Gerechtigkeit auf Basis der Bewusstmachung der Menschenrechte, der Konstruktion der Nation und der Rückgewinnung der Identität plädiert. Gerade in der Politik von Morales in Bolivien sieht Ziegler die richtige Schritte: Bekämpfung des sozialen Elends, Aufbau eines entkolonialisierten Nationalstaates, Rückgewinnung der Bergwerke und Erdölvorkommen.
Arroganz, Doppelmoral, Ignoranz und Zynismus
Ziegler liefert eine Reihe von nachvollziehbaren Gründen dafür, dass sich innerhalb der südlichen Länder ein Hass auf die westliche Welt ausgebreitet hat. Arroganz und Doppelmoral, Ignoranz und Zynismus kann man kaum leugnen. Und ebenso zutreffend darf die Skizzierung eines universellen Konfliktpotentials eingeschätzt werden. Daher trägt der Autor auch zu einer begründet kritischen Sicht des Westens bei.
Gleichwohl bedarf es auch einiger kritischer Anmerkungen aus formalen und inhaltlichen Gründen: Mit seiner flotten Schreibe wirkt Ziegler mitunter etwas oberflächlich. Mal belegt er genau Angaben und Zitaten, mal lässt er es bleiben. Die südlichen Länder kommen darüber hinaus fast nur als Objekte vor: Politische Korruption und mangelnde Rechtsstaatlichkeit können aber nicht pauschal auf das Schuldkonto des Westens verbucht werden. Und manche Stimme der Entwicklungsländer wie die von Castro ist keine demokratische Stimme. Gleichwohl verdient der Band Aufmerksamkeit, denn Selbstkritik sollte auch eine Tugend des Westens sein.
Armin Pfahl-Traughber
Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren, München 2009 (C. Bertelsmann-Verlag), 288 S., 19,95 €





