Essay

Wenn die Kirchenglocken nicht mehr läuten

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Die Dominikanerkirche in Maastricht wurde zu einer Buchhandlung umfunktioniert
Buchhandlung Dominikanerkirche Maastricht

Der hpd hat sich wiederholt mit der rückläufigen Kirchenmitgliedschaft in Deutschland beschäftigt und dabei vor allem die Fakten zahlenmäßig dargestellt und die wünschenswerten politischen Konsequenzen aufgezeigt. Der folgende Beitrag beschäftigt sich nun mit geistigen und kulturellen Aspekten dieser Entwicklung. Der Mitgliederschwund bei den Kirchen in Mitteleuropa wird nicht selten als Problem gesehen. Doch wem geht dadurch wirklich etwas verloren, und wer könnte dadurch etwas gewinnen?

Ostersonntag 2075: Die Frühlingsboten zwitschern. Fast nirgends sind noch Kirchenglocken zu hören. Nur noch etwa ein Drittel der Bevölkerung bekennt sich zu einer der drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam. Viele Kirchen wurden inzwischen außer Dienst gestellt, für praktische oder kulturelle Zwecke umgebaut oder, wenn architektonisch wertlos, abgerissen. Die größten und schönsten werden weiterhin mit staatlicher und privater Förderung intakt gehalten. Ihnen bleibt vorerst das Schicksal der griechischen und römischen Tempel erspart, deren Ruinen uns heute noch mit ehrfürchtiger Bewunderung erfüllen. Hat vielleicht die geistige und politische Entwicklung der zurückliegenden 2.000 Jahre quasi zu den antiken Anfängen zurückgeführt? Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Geschichte, um zu rekapitulieren, wie die teilweise christlichen Grundlagen unserer Gesellschaft entstanden sind.

Um die Zeitenwende besaß Israel im Römischen Reich eine begrenzte Autonomie und stellte eine Art Gottesstaat dar. Jesus von Nazareth versuchte, die Gesellschaft zu einer einfacheren, auch dem menschlichen Gefühl folgenden Haltung hinzuführen. Als sich die Christen von den Juden abgespalten hatten, verdammten ihre Meinungsführer bald alle, die nicht ihrer Auslegung des Evangeliums folgten. Nach der Machtübernahme des Christentums im römischen Reich wurden Religionsfreiheit und Gedankenfreiheit abgeschafft. Erst durch die pragmatische Beendigung des 30-jährigen Glaubenskrieges im Westfälischen Frieden (1648) wurde schrittweise eine Machtreduzierung der Kirchen eingeleitet. Allmählich regte sich dann bei den Menschen auch das Bedürfnis nach Demokratie. Von den Kirchen wurde dies lange nicht unterstützt; überwiegend versuchten sie eine derartige Neuordnung zu verhindern, wie zum Beispiel der Vatikan im Italien des 19. Jahrhunderts. Die heutige Meinungs- und Glaubensfreiheit wurde in unseren Gesellschaften teilweise erst im 20. Jahrhundert nach Besiegung totalitärer Regime erkämpft.

Welche für das heutige Europa grundlegenden sittlichen Ideale verdanken wir dem Christentum? Dass moralisch gutes Verhalten nicht von Jenseits-Hoffnungen beziehungsweise -Ängsten abhängen sollte, dürften heute wohl auch viele Christen so sehen. Fragen der Sittlichkeit waren in der Antike Sache der Philosophen. Deren Wissen und Gedankengut wurde im Mittelalter in einen kirchlichen Rahmen gestellt und lange tradiert, aber auch zensiert. Als Definition des Sittlichen haben sich in der Neuzeit religionsunabhängige Prinzipien wie die sogenannte Goldene Regel durchgesetzt. Diese ist in verschiedenen Formulierungen zu verschiedensten Zeiten weltweit bezeugt.

Das eher überstrapazierte Gebot der "Nächstenliebe" hat seinen Ursprung im Judentum (3. Buch Mose 19,18). Die vielleicht einzige genuin christliche Haltung tritt uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,29-37) entgegen: Unsere Hilfsbereitschaft soll nicht davon abhängen, ob ein Hilfsbedürftiger zur eigenen Gruppe gehört oder nicht. Wie bekannt, entfaltet und differenziert sich das Ideal solch eines Universalismus von der Philosophie der Aufklärung bis hin zu den verschiedenen modernen Proklamationen von Menschenrechten.

Der Schrumpfungsprozess der Kirchen wird kaum Bedeutung haben

Der Schrumpfungsprozess unserer Kirchen (außereuropäische Kontinente bleiben hier außer Betracht) wird für das moderne Weltbild und die freiheitlich-demokratischen Ideale unserer Gesellschaft kaum Bedeutung haben. Diese werden heute bekanntlich von Autokraten und Fundamentalisten herausgefordert, teilweise unterstützt durch christliche Gruppierungen, vor allem in den USA. Im übrigen verteidigen die Kirchen noch immer erfolgreich ihre Einflussnahme auf unsere Gesellschaft. Sie sind in wichtigen Gremien, etwa dem Deutschen Ethikrat oder in den Rundfunkräten, überrepräsentiert. Doch ist damit zu rechnen, dass die kirchlichen Einflussmöglichkeiten nach und nach auf ein angemessenes Maß zurückgeführt werden. Unter anderem wird es irgendwann an den Schulen nur noch Religionskunde und keinen missionarischen Religionsunterricht mehr geben. Und an den Hochschulen werden die Lehrstühle für Theologie weitgehend entfallen; die verbleibenden werden nicht mehr aus Steuermitteln finanziert. 

Andererseits wird sich manch religiöses Brauchtum erhalten, nicht zuletzt an großen, gesellschaftlich verbindenden Feiertagen. Auch die künftige Mehrheitsgesellschaft wird sich wohl weiterhin an vielen christlichen Kulturleistungen erfreuen. Im übrigen hat die kirchliche Vergangenheit das Erscheinungsbild und die Atmosphäre unserer Städte und Dörfer in ansprechender Weise geprägt. Schon im 19. Jahrhundert beschäftigte dies den religions- und kirchenkritischen jungen Schweizer Dichter Gottfried Keller im "Grünen Heinrich" (um 1850):

"(…) wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem duftigen Berge stehe in der kristallklaren Luft, so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik, und ich habe schon oft darüber spintisiert, durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentums das schöne Geläut wohl erhalten werden dürfte."

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