Ein Repressionsinstrument des NS-Staates

BONN. (hpd) Der Historiker Bastian Hein legt mit "Die SS. Geschichte und Verbrechen" eine knappe Darstellung zu Entwicklung und Wirken dieses Repressionsinstruments der totalitären NS-Herrschaft vor. Es handelt sich um eine gut strukturierte und überaus sachkundige Darstellung, die hier und da aber auch noch um analytische Aspekte angereichert hätte werden können.

Die SS steht für das brutale Repressionsinstrument des totalitären NS-Staates und spielte eine tragende Rolle bei der Umsetzung der Judenvernichtung. Der "Orden unter dem Totenkopf" (Heinz Höhne) erscheint daher auch als Inkarnation des Bösen, wodurch mitunter seine reale historische Dimension aus dem Blick gerät. Eine kurze und systematische Darstellung dazu liefert der Historiker Bastian Hein in seinem Buch "Die SS. Geschichte und Verbrechen". Der Autor hatte sich zum Thema habilitiert (Buchausgabe: "Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945", München 2012), was auch seine Kenntnis des aktuellen Forschungsstandes erklärt. Auf dessen Basis liefert er auf engem Raum eine historische Gesamtdarstellung, welche von den Anfängen in der Bewegungsphase der NSDAP über den institutionellen Aufstieg in der Systemphase bis zum Ende nach der Kriegsniederlage reicht. Entsprechend der Konzeption der Buchreihe "Wissen" des C. H. Beck-Verlags liegt somit ein Überblicksband auf engem Raum vor.

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Am Beginn macht Hein auf die gleichzeitige Existenz von zwei "Kampfverbänden" der NSDAP in Gestalt der SA und SS aufmerksam. Die Gründung der SS ginge darauf zurück, dass Hitler in dieser Frühphase des Nationalsozialismus seine parteiinterne Macht noch durch eine besonders loyale Gruppe sichern musste und wollte. Spätestens zu Beginn der 1930er Jahre sei die SS zur "Parteipolizei des 'Führers'" (S. 21) geworden. Und nach der Niederschlagung des angeblichen "Röhm-Putsches", wobei SA-Angehörige von SS-Angehörigen ermordet wurden, war spätestens gegenüber der parteiinternen Konkurrenz der herausragende Status erreicht. Hein informiert über diese Entwicklung, liefert aber auch immer wieder Informationen zu anderen bedeutenden Aspekten wie der Biographie von SS-Chef Heinrich Himmler ebenso wie zur Idee eines "nordischen Neuadels", zu Auswahl- und Aufnahmeverfahren ebenso wie zur Erziehung und Indoktrinierung der SS-Männer, zur Rolle im Konzentrationslagersystem ebenso wie zur Verschmelzung von Polizei und SS.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Rolle der SS im Zweiten Weltkrieg. Hier weist Hein auf bislang nicht genügend berücksichtige Aspekte hin, so heißt es etwa: "Über die Hälfte der Vorkriegsangehörigen der Schutzstaffel wurde … nicht zur Waffen-SS eingezogen, sondern zur Wehrmacht, in der bis Kriegsende rund 120.000 SS-Männer dienten" (S. 80). Demgemäß gehörten viele frühere Bewacher und Folterer aus den Konzentrationslagern den offiziellen Militäreinheiten an. Deren besonderes Agieren im Unterschied zu den Soldaten ohne SS-Vorlauf verdient sicherlich besondere Aufmerksamkeit. Hein geht indessen darauf nicht näher ein. Er widmet hier der Waffen-SS als kämpfender Einheit ebenso wie den Einsatzgruppen als Vollstrecker des NS-Rassenwahns besonderes Interesse. Der Band schließt mit Ausführungen zur Entwicklung nach 1945, wobei nicht nur die juristischen Verurteilungen thematisiert werden. Denn die SS sei auch das "Alibi einer Nation" (S. 103) gewesen, indessen hätten eben nicht nur deren Angehörige schlimme Verbrechen begangen.

Hein liefert eine knappe und sachkundige Darstellung zum Thema, ohne oberflächliche oder pauschalisierende Einschätzungen. Dabei behandelt er bis auf wenige Ausnahmen alle relevanten Gesichtspunkte. Zu diesen Ausnahmen gehört die genauere Bestimmung des Verhältnisses von SS und Waffen-SS, dominierte doch lange Zeit die Auffassung von zwei getrennten Bereichen – zumindest für die letzten Jahre des Krieges. Indessen geht Hein auf den Aspekt des Agierens früherer SS-Leute nach 1945 ein, macht etwa an Fallbeispielen deren Karriere im öffentlichen Leben deutlich. Hein behauptet aber auch, dass sich "ein Großteil der alten SS-Polizisten unauffällig in den neuen Rechtsstaat" (S. 113) eingefügt habe. Hier kann man mit guten Gründen anderer Auffassung sein. Er selbst schreibt über das Führungspersonal: "Hier waren … überzeugte und hochgradig motivierte 'Weltanschauungstäter' am Werk, die den nationalsozialistischen Kampf um 'Lebensraum' und gegen Juden mit ebensolcher 'Sachlichkeit' wie 'Unbedingtheit' führten" (S. 117).

 


Bastian Hein, Die SS. Geschichte und Verbrechen, München 2015 (C. H. Beck-Verlag), 127 S., 8,95 Euro