Papst Leo XIV. hat den "Zerstörer des Friedens" identifiziert. Gemeint ist nicht Wladimir Putin, nicht das Leid in Gaza, Syrien oder im Iran – sondern der Schwangerschaftsabbruch. Mit drastischer Sprache greift das Oberhaupt der katholischen Kirche erneut ein Thema auf, das für ihn offenbar höher rangiert als reale Kriege, autoritäre Gewalt und millionenfaches menschliches Elend.
Als hätte die Welt derzeit nicht dringendere Probleme, inszenierte sich Papst Leo XIV. bei einer Audienz am vergangenen Samstag als kompromissloser Hardliner. Unter Berufung auf Mutter Teresa erklärte er, es könne keinen Frieden geben, solange der "Krieg der Menschheit gegen sich selbst" nicht beendet werde – womit er Abtreibungen meinte. Die logische Konsequenz aus dieser Haltung: Ein globales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen – und schon herrscht Frieden? Willkommen in einer moralischen Gedankenwelt, die vielleicht ins Mittelalter passt, aber sicher nicht ins 21. Jahrhundert.
Frauenrechte, körperliche Selbstbestimmung, soziale Realität – all das spielt in dieser Argumentation keine Rolle. Stattdessen greift Leo XIV. auf die Worte Mutter Teresas zurück, die 1994 vor Mitgliedern von US-Senat und Repräsentantenhaus erklärte: "Jedes Land, das Abtreibung akzeptiert, lehrt sein Volk nicht zu lieben, sondern zur Gewalt zu greifen, um zu bekommen, was man wünscht. Das ist der Grund, warum Abtreibung der größte Zerstörer der Liebe und des Friedens ist."
Diese Aussage ist ebenso absurd wie radikal und entlarvend. Denn sie setzt medizinische Eingriffe, die oft aus Notlagen heraus erfolgen, mit Gewalt gleich – und blendet konsequent aus, was Abtreibungen in der Realität sind: Teil der Gesundheitsversorgung, Ausdruck individueller Gewissensentscheidungen und oft die einzige Möglichkeit, Leid zu begrenzen. Dass Mutter Teresa zugleich Empfängnisverhütung strikt ablehnte – selbst in Regionen extremer Armut – fügt sich nahtlos in ihre Grundüberzeugung. Eine Weltanschauung, in der moralische Prinzipien über die harten Realitäten des Lebens gestellt werden.
Besonders problematisch wird diese Haltung dort, wo kirchliche Dogmen ganz real in staatliche Strukturen hineinwirken. In Deutschland etwa geht die katholische Kirche juristisch gegen jene vor, die sie als "Zerstörer des Friedens" betrachtet. Der Fall des Gynäkologen Joachim Volz zeigt dies exemplarisch (siehe dazu auch den heutigen Artikel des hpd): Nach einer Krankenhausfusion untersagte ein katholischer Träger dem Arzt, weiterhin Schwangerschaftsabbrüche im Lippstädter Krankenhaus durchzuführen. Volz brachte sein Entsetzen treffend auf den Punkt: "Schluss mit religiösen Vorschriften in öffentlichen Krankenhäusern. Kirchliche Dogmen haben dort nichts zu suchen. Medizin braucht Herz und Verstand, keine Moralpredigt."
Der Papst spricht vom Frieden – meint aber Kontrolle. Kontrolle über weibliche Körper, über reproduktive Entscheidungen, über moralische Deutungsmacht. Dass ausgerechnet eine Institution, die über Jahrhunderte Gewalt legitimiert, Missbrauch vertuscht und autoritäre Strukturen verteidigt hat, sich heute als Hüterin des Friedens aufspielt, ist eine bittere Ironie. Die Kirche besitzt sicherlich keine Überlegenheit in moralischen Fragen.
Frieden entsteht nicht durch Verbote, Dogmen oder Schuldzuweisungen religiöser Art. Frieden entsteht durch soziale Sicherheit, Bildung, medizinische Versorgung und das Recht, über das eigene Leben selbst zu entscheiden. Wer Abtreibungen zum "größten Zerstörer des Friedens" erklärt, verharmlost reale Kriege und Eroberungspläne – und erklärt Frauen einmal mehr zum Schlachtfeld einer moralischen Ideologie.







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