Irrungen, Wirrungen – fünf Jahre Benedikt XVI.

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Foto: Thomas Häntsch

ROM. (hpd) Seit dem Beginn des Pontifikates von Papst Benedikt XVI., dem 8. Papst deutscher Herkunft, sind fünf Jahre vergangen. In dieser Zeit standen für den Bischof von Rom zahlreiche Fettnäppchen und Fußangeln parat und man hat den Eindruck, als hätte er sie gesucht, denn die Pannen, Eklats und Peinlichkeiten sind zahlreich gewesen.

Als am 19. April 2005 Kardinal Ratzinger, bis dahin Chef der Kongregation für Glaubensfragen, die Benediktionsloggia (Mittelbalkon der Vatikanischen Basilika) betrat und in der Art eines Popstars mit erhobenen Händen die Massen auf dem Petersplatz huldvoll grüßte, entfachte er einen Sturm bizarrer Begeisterung. Plötzlich waren „Wir“ Papst, obwohl die wenigsten der Deutschen die Voraussetzungen dafür erfüllen.

Dieser Sturm der Begeisterung legte sich nach kurzer Zeit, und man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass es der Pontifex selber war, der dafür verantwortlich zeichnet.

Die Hoffnungen der Katholiken richteten sich nach dem Amtsantritt auf eine weitere Reformierung der Kirche, besonders, weil Josef Ratzinger - gemeinsam mit seinem damaligen Kollegen und heutigem Widersacher Hans Küng - als Berater des 2. Vatikanischen Konzils tätig war.

Heute, nach fünf Jahren, ist die Enttäuschung groß über den Papst und nicht nur bei Kritikern der Katholischen Institution sondern auch in den eigenen Reihen. Dabei wussten sehr viele Menschen, dass Papst Benedikt XVI., der stets mit ruhiger, fast einschläfernder Stimme spricht, lange Jahre als der „Panzerkardinal“ bekannt war.

Die Pannenserie lässt selbst eingefleischte Kenner den Kopf schütteln. Da ist die Rede von Führungsschwäche, obwohl Ratzinger als Denker gilt. Marco Politi, langjähriger Vatikan-Korrespondent, sagte, dass kein Pontifikat der Neuzeit von so vielen Krisen gekennzeichnet sei, wie das von Benedikt XVI.

Den ersten Krach beschwor Benedikt mit seiner Rede an der Universität Regensburg 2006 herauf. Als er zum Thema „Glaube und Vernunft“ sprach, ließ er jede Vernunft außen vor. Eine Welle der Gewalt brach aus, als die muslimische Welt erfuhr, dass das Oberhaupt der Katholiken mit dem Zitat eines byzantinischen Kaisers: „Zeig mir doch, was Mohamed neues gebracht hat. Und da wirst du, so sagt er, nur Schlechtes und Inhumanes finden – wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“, die zweite große Weltreligion hartherzig angegriffen hatte. Für jeden, der die brutale Vorgehensweise des Christentums bei der Missionierung der Welt kennt, spottet diese Aussage jeder Beschreibung.

Nachdem er den Fehler erkannte, sorgte er mit markigen Worten und religiösen Gesten für Entschärfung. So betete der Papst bei seinem heftig umstrittenen Türkeibesuch mit dem Großmufti in der blauen Moschee. Den Kampf zwischen Christen und Muslimen konnte der zweifelhafte Schulterschluss der mächtigen Führer nicht befrieden. Außer Gesten nichts gewesen.

Doch Benedikt beließ es nicht dabei, die Muslime zu vergrämen. Er höchstpersönlich schrieb die Karfreitagsfürbitte neu und traf damit das religiöse Empfinden der Juden. Zitat: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchtet, damit sie Jesus Christus als den Retter der Menschen erkennen.“ Diese Sichtweise ist nicht die, bei der die Juden als die „Christusmörder“ bezeichnet werden, doch der Hinweis auf den einzig wahren Gott und Erlöser ist unverkennbar. Dieser Fehltritt ging einher mit der Wiederzulassung des alten (vom 2. Vatikanischen Konzil abgeschafften) Tridentinischen Ritus. Bei dieser Form der Messe, die in Latein gehalten wird, steht der Priester mit dem Rücken zum Kirchenvolk. Von der Mehrheit der Katholiken wird diese Form der Messe abgelehnt. Doch welch ein „Zufall“, es gibt noch Verfechter dieses Kultischen Brauches – die Piusbrüder.

Man kann argwöhnen, dass der Papst mit dieser Maßnahme der umstrittenen und erzkonservativen Bruderschaft ein Geschenk machen wollte. Denn der einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn, wie er sich selber gern nennt, will diese Leute in die Kirche zurückholen. Man muss wissen, dass die Piusbrüder 1988 aus der Römisch-Katholischen Kirche ausgeschlossen wurden, weil sie – ohne Auftrag von Rom – Bischöfe ernannten. Aus katholische Sicht eine Art Sakrileg. Wäre da nicht ein gewisser Bischof Richard Williamson gewesen, der den Mord an Juden in der Zeit des Nationalsozialismus bestritt, hätte man in Rom in aller Stille die Stricke ziehen können, die die Bruderschaft der Hardliner wieder an die Herde binden.

Letztendlich einigte man sich auf die Sichtweise, dass der Papst Opfer von Inkompetenz der Kurie geworden sei. Er kann nicht alles wissen, so das offizielle aber sehr fragwürdige Fazit.

Hat Benedikt XVI. schon vergessen, dass er früher der oberste Glaubenswächter war und über das Wesen der Piusbrüder sehr wohl Bescheid gewusst haben muss?

Scheinbar liegt es an anderen exorbitanten Problemen, die dem Papst erheblich zusetzen. Bei seinem Besuch in Lateinamerika wetterte der Pontifex gegen die Anhänger der Befreiungstheologie und bezeichnete die soziale Bewegung von gläubigen Katholiken als „Marxismus im theologischen Gewand.“ Es darf eben nichts stattfinden, was nicht vom Vatikan abgesegnet wurde und man hat das Gefühl, das trifft vor allem Bewegungen, die besser und vor allem menschlich geprägter arbeiten, als es die „Konzernstrategie“ vorschreibt. Den Bischöfen in Lateinamerika wurde gehörig der Kopf gewaschen, weil sie es unter anderem auch versäumen, die Schafe zusammenzuhalten, die immer mehr abwandern und ihr Seelenheil in den Evangelikalen Pfingstkirchen suchen. Betrachtet man das alles rational, kommt man zum Schluss, dass die Evangelikalen zwar anders als die Katholische Kirche, aber kaum besser sind.