Vom späten Eintritt in die SED bis zur Gründung einer nach ihr benannten Partei: Jürgen P. Lang zeichnet in seiner ideengeschichtlichen Biographie den ungewöhnlichen politischen Weg Sahra Wagenknechts nach. Dabei geht es weniger um tagespolitische Anekdoten als um die innere Logik eines Denkens, das zwischen Kontinuität und Wandel oszilliert und ihr ebenso viele Etiketten wie Gegner eingebracht hat. Lang zeigt, wie aus der linken Außenseiterin eine prägende Figur der deutschen Politik wurde und warum ihr Versuch eines linken Populismus am Ende an seine Grenzen stieß.
Mit "Sahra Wagenknecht – Von der SED zum BSW" legt Jürgen P. Lang die erste ideengeschichtliche Biographie einer Frau vor, die von einer Außenseiterposition gestartet ist, um die deutsche Politik maßgeblich mitzuprägen. Er verfolgt ihre Entwicklung vom Eintritt in die Sozialistische Deutsche Einheitspartei (SED), der sie noch kurz vor Ende der DDR beitrat, über deren Wandlung zur Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), wo sie den Stalinismus für sich entdeckte und eine "Sozialdemokratisierung" der Partei verhindern wollte, die Vereinigung mit der Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (WASG) und der Gründung der Partei Die Linke bis zu ihrer eigenen Partei, dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW).
Dem Populismusexperten Lang ist dabei wichtig, sowohl Entwicklungen und Wandel im Denken Wagenknechts nachzuvollziehen, als auch Kontinuität abzubilden. Schließlich dürfte kaum jemand im deutschen Politikbetrieb über die Jahre so viele verschiedene Etiketten aufgedrückt bekommen haben wie Wagenknecht: Stalinistin, Nationalistin, Linkskonservative und zu guter Letzt Populistin.

Lang arbeitet heraus, dass Wagenknechts Entwicklung einer eigenen Logik folgt und sich schlüssig nachvollziehen lässt, unabhängig davon, ob man ihre politischen Einstellungen teilt. Einem Populismus von rechts versuchte sie zuletzt einen Populismus von links entgegenzusetzen, wobei dieses Projekt nach Einschätzung des Autors letztlich als gescheitert angesehen werden muss. Interessant ist auch ihr Verhältnis zur Alternative für Deutschland (AfD), deren Aufstieg sie auch für ein Problem der politischen Linken hielt, dem Lang einen eigenen Abschnitt mit dem Titel "Mit der AfD gegen die AfD?" widmet.
Inzwischen hat sich Sahra Wagenknecht aus der operativen Führung ihrer eigenen Partei zurückgezogen, um sich in einer Grundwerte-Kommission der Weiterentwicklung ihrer Ideologie zu widmen, deren Reinheit ihr über die Jahre immer ein Anliegen war und wo auch ihre Stärke liegt, die eher nicht in organisatorischen Dingen zu finden ist. Vielleicht ist es ihr auch wegen ihrer ideologischen Stärke gelungen, eine Truppe an treuen Weggefährten um sich zu scharen, so dass sie die erfolgreichste Partei gründen konnte, die den Namen einer Einzelperson im Titel trägt, auch wenn dies absehbar geändert werden soll.
Trotz des Rückzugs von Sahra Wagenknecht aus dem operativen Politikbetrieb bleibt das Buch relevant, da es nicht nur die historische Entwicklung einer einflussreichen Politikerin nachzeichnet, sondern damit auch einen Typus von Partei erklärt, den es vor Gründung des BSW in der Bundesrepublik so nicht gegeben hatte, der aber in anderen Ländern Europas durchaus Erfolge feiert. Man könnte diesen Typus, linkskonservativ oder linkspopulistisch nennen, auch wenn der Populismusexperte auf die Schwierigkeit einer Einsortierung von Populismen in das politische Links-Rechts-Schema hinweist. Jürgen P. Lang ist es mit seinem Buch gelungen, ein Stück Zeitgeschichte einzufangen und ideengeschichtlich verständlich zu machen. Zusätzlich weist die Geschichte von Sahra Wagenknecht über ihre Person hinaus und sorgt so dafür, dass das Buch auch weiterhin relevant bleibt.
Jürgen P. Lang, Sahra Wagenknecht – Von der SED zum BSW. Baden-Baden 2025, Nomos Verlag, 209 Seiten, 39 Euro






